Hallgrímur Helgason: 60 Kilo Sonntage

Mit diesem dritten Bande endet die herrliche Island-Sage von Hallgrímur Helgason, die ihren Protagonisten Gestur vom Jahrhundertbeginn bis in die 1930er Jahre auf den Weg in die Moderne begleitet. Der letzte Band setzt dem aberwitzigen Plot nochmals die Krone auf. Denn Island hat in den 1920er Jahren mächtig zu kämpfen. Als geografisch abgehängte Insel am nordwestlichsten Zipfel Europas, trifft der Fortschritt hier etwas verspätet ein – und prallt auf eine Bevölkerung, die noch an Zaubersteine und Feen glaubt und deren Genpool ein bisschen mehr Diversität vertragen könnte. So misstrauen die mit spärlichem Haarwuchs geschlagenen Isländer beispielsweise allen Männern mit vollem Haar, einem untrüglichen Zeichen dafür, dass es sich um einen Ausländer handeln muss.

Ein köstlicher Kultur-Clash: Island meets Amerika

Die Heringskrise, die Weltwirtschaftskrise und der beginnende Turbokapitalismus machen dem kleinen Inselvolk schwer zu schaffen. Dazu noch diese ärgerlichen „neumodischen“ Erscheinungen wie Kommunismus, Feminismus, Mindestlöhne für Arbeiter und arbeitsfreie Sonntage. Plus allerlei Weibsbild, das anfängt zu dichten und politisch mitzumischen! Am allerschlimmsten sind die Abstinenzler, Männer mit Bildung, die keinen Alkohol trinken! Für die trinkfreudigen Isländer bricht eine Welt zusammen… bevor sich eine neue auftun kann.

Als Culture Clash der besonderen Art lässt Helgason seinen Protagonisten Gestur im ersten Drittel des 778 Seiten starken Bandes in das modernste Land der damaligen Zeit aufbrechen – nach Amerika! Aus einem winzigen Kaff mit Grassodenhäusern kommend, wo Kinder in Ermangelung eines WCs noch hinter die Hausmauer kacken und selbst die gut situierten Bürger nur einmal pro Jahr baden, ist Gestur von New York völlig überwältigt. In aberwitzigen Episoden lässt der Autor die isländischen Einwanderer durch die Skyline tapsen. Manche weigern sich, das Teufelszeug namens Treppe zu benutzen, manche müssen beim Zugfahren erbrechen, andere geraten völlig unbedarft ins Rotlichtviertel. Wiederum andere weigern sich, das „Brech-Fast“ von den rußgeschwärzten Köchen – alias Afro-Amerikanern – auftischen zu lassen.

Grund für Gesturs Reise ist ein Brief seines Vaters, der lange Zeit als verschollen galt. Doch kaum in Amerika angekommen, häufen sich die Probleme. Gestur erfährt, dass dieser gar nicht sein richtiger Vater ist – und hegt gleichzeitig einen Verdacht. Aufgrund von diversen Missgeschicken verzögert sich Gesturs Heimfahrt um Monate. Kaum zurück im Heimatland muss er erkennen, dass ein neuer Mann in seinem Haus mit seiner Ehefrau Anna und der gemeinsamen Tochter wohnt. Dumm gelaufen.

Die 1920er Jahre – alles im Umbruch

Auch sonst hat sich einiges in Segulfrördur getan. Der Ort prosperiert, der Kommunismus und die Arbeiterbewegung nehmen Fahrt auf. Ein neuer Bürgermeister hält den Ort fest im Griff mit seinen unlauteren Machenschaften, während ein chaotisch-cleverer Geschäftsmann Gestur einen neuen Job anbietet. Der Mittdreißiger entdeckt plötzlich seine Leidenschaft für das Schreiben. Bei seinem besten Jugendfreund Skapti findet er Halt und wird unversehens in sozialistische Umtriebe gezogen. Dort wartet eine Menge Ärger – aber auch eine faszinierende Frau auf ihn. So sitzt Gestur mal wieder zwischen allen Stühlen. Zwischen Moderne und Tradition, Kommunismus und Kapitalismus, Amerika und Island, alter und neuer Liebe…

Was sich liebt, das neckt sich

Niemand zieht so herrlich über seine Landsleute vom Leder wie Hallgrímur Helgason. Gleichzeitig spricht aus jeder Zeile die pure Liebe für seine Landsleute samt ihren gewöhnungsbedürftigen Traditionen. Diesen Spagat meistert der vielfach ausgezeichnete Autor ausgezeichnet. Denn so kurios seine Einfälle sind, so wahnwitzig seine Situationskomik, so verliert er doch nie die leisen, häufig tragischen Untertöne aus den Augen. Das Leben in Island ist zur damaligen Zeit kein Zuckerschlecken. Armut, Bildungsmangel, Vorurteile, Missgunst, Korruption und Machtgefälle kennzeichnen den Alltag. Sexuelle Selbstbestimmung ist ein Fremdwort. Naturkatastrophen wie Lawinen und Stürmen sind die Bewohner schutzlos ausgeliefert. Zu alledem kommen persönliche Schicksale wie der Tod von Gesturs erster Tochter plus ein schlimmes Kindheitstrauma.

Mitten im Plot begeistern bissige isländische Reime

Dazwischen baut Helgason die isländische Rimur-Dichtung ein. Das Land, das angeblich keine Intellektuellen hat (weil es ständig mit dem nackten Überleben beschäftigt war), liebt seine Reime und Erzählungen, welche die langen, dunklen Winternächte erhellen. Beispiel:

Frost vorbei und Seuche überstanden,
Vulkan gebannt mit Singen,
könnt ich jetzt nen Pfaffen würgen,
würd‘ ein Lächeln sich mir entringen. (S.158)

Ein großes Lob an dieser Stelle für die großartige Übersetzung von Karl-Ludwig Wetzig. Er schafft es, das isländische Reimschema mühelos ins Deutsche zu übersetzen.rsetzung von Karl-Ludwig Wetzig. Er schafft es, das isländischen Reimschema mühelos ins Deutsche zu übersetzen.

Fazit: Der würdige Abschluss einer großen literarischen Saga! Hallgrímur Helgason, mehrfach mit dem Isländischen Literaturpreis ausgezeichnet, lauft zur Höchstform auf. Sprachgewaltig und bissig, aberwitzig, dramatisch und lehrreich zugleich. Wir erfahren viel über das Land am äußersten Zipfel Europas, das in vielerlei Hinsicht fremd und faszinierend ist. Ein Roman der auf mehreren Ebenen funktioniert. Sie können diesen Roman solo lesen – oder noch besser, als Einstimmung die beiden ersten Teil der Sage „60 Kilo Sonnenschein“ und „60 Kilo Kinnhaken“. Falls der Autor sich doch noch zu einer Fortsetzung hinreißen ließe… würde die Rezensentin dies sehr begrüßen!

Hallgrímur Helgason: 60 Kilo Sonntage.
Aus dem Isländischen übersetzt von Karl-Ludwig Wetzig.
Klett-Cotta, September 2026.
784 Seiten, gebundene Ausgabe, 28,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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