Carl hatte eigentlich alles: eine Freundin, ein Mietshaus in Seattle, eine prämierte Zuchtkatze – kurzum, ein kleines, zufriedenes Leben auf der Sonnenseite des amerikanischen Traums.
Dann jedoch machen außerirdische Invasoren sämtliche Gebäude des Planeten dem Erdboden gleich. Wer sich zu diesem Zeitpunkt in Häusern, Garagen oder Autos befand, ist verschwunden. Nur jene, die sich im Freien aufhielten, erhalten eine letzte Chance: den Abstieg in einen gigantischen Dungeon. Dort dürfen – oder vielmehr müssen – die Überlebenden an einer intergalaktisch übertragenen Reality-Show teilnehmen, deren Arbeitstitel treffend „Keiner wird überleben“ lauten könnte.
Was folgt, ist eine gnadenlose Mischung aus Gameshow, Survival-Horror und LitRPG. Mörderische Fallen, Goblins, tödliche Clowns und rivalisierende Kandidaten warten auf die verbliebenen Menschen. In regelmäßigen Abständen kollabiert eine Dungeon-Ebene; wer bis dahin nicht genügend Erfahrungspunkte gesammelt oder den Zugang zur nächsten Ebene nicht gefunden hat, wird eliminiert – im wahrsten Sinne des Wortes.
Carl, seine von den Aliens „optimierte“ Zuchtkatze Prinzessin Donut und ihr Haustier, ein Wesen, das zunächst an ein Huhn erinnert, sich jedoch zunehmend in einen ausgesprochen gefräßigen Dinosaurier verwandelt, haben die ersten Prüfungen überstanden. Doch leichter wird es nicht – zumal ihre wachsende Anhängerschaft ihnen nicht nur Ruhm und Unterstützung bringt, sondern auch Neider und Gegner auf den Plan ruft …
LitRPG-Romane fristen im deutschsprachigen Raum bislang eher ein Nischendasein. Einzelne Vorstöße größerer Verlage – etwa Dmitry Rus’ „Play to Live“ bei Heyne oder Richard Schwartz’ „Eisraben-Chroniken“ bei Piper – blieben Randerscheinungen. Mit „Dungeon Crawler Carl“ legt Fischer TOR nun den zweiten Band einer bislang achtteiligen Reihe vor. Und allem Anschein nach trifft die Serie auch hierzulande einen Nerv.
Das dürfte nicht zuletzt am ungewöhnlichen Setting liegen. Statt Fantasy-Mittelalter erwartet die Leser eine von technologisch überlegenen Aliens errichtete Unterhaltungsarena. Die erzählerische Grundidee erinnert weniger an klassische Rollenspiele als an Reality-TV-Formate wie das Dschungelcamp – nur mit deutlich höherer Mortalitätsrate.
Das liest sich erstaunlich flott. Carls lakonischer, selbstironischer Erzählton trägt den Roman mühelos über kleinere Schwächen hinweg, das Tempo bleibt hoch und die Pointen sitzen. Allerdings schließt Matt Dinniman nahezu nahtlos an den ersten Band an und entwickelt weder Schauplatz noch Figuren wesentlich weiter. Fairerweise muss man anmerken, dass die Handlung dieses Romans nicht einmal eine Handvoll Tage umfasst und die Protagonisten in dieser Zeit praktisch ununterbrochen auf der Flucht sind. Zwar erhält das eingespielte Trio Verstärkung, doch auch diese neue Figur bleibt zunächst eher skizzenhaft.
Unverändert geblieben sind dagegen die großen Stärken der Reihe. Das hohe Erzähltempo, die wirkungsvoll inszenierte Action und der spürbare Spaß, den der Autor an seinem absurden Szenario hat. Tiefgründige Fantasy sollte man hier nicht erwarten. „Dungeon Crawler Carl“ ist Bubblegum-Fantasy im besten Sinne – leicht, grell, überdreht und ganz auf Unterhaltung ausgerichtet. Genau das gelingt dem Roman ausgesprochen gut.
Matt Dinniman: Dungeon Crawler Carl Band 2 – Doomsday Scenario (Carls Doomsday Scenario – 2024)
Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Ruggero Léo
Fischer-Tor-Verlag Juli 2026
Paperback in englischer Broschur
Titelillustration von Will Stachle
445 Seiten, Euro 18,00
ISBN 978-3-59671249-6
Diese Rezension wurde verfasst von Carsten Kuhr
