Katrin de Vries ist eine deutsche Schriftstellerin. Sie wurde 1959 in Ostfriesland geboren und lebt auch heute dort. 2024 erschien ihr Buch „Ein Garten offenbart sich“. Nun veröffentlichte dtv am 15. Mai 2026 ihren ersten Roman mit dem Titel „Die kleinste größte Welt“.
Deutschland 1959: Vom Leben und Arbeiten in einem ostfriesischen Dorf
Schauplatz der Geschichte ist ein kleines Dorf nahe der niederländischen Grenze in Ostfriesland: Die achtzehnjährige Lieske bringt ihr Kind 1959 zu Hause zur Welt. Die Hebamme Geeske Diddens und der Landarzt Dr. Wessels stehen ihr zur Seite. Das Mädchen Greta wird gesund geboren und wächst fortan meist unter der Obhut ihrer Großeltern auf. Ihre Eltern Lieske und Dieter müssen arbeiten. Sie in der Fabrik, er in der Malerfirma seines Vaters.
Die Hebamme Geeske ist seit ihrer Ausbildung Dorfhebamme und begleitet schon Jahrzehnte Frauen bei der Geburt. Inzwischen ist sie Witwe und kinderlos geblieben. Sie schreibt regelmäßig mit ihrer Freundin und Kollegin Käthe, die in der nahen Kleinstadt wohnt und arbeitet.
Das Wirtschaftswunder beginnt
Durch Geeskes Augen beschreibt Katrin de Vries das Leben in der Nachkriegszeit auf dem Dorf und die Veränderungen im Laufe der Zeit. Greta wächst behütet auf. Sie hat mit Großvater Klaas und Großmutter Janna liebevolle Großeltern. Das geht nicht allen Kindern so, weiß die Hebamme, die sich in den Dorfhaushalten auskennt.
Aber auch Geeske muss sich an die Veränderungen und den Fortschritt gewöhnen. Denn in den Krankenhäusern werden Geburtsstationen eingerichtet, die Frauen gehen zur Entbindung immer öfter dorthin. Supermärkte entstehen, die Leute fahren Auto und kaufen Fernsehgeräte, Kühlschränke und Waschmaschinen.
Lieske unterstützt nun ihren Mann im Malerbetrieb, sie hat Geschmack und ist eine gute Verkäuferin. Die größten Ereignisse im Dorf sind „der Rummel“, wie die Kirmes genannt wird, und das Schlittschuhlaufen auf dem zugefrorenen Kanal. Oder der Einkaufsbummel in der kleinen Stadt:
„Am frühen Nachmittag fuhr der Bus zurück. Wieder saßen sie (die Großmutter und Greta, Anmerkung der Verfasserin) vorn. Sie verließen die eine Welt, die große Welt vielleicht, und kamen zurück in die kleine. Aber womöglich war die kleine Welt viel größer als die große Welt. Wer kann das wissen.“ (S. 135)
Einmal fährt Greta mit ihrer Familie zu Verwandten nach Holland und ein paar Mal an die Nordsee. Geeske liebt ihren Garten und versorgt auch Käthe mit Obst, Gemüse oder Kräutern. Im Dorf ist es eng und jede kennt jeden. Aber das Dorf bietet auch Sicherheit und Geborgenheit. Es geht beschaulich und betulich zu. Altmodisch und traditionell.
„Die Zeit ging langsamer auf dem Land“, schreibt Katrin de Vries an einer Stelle des Buches. Und so liest sich auch die ganze Geschichte. Das Erzähltempo ist eher langsam, die Sprache einfach und die Dialoge knapp. Manchmal wurde ich richtig ungeduldig beim Lesen, was vielleicht daran liegt, dass ich in den 1960er Jahren in einer Großstadt aufgewachsen bin und dort die Geschwindigkeit von Veränderungen und Entwicklungen merklich rasanter war.
„Die kleinste größte Welt“ ist ein lesenswertes Buch, dem ein bisschen mehr Tempo nicht geschadet hätte
Trotzdem ist „Die kleinste größte Welt“ ein lesenswertes Buch, erzählt Katrin de Vries doch über das Alltagsleben im beginnenden Wirtschaftswunder in einem ostfriesischen Dorf und die Themen, die damals für die Menschen von Relevanz waren.
Ich hätte mir mehr Lebendigkeit, Tempo und Spannung im Erzählen gewünscht, dann hätte mich die Geschichte um die Hebammen Geeske und Käthe, das Kind Greta und die anderen Dorfbewohner mehr berührt.
Katrin de Vries: Die kleinste größte Welt
dtv, Mai 2026
256 Seiten, Hardcover, 24,- Euro
Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.
