Shortlist Buchpreis 2026:
Mädchen, die sich ein Bild von sich machen, ihr Äußeres unter Einsatz jedes ihnen finanziell nur eben möglichen Mittels und in Kenntnis allerneuester Trends und Marken entsprechend gestalten, ihren Körper mit täglicher Disziplin und nach ausgeklügelten Methoden zu Kraftmaschinen trainieren, bis sie ihrem Bild ähnlich sind:
„Meine Wochen bestanden aus Routinen. Skincare, Haircare, Sport, Zahnaufhellungsstreifen, Maniküre, Pediküre. Ich hatte mir ein solides Wissen zu Bodyweighttraining, Proteinen, Vitaminen, Niacinamiden, Azelain, UVA- und UVB-Strahlung angeeignet, und über Reddit war ich auf etwas gestoßen, das meine Abende in Beschlag nahm: die Suche nach Mirror Replicas – makellos gefälschten Luxusartikeln.“
Und ihr Inneres? Das macht ihnen bei ihrem Kampf um ihr perfektes Selbstbild dummerweise einen Strich durch die Rechnung: Eifersucht, Dazugehörenwollen, sexuelle und emotionale Sehnsüchte lassen sich nicht so einfach unter Kontrolle bringen. Selbst ist die Frau, die junge – aber wenn die Befriedigung des Bedürfnisses nicht hinhaut, ist auch Gewalt ein probates Mittel.
Cora, die Hauptfigur in Franziska Gänslers Coming-of-Age-Geschichte, ihrem dritten erfolgreichen Roman, verwickelt die LeserInnen in ihr nicht unbedingt sympathisches Innenleben, das uns jedoch in seiner Komplexität vollständig in seinen Bann zieht. Sie ist diejenige, die erzählt, und zwar in der Rückschau. Gegenwärtig ist sie als Metzgereifachverkäuferin an der Fleischtheke eines Supermarktes gelandet. Und während sie routiniert die Wurstscheiben schneidet und die Theke bestückt, reflektiert sie, wie sie, die herausragende Privatschülerin, die kurz vor dem Abitur stand, an diesem Platz gelandet ist.
Angefangen hat alles, als sie Olympia wieder begegnet ist, einer Kindheitsfreundin, die nach einer Zeit in einer anderen Stadt mit ihrer Familie – Oma, Mutter, der jüngeren Schwester Rena – zurückgekehrt ist in die Siedlung, in der auch Cora früher mit ihren Eltern gewohnt hat. Beide kommen aus finanziell eher karg gestellten Familien. Cora ist nur durch harte Arbeit und eine Begabtenförderung an ihre Eliteschule gekommen. Olympia hat nach der 10. Klasse die Schule verlassen und arbeitet als Haushaltshilfe im Haus eines älteren Mannes, genannt der Elson, der die riesige Villa mit Garten von seinem verstorbenen Mann geerbt hat. Dort treffen die beiden später auf eine Gruppe von jungen Klimaaktivisten, die Elson von einem gemeinsamen Protestcamp mitgebracht hat und denen er beibringen will, wie sie, wenn die Klimakrise nach Erreichung der Kipppunkte endgültig aus dem Gleis geraten ist, durch Anbau, Zucht und Konservierung von Lebensmitteln als Selbstversorger überleben können. Olympia und Cora schließen sich der Gruppe an. Die beiden sind wie Yin und Yang: Olympia die Spontane, Emotionale, Betörende, die automatisch zum Mittelpunkt jeder Gruppe wird – und Cora, die Planende, Gebildete und Strukturierte, deren Platz der der einsamen Beobachterin ist.
Drei der zum „Orca“-Quartett gehörenden Mädchen sind damit vorgestellt (Rena, die dreizehnjährige Schwester, ist später als „Baby“ dabei), es fehlt noch die ältere, schon zwanzigjährige Ariel, die ihr Jurastudium abgebrochen und sich aus Überzeugung den Klimaaktivisten angeschlossen hat (Olympia – Rena – Cora – Ariel). Ariel zieht Olympia durch ihre entschlossene politische Haltung zu sich, Cora, die bei all dem nur mitmacht, weil sie, verspottete Außenseiterin an ihrer Schule, mit Olympia endlich einen Menschen gefunden hat, dem sie sich innig verbunden fühlt, gerät ins Hintertreffen. Aus diesem psychischen Konglomerat aus Eifersucht und Gruppendruck entwickelt sich nach und nach eine Radikalisierung des Quartetts, an deren Ende – natürlich – die Katastrophe steht. Auch wenn wir von Anfang an wissen, dass Olympia als mutmaßliche Terroristin verhaftet worden ist, erfahren wir erst am Schluss, was wirklich geschehen ist – Spannung garantiert.
