N. K. Jemisin: Die Wächterinnen von New York

Ein junger Mann sprayt Münder auf Wände und Häuser, damit die Stadt atmen kann. Ein Neuankömmling vergisst mitten in der U-Bahn seinen Namen und sieht plötzlich geheimnisvolle Tentakel, die Menschen und Gebäuden umschlingen, aber allen anderen verborgen bleiben. Es geht etwas vor sich in New York… die Stadt „erwacht“. Wenn dies der Fall ist, bestimmt die Stadt einen Avatar, der sie verkörpern soll. New York erhält derer gleich fünf, untergliedert in die Stadtteile Manhattan, Brooklyn, Queens, Bronx und Staaten Island. Doch Mächte aus dem Untergrund versuchen, dieses Erwachen zu verhindern. Den Auserwählten bleibt nichts anderes übrig, als sich trotz aller Unterschiede zusammenzuschließen, um Schlimmeres zu verhindern. Dabei müssen sie sich mit Visionen und übernatürlichen Fähigkeiten auseinandersetzen. Schnell folgt die Erkenntnis, niemandem mehr trauen zu können, denn die feindlichen Mächte können von allem Besitz ergreifen.

In Jemisins „Schöpfungsgeschichte“ sind alle Universen aus einem gemeinsamen Keim entstanden. „Diese erste Welt, dieses erste Leben, war eine wundersame Sache. Doch durch jede Entscheidung, die diese Lebewesen getroffen haben, hat sich eine neue Welt abgespalten… (…) Wie übertrifft man ein Wunder? Kann man nicht; man erschafft einfach ein anderes Universum, das dann seine eigenen Wunder hervorbringt. Und so breitete sich das Leben aus – über tausend Millionen Universen, von denen jedes merkwürdiger war als das vorherige.“ (S. 207). Erwachende Städte sind die einzigen, die dieses Schichtsystem von Universen durchstoßen können. Weiterlesen

Anna Herzig: Die dritte Hälfte eines Lebens

#Mit groben Pinselstrichen entwirft Anna Herzig ihre Geschichte von Krimmwing, einem Dorf irgendwo am Land, und seinen Bewohnern. Man lernt allerdings nur einzelne Figuren kennen. „Das Dorf“ bleibt als kaltherziger, ewig gestriger, erratischer Block ohne Gesichter. Vor diese Leinwand tritt z.B. Rosa Steinlachner. Sie wird sechzehnjährig vom dunkelhäutigen Jackson schwanger. Ihre Eltern stellen sich vehement gegen den Kindsvater und der räumt auch flugs das Feld, was Rosa das Herz bricht. Frustriert schleppt sie sich durch den Rest ihres Lebens. Das unerwünschte Kind Seppi wird ob seiner dunklen Hautfarbe im Dorf ausgegrenzt und natürlich von der Mutter nicht geliebt. Die katholische Schule ist ein Albtraum, eh klar, seinen einzigen Freund Frido darf Seppi nicht mehr sehen, es sei denn seine Mutter entschuldigt sich öffentlich bei der Dorfgemeinschaft. Ob sie das tut, erfährt man nicht dezidiert. Schließlich verlässt Seppi Krimmwing, um seinen Vater zu suchen. Weitere Dorfbewohner sind z.B. Lorenz Karl Ignatius Rathbauer. Er fühlt sich zum einen im falschen Körper und zum anderen im Dorf gefangen. Weiterlesen

Patricia Lockwood: Und keiner spricht darüber

Lohnt es sich, durchzuhalten?
Dieses Buch polarisiert! Schade, dass sich auch so einige 1-Sterne-Abbruch-Rezis tummeln.
Zuerst konnte sie überhaupt nicht tanzen, und dann konnte sie nicht mehr aufhören.“ (S. 216)
So erging es mir beim Lesen. Denn ich hatte das Gefühl, auf Twitter hängen zu bleiben und gezwungen zu sein, endlos weiter und weiter und weiter zu scrollen.

Patricia Lockwood erzählt die Geschichte einer Frau, die Social Media besessen ist – bis sie durch eine Tragödie in die Realität zurückgezogen wird. Das Social Web tapeziert die Gehirne derer von uns, die es zu oft benutzen, genauso wie es unsere Politik verzerrt.

Im ersten Teil des autofiktionalen Buches hetzt die namenlose Protagonistin hauptsächlich durch „das Portal“ und lässt uns auch teilhaben, wie gefangen sie sich darin fühlt. Sie hebt dabei genau das hervor, was wir daran lieben und verabscheuen. Soll sie eine Influencerin darstellen? Ich konnte sie kaum greifen und nachspüren. Sind die Texte absichtlich weird? Soll das cool sein oder kann das weg?

