Fiona Mozley: Letzte Nacht in Soho

Im Zentrum von Fiona Mozleys zweitem Roman steht ein Bordell, ein altes, heruntergekommenes Haus, das der Gentrifizierung im Wege steht. Doch die Bewohnerinnen wehren sich. Sie wohnen, arbeiten und leben seit Jahren dort, relativ selbstbestimmt, ohne Zuhälter. Es sind selbstbewusste, kämpferische Frauen, die zu dem stehen, was sie tun, und sich nicht vertreiben lassen wollen.

Es geht in diesem Roman aber nicht nur um eine Gruppe von Prostituierten. Mozleys Themen sind breit gefächert: soziale Spaltung und Selbstbestimmung, ökonomische und sexuelle Machtstrukturen, Liebe und Gewalt, das Exemplarische im Individuellen.

Mozley versammelt dazu ein an persönlichen Macken reiches Panoptikum von rund zwanzig Charakteren aus allen gesellschaftlichen Schichten: von Agatha Howard, die alles daran setzt, ihr Gentrifizierungsprojekt umzusetzen, und Bastian und Rebecca, einem in Wohlstand satt gewordenen Paar, das Liebe woanders sucht, über das bunte Gemisch an Bargästen in Soho und den Bordellbewohnerinnen mit der Hauptfigur Precious, die sich plötzlich und ungewollt als Anführerin einer Revolte wiederfindet, bis zu den Obdachlosen, die unter der fürsorglichen Führung des »Erzbischofs« in einem Kellergewölbe hausen.

Sie alle schildert Mozley mit bisweilen subtilem Humor und mit großer Sympathie für ihre Figuren. Nach und nach entfalten sich ihr Hintergrund, ihre Träume und Enttäuschungen, ihr Mut und ihr Überlebenswille.

Niemand lebt hier in der besten aller Welten, aber für die Sexarbeiterinnen, die Armen, ja selbst die Obdachlosen ist Soho ihr Zuhause, das ihnen relativen Schutz und dessen Gemeinschaft ihnen eine gewisse Art von Geborgenheit bietet, auch wenn allen bewusst ist, wie brüchig diese Allianz ist. Gleich zu Beginn, noch bevor Mozley in rascher Folge die Hauptfiguren einführt, wird der Tisch eines kleinen Restaurants zum Symbol für diese Verbindung:

»Einer der Tische wackelt. Im Laufe der Jahre sind Tausende Servietten gefaltet und unter das schwächelnde Tischbein geschoben worden, Hunderte von Gästen haben sich beklagt und sich woanders hingesetzt, Tausende aber nahmen die Unannehmlichkeiten einfach in Kauf. Sie verschütteten ihren Wein, schimpften und überlegten, sich woanders hinzusetzen, entschieden sich aber am Ende dagegen.«

Precious und ihre Mitstreiterinnen machen sich keine Illusionen, wer im Kampf gegen Profitinteressen und gesellschaftliche Eliten die besseren Karten hat. Dennoch schockiert der massive Einsatz der Staatsgewalt bei einer von ihnen organisierten Demonstration.

Mozleys Stellungnahme für die Schwachen in diesem Machtkampf ist eindeutig, ohne in Klischees zu verfallen und aus ihnen heroische Schablonen zu machen. Ihre Figuren gehen zu Herzen, mal leidet man mit ihnen, mal empört man sich, schüttelt den Kopf oder lacht über sie und mit ihnen. Man erkennt den Typus wieder und doch sind sie ganz und gar eigenwillige Unikate.

Auch sprachlich überzeugt Mozleys zweiter Roman mit eindrücklichen Beschreibungen, treffenden Sprachbildern und entlarvender Ironie.

Last Night in Soho ist die kaleidoskopische Schilderung eines Mikrokosmos und steht in der langen Tradition des Social Realism, britischer sozialkritischer Literatur von Charles Dickens‘ Oliver Twist bis Irvine Welshs Trainspotting. Fiona Mozley hat dieser Tradition ein außergewöhnliches Werk hinzugefügt.

Fiona Mozley: Letzte Nacht in Soho.
Aus dem Englischen übersetzt von Thomas Gunkel.
btb Verlag, September 2026.
401 Seiten, Taschenbuch, 15,00 €.

Diese Rezension wurde verfasst von Wolfgang Mebs.

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