Eric Barnert & Michael Kibler (Hrsg.): Banken, Bembel und Banditen

Als ich diesen Titel las, war es für mich als gebürtige Frankfurterin natürlich ein Muss, diese Sammlung von Krimi-Kurzgeschichten, die alle im Rhein-Main-Gebiet spielen, zu lesen.

In meinen Augen sind Krimis in Form von Kurzgeschichten eine echte Herausforderung. Muss der Autor doch auf wenigen Seiten die Ausgangssituation, die Handlung und die Lösung erfassen, dabei ausreichend Spannung aufbauen und das Ganze noch in einem guten, passenden Schreibstil präsentieren. Schon allein deswegen haben Autor:innen von Kurzkrimis meine Hochachtung. Auch wenn es sicher nicht allen gleich gut gelingt. So treten doch immer wieder auch Stereotypen auf oder zu klassische Handlungsstrukturen.

Andere jedoch, ich meine hier die Autoren aus dem vorliegenden Band, darunter vor allem Uli Aechtner, Dieter Aurass, Ella Theiß und Fenna Williams, um nur eine Auswahl zu nennen, schaffen skurrile, spannende Geschichten mit witzigen Plotideen und überraschenden Auflösungen.

Besonders imponiert hat mir die Geschichte „Träumerei“ von Ella Theiß, auch weil sie in der sehr selten verwendeten zweiten Person Singular geschrieben ist, der „Erzähler“ also die Protagonistin durchweg direkt anspricht. Eine fesselnde und gelungene Methode, um die Geschichte der Putzfrau Aneta zu erzählen, die bereit ist, eine ihrer Nieren zu verkaufen, um Geld für die Renovierung ihres Elternhauses zu bekommen. Ohne zu spoilern kann ich verraten, dass sie an Betrüger und am Ende sogar in Lebensgefahr gerät. Weiterlesen

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Ryan Gattis: Das System

Während andere in der Vorweihnachtszeit an Familie, Plätzen backen und Geschenke denken, wird der minderjährige Jacob, genannt Dreamer, am 08. Dezember 1993 wegen unerlaubtem Waffenbesitz und Mordversuch verhaftet. Der junge Samoaner steht mittellos ohne Eltern dar. Um nicht auf der Straße schlafen zu müssen, ist Jacob auf Fürsprecher angewiesen. Ihre Unterstützung braucht er nun mehr denn je.

Wer in einem Vorort von Los Angeles überleben will, braucht viel Glück. Jeder befindet sich in einem ständigen Ausnahmezustand. Dies liegt unter anderem an der geringen Verhaftungsquote, die den Gangmitgliedern in die Hände spielt. Und weil in den Gefängnissen ähnliche Gesetze herrschen, sieht Jacob schon das Ende seiner Zukunft, bevor sie überhaupt begonnen hat.

Ein Justizbeamter meint es gut mit ihm, als er ihn warnt: „He, Jacob, wenn du das nicht getan hast, dann reicht ein Anwalt nicht. Du musst dich selbst retten, denn das System ist das System. Es schluckt immer die mit der geringsten Fallhöhe.“ (S. 124)

Ryan Gattis erzählt in seinem zweiten Thriller eine packende Geschichte chronologisch und unmissverständlich aus der Perspektive verschiedener Beteiligter, als wolle er ein Erste-Hilfe-Buch für Menschen schreiben, die mit der amerikanischen Justiz in Konflikt geraten. Jeder von ihnen ist direkt oder indirekt in einem Netz aus Fallstricken gefangen, in das auch der siebzehnjährige Jacob hineingeraten ist. Weiterlesen

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Uli Aechtner: Leise rieselt der Tod

Ein Krimi mit allen erforderlichen Zutaten: eine gewisse Zahl an Leichen, sehr viele Verdächtige, ein bisschen Liebe, ein ganz klein wenig Humor und eine Hobbydetektivin, die sich schließlich selbst in Gefahr bringt. Das Ganze rund ums Weihnachtsfest in einem alten Herrenhaus, welches in einem winzigen Dorf steht, das dann auch noch zeitweilig von der Außenwelt abgeschnitten ist.