Leider habe ich mich so schwer getan, dranzubleiben an den zusammenhanglosen tweet-ähnlichen Textpassagen. Schwerelos, da handlungslos. Dennoch habe ich immer weiter gelesen in der Hoffnung, endlich Sinnhaftigkeit zu finden, um nicht gänzlich in dieser Belanglosigkeit zwischen all den Abstrusitäten zu versinken. Da spielte sich eine fiktive Realität ab, und mittendrin war plötzlich etwas Reales. Denn dann, ja dann, veränderte ein Schicksalsschlag das Leben der Protagonistin und alles wurde greifbarer. Und tragisch. Weiterlesen

Rebecca Fleet: Die Stiefmutter

Ein Brand zerstört nicht nur das Haus der Familie von Alex und Nathalie, er zerstört auch ihr Vertrauen zueinander, verbrennt ihre Träume, Lügen und Gefühle. Das klingt dramatischer und spannender als dieser Roman letztlich ist – ein Thriller ist er ganz sicher nicht.

Nein, im Gegenteil, mich hat dieser Roman so gar nicht gefesselt, die Spannung fehlt in meinen Augen völlig, die Figuren waren hölzern, die Dialoge ebenso und die Handlung flach und ohne Höhepunkte. Die Aktionen der Protagonisten waren für mich zu keiner Zeit nachvollziehbar, Kleinigkeiten wurden aufgebauscht, wichtige Fragen nicht verfolgt.

So beginnt der Roman mit dem Brand. Das Haus, in dem Alex mit seiner zweiten Frau und seiner Tochter aus erster Ehe lebt, geht in Flammen auf. Misstrauen wächst in Alex, da Nathalie offensichtlich aus dem Haus geflohen ist, ohne seine Tochter Jade mitzunehmen. Diese wird dennoch gerettet und erzählt später von einem Unbekannten, der im Haus gewesen sei, Nathalie hingegen will ihn nicht gesehen haben. Weiterlesen

Dirk Kurbjuweit: Der Ausflug

Vier Freunde unternehmen eine Kanutour irgendwo in der deutschen Provinz. Von Anfang an merken sie, dass ihnen die Einheimischen nicht wohlgesonnen sind. Das hängt wohl auch damit zusammen, dass einer der Vier schwarz ist. Diese Ablehnung löst anfangs bei den Ausflüglern nicht mehr als eine Beklemmung aus, die man ignorieren kann, wird später aber zu einer tödlichen Gefahr.

Dirk Kurbjuweits Roman ist seltsam. Man weiß nicht recht, ob er Thriller, Drama, Sozialexperiment, Horrorroman oder Groteske ist. Für Letzteres spräche, dass die Bedrohung der Freunde ein Maß erreicht, das jeglicher Realitätsgrundlage entbehrt. Für einen Thriller ist der Roman nicht spannend genug, denn die Ereignisse auf den Flüssen und in den Schleusen der Umgebung werden immer wieder durch Rückblenden unterbrochen, die nichts zum Handlungsfortgang beitragen. Weiterlesen

Amanda Joy: A River of Royal Blood: Rivalinnen

Seitdem die Khimaer, das herrschende Volk in einer Rebellion gestürzt, später dann fast ausgelöscht und in Ghettos verbannt wurde, herrschen die Menschen über das Reich. An der Spitze steht eine magisch begabte Königin, deren Nachfolgerin unter den weiblichen Abkömmlingen mittels eines tödlichen Kampfes gegeneinander auserkoren wird. Einst waren die beiden Schwestern Isadore und die zwei Jahre jüngere Evalina beste Freundinnen. Gemeinsam erkundeten sie die Höhlengänge unterhalb des Palasts, spielten miteinander und teilten Geheimnisse.

Mittlerweile ist Evalina von ihrem, einen Wochenritt entfernt lebenden Vater an den Hof zurückgekehrt, der Kampf um die Herrschaftswürde steht an. Dass sie bislang keinen Zugang zu ihrer eigenen Magika, die sich auf Blut und Knochen stützt, erlangt hat, wird ihr Leben in Kürze wohl äußerst schmerzhaft und abrupt beenden. Die Uhr tickt, ihre mitleidlose Mutter wie auch der Hof warten nur darauf, dass sie scheitert und Platz macht für die zukünftige Königin – doch noch hat ihre Schwester nicht gewonnen, noch schlägt ein Herz in Evalinas Brust … Weiterlesen

Esther Novalis & Jean P.: Immaculati: Gefährliches Spiel

Detektivarbeit mit erotischem Knistern. Die ersten Seiten – geschrieben aus der Ich-Perspektive – lassen einen Roman vermuten, der zwischen Krimi und Thriller angesiedelt ist. Mit reichlich Selbstironie und mit seinem erotischen Einschlag erinnert der Anfang vom Schreibstil her trotz des anderen Settings an den Vampir-Thriller Night Rebell – Kuss der Dunkelheit der erfolgreichen amerikanischen Schriftstellerin Janiene Frost, die Handlung um Mädchenhandel lässt Parallelen zum aktuellen Bestseller Tom Clancy –  Das Reich der Macht erwarten. Beide Vermutungen führen in die Irre: Mit Immaculati hat das Autoren-Duo Esther Novalis und Jean P. ein eigenständiges Werk geschaffen – aber inhaltsmäßig genauso wie vom Schreibstil her packend wie die genannten Bestseller.