All die Diskussionen um die richtige Strategie im Kampf gegen den Klimawandel erinnern ältere Lesergenerationen fatal an die Auseinandersetzungen aus der Zeit, als die RAF, der Radikalenerlass und später die Antiatomkraftbewegung die Gespräche der Jugend bewegte. Nach dem Motto „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ wurde auch damals Gewalt gerechtfertigt, wobei die einen Gewalt gegen Sachen von Gewalt gegen Menschen unterschieden, die anderen nicht. In Gänslers Geschichte verschwimmen selbst diese Grenzen bis zur Unkenntlichkeit, und die Gewalt zieht sich – zunächst in vereinzelten Szenen, später immer verdichteter – wie ein blutiger Faden durch die Seiten. Aus der Perspektive Coras geht es dabei nicht um hehre politische Ziele, sondern allein um ihr drängendes egozentrisches Bedürfnis, Olympia nicht zu verlieren und weiter dazuzugehören. Aber auch Olympia und Ariel treten ohne jede Gewissensnöte auf einen Menschen ein und glauben damit, ihrem Kampf für eine bessere Umwelt einen Dienst zu tun. Damals wie heute: Wie sehr ideologische Besessenheit den Wert des Menschen herabwürdigt, kann man auch in diesem Kontext der Gegenwart wieder studieren.
„Pünktlich um elf begannen wir, die Rollstühle in den Speisesaal zu schieben, ….. Die Alten waren jetzt wieder still, saßen reglos vor den leeren Tellern ….“, so überheblich und kalt hört sich das an, wenn Mädchen wie Cora von ihrer Schule aus allsonntäglich ein Praktikum in einem Altenheim machen. Dort lernt sie Lillian kennen, die unendlich reiche Tochter der Unternehmensberaterin Elisabeth Brecht, einer Lobbyistin für LNG-Terminals, dem Inbegriff einer Hassfigur für die Klimaaktivisten. Sie bewohnen eine Villa unweit des Elson-Hauses und Cora besucht beide von nun an regelmäßig, beinahe mehr fasziniert als abgestoßen.
Wachsende Klassengegensätze in der ach so demokratischen Gesellschaft, Auswirkungen der claustrophobischen Coronazeit mit ihren Ängsten, das Gefühl, dass alles sowieso längst zu spät ist, dass die Erwachsenen ihre Zukunft und die des Planeten unwiderruflich verspielt haben – diese drängenden Gegenwartssorgen werden in einer kaltblütigen und von Social Media über und über geprägten Jugendsprache verhandelt:
„Dann gingen sie durch, mit wem davon sie am ehesten aktivistischen Sex hätten. Auf jeden Fall nicht mit dem neuen Jeff Bezos. Lieber mit dem alten vor Fillern und allem……Ich glaub, mit Trump wär’ es leicht, der würd’ einen sofort mit ins Oval Office nehmen. … Er gibt mir auf jeden fall needy Vibes. Der würde danach nie einschlafen, bräuchte, dass man ihm ewig zuhört, ihn Daddy nennt und so…..“
Zum Zeichen ihrer Zusammengehörigkeit haben sich die Vier „ORCA“ aufs Handgelenk tätowiert. Als Cora mit Olympia über den Grund für die plötzlichen Angriffe der Orcas auf Jachten nachsinnt, meint Olympia:
„Rache, keinen Bock mehr auf Jachten in ihrem Meer. Sie lachte. Nee, so ticken Tiere nicht. Die spielen. Denen ist einfach langweilig.“
Sechs Jahre nach den Ereignissen lässt Cora die Vergangenheit Revue passieren. Hat sie dabei Erkenntnisse gewonnen? Es scheint nicht so. Sie erzählt ganz und gar unreflektiert, noch vollkommen identisch mit der Cora von damals, unmittelbar aus dem Geist einer intelligenten und gleichzeitig völlig verstörten und einsamen 17-Jährigen. Es ist diese authentische Stimme aus der Gegenwart, die diesen Roman so lesenswert macht und ihn zu Recht auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2026 landen ließ.
Franziska Gänsler: Orca
Kein & Aber, August 2026
Gebundene Ausgabe, 368 Seiten, 25 Euro
Diese Rezension wurde verfasst von Franziska Hielscher.