Als Beatrice Philipps sich in der Detektei von Marc Phillips um eine Anstellung bewirbt, spielen die Hormone verrückt. Sie erhält den Zuschlag sogar für eine Partnerschaft und wird gleich im ersten Auftrag in einen Wirbel aus Geheimnis, Gewalt und Erotik hineingezogen, wobei die Beziehung zu ihrem Partner Marc alles andere als rein geschäftlich bleibt. Nur ihre telepathische Verbindung zu ihm retten sie letztendlich aus den Fängen des Geheimbundes der Immaculati, der in klösterlichen Gemäuern mit Mädchenhandel ein weltweit florierendes Geschäft betreibt und in den sie sich einschleichen. Sollte ihnen die Aufklärung von Menschenhandel und Zwangsprostitution gelingen, wäre das nur ein kleiner Schritt, denn der erste der auf drei Teile ausgelegten Serie spielt an nur wenigen Schauplätzen. Weiterlesen

Hans-Christian Schmidt & Andreas Német: Das komische Gefühl

Jedes Kind hat es schon mehr als einmal gespürt und kennt es: Ein komisches Gefühl. Plötzliches ist es da. Manchmal macht es einem Angst, manchmal ist es nur ein wenig unangenehm. Auf jeden Fall fühlt man sich nicht gut damit. Und genau so wird es auch in diesem Buch beschrieben: Niemand weiß, wie ich aussehe, ich bin unsichtbar.

Die verschiedenen Illustrationen des komischen Gefühls bringen es schon ganz gut auf den Punkt: Einmal ist da ein Gekrakel mit einer immer dunkler werdenden Mitte dargestellt, dann ein gezacktes Wirrwarr oder ein unauflösbares, gebogenes Knäuel. – Egal wie es aussieht, ob es im Innern zieht, hämmert oder drückt – klar ist: so etwas möchte man auf keinen Fall in seinem Bauch verspüren. Weiterlesen

Katharina Bendixen: Taras Augen

Taras Augen haben es ihm angetan. Alún kann sie einfach nicht vergessen. Vierzehn Jahre lebten sie nebeneinander. Anfangs waren sie Nachbarn, dann Freunde. Mit der Pubertät kamen die Liebe, erste Missverständnisse und Verletzungen. Wäre die Explosion nicht gewesen, wäre vielleicht alles anders gelaufen. Aber die Explosion hat alles verändert. Sie hat die nähere Umgebung vergiftet, Menschen getötet und Häuser zerstört.

Alún hat Tara buchstäblich aus den Augen verloren. Seine Eltern sind Ärzte und waren bei den ersten Anzeichen der Explosion extrem schnell, sich und ihre drei Kinder zu retten. In der gesicherten Zone lebt er nun wie ein Fremder. Seine Eltern streiten sich, und seine beiden Schwestern versuchen wie er, irgendwie mit der ständigen Überwachung und Ausgrenzung klarzukommen. Nur das Zeichnen und Malen gibt Alún Halt. Er hat angefangen, Taras Augen auf Kacheln zu malen. Sie sehen so lebendig aus, als würden sie ihn direkt ansehen. Eines Tages erhält Alún von Tara eine Textnachricht. Sie verändert alles. Weiterlesen

Zhou Haohui: 18/4 – Der Hauptmann und der Mörder

In der chinesischen Metropole Chengdu ist ein Mord passiert, der unter den hiesigen Polizisten für Aufsehen sorgt: Zheng Haoming, geschätzter Kollege und Hauptkommissar, wird tot in seiner Wohnung aufgefunden. Und damit nicht genug: Es scheint ganz so, als sei ein mit dieser Tat ein Serienkiller wieder aktiv geworden, der zuletzt vor 18 Jahren gemordet und sich selbst den Namen Eumenides gegeben hat.

Schnell stellt sich heraus, dass Zheng vor seinem Tod Nachforschungen zu Eumenides angestellt hat. Pei Tao, eigentlich Hauptmann in einer anderen Stadt, ist zum Zeitpunkt des Mordes deshalb auch gerade in Chengdu. Er war in die Mordfälle vor 18 Jahren verwickelt, und wollte mit seinem Kollegen über die alten Fälle sprechen, doch dafür ist es nun zu spät.

Eilig wird die alte Ermittlungsgruppe mit dem Namen 18/4 wieder einberufen, samt Hauptmann Pei Tao. Eine scheinbar aussichtslose Jagd nach dem Mörder beginnt. Denn obwohl Eumenides all seine Taten vorab per Todesanzeigen ankündigt, wird es für die Polizei von Chengdu keine leichte Aufgabe, seine potentiellen Opfer vor ihm zu schützen.

„Der Hauptmann und der Mörder“ ist der erste Teil von Haohuis 18/4-Trilogie, die in China bereits vor einigen Jahren erschienen ist. In seiner Heimat war sein Roman-Debüt ein großer Erfolg. Die Trilogie ist sowohl als Streaming-Serie als auch für das Kino verfilmt worden. Weiterlesen