Zur Handlung: die frisch getrennte Jenny findet über Weihnachten Unterschlupf bei ihrem Kindheitsfreund Tom, der gerade in besagtes, noch weitgehend unmöbliertes Herrenhaus gezogen ist. Dort eröffnet er eine Arztpraxis, die aber bislang wenig Zulauf hat. Am Abend ihrer Ankunft stolpert Jenny vor der Haustür über ihre erste Tote, eine Zeitungsausträgerin im Weihnachtsmannkostüm. Weil Jenny nun fürchtet, dass ihr Freund Tom in Verdacht gerät, der Mörder zu sein, beginnt sie auf eigene Faust zu ermitteln. Ihre Recherchen führen sie zuerst auf den „Seelenhof“, wo ein Weihnachtsflirtkurs abgehalten wird. Natürlich sind erstmal alle Teilnehmer des Kurses schwer verdächtig, in den Mord verstrickt zu sein. Weiterlesen

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David Jackson: Der Bewohner

„… Der Plan hatte diese Entwicklung nicht vorgesehen. Der Plan sollte Spaß machen. Und das hier macht keinen Spaß.“ (S. 232)

Thomas Brogan ist ein erfolgreicher Serienkiller. Und weil er schlau und äußerst durchtrieben ist, gelingt ihm stets die Flucht vor der Polizei. Seine letzte Flucht hätte beinahe ein Desaster werden können, doch in letzter Sekunde findet er ein verlassenes Reiheneckhaus, in das er einbricht. Dort wartet er ab, bis die Polizei ihre Suche ausgeweitet hat. In dem heruntergekommenen Haus findet Brogan weder Wasser noch Nahrung, doch etwas anderes lässt ihn hoffen. Er kann über den Dachboden die Nachbarhäuser aufsuchen, weil die Trennwände zwischen den Häusern nur halbherzig hochgezogen worden sind. So nach und nach lernt Brogan seine Nachbarn kennen. Überraschenderweise rührt die alte Dame Elsie sein Herz, weil sie ihn an glückliche Momente in seiner Kindheit erinnert, während die attraktive Colette seine Begierden weckt. Viel zu lange redet er sich ein, noch etwas in seinem Versteck bleiben zu wollen, bis seine perfiden Spielchen mit den Bewohnern zu unerwarteten Wendungen führen. Weiterlesen

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Hilde Artmeier: Stille Donau

Hilde Artmeier schreibt Thriller und Kriminalromane, manchmal zusammen mit ihrem Mann Wolfgang Burger. In „Stille Donau“ beginnt alles mit Bernedettas Leidenschaft für Regensburgs Gotteshäuser. Protagonistin aber ist Anna di Santosa, Privatdetektivin und Besitzerin einer Modeboutique für Damen.

Der Kriminalroman nimmt seinen Lauf mit dem Mord an Jakob Laudamer, einem Journalisten der Süddeutschen Zeitung. Er war mit Mona bekannt, der Freundin und Mit-Boutique-Besitzerin von „BellaDonna“, die auch Anna di Santosa gehört.

Mona wiederum ist reichlich genervt von Bernedetta, der Aushilfe in der Boutique, die ihre Vorliebe für die Gotteshäuser in Regensburg ihren Aufgaben in dem Damenmodegeschäft vorzieht. So muss Anna, die gerade einen Auftrag als Detektivin abschließt, zur Boutique eilen, um Mona abzulösen, die einen wichtigen Gerichtstermin hat. Mona wird diesen verpassen, denn Anna findet den eingangs erwähnten ermordeten Journalisten. Weiterlesen

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Anja Wedershoven: Im Schatten der Kopfweiden

Ich durfte die Mönchengladbacher Autorin Anja Wedershoven 2013 kennenlernen, als ihr erstes Buch „Schürfwunden“ erschien. Das Romandebüt über die Umsiedlungen im Zusammenhang mit dem Kohletagebau Garzweiler hatte mich fasziniert und begeistert. Daher habe ich mich gefreut, als ich entdeckte, dass jetzt von ihr ein Krimi bei emons erschienen ist.

„Im Schatten der Kopfweiden“ erzählt von dem Mord an einer jungen Kinderärztin, die in Geldern am Niederrhein zwischen Mülltonnen gefunden wurde. In dem Fall ermittelt zusammen mit ihren Kollegen die junge, gerade aus Berlin in ihre alte Heimat zurückgekehrte Kommissarin Johanna Brenner. Ziemlich schnell kommen die Beamten auf die Spur eines Stalkers, der die Kinderärztin verfolgte und sie belästigte. Doch ist das der einzig mögliche Täter?

Die Geschichte wird aus mehreren Perspektiven berichtet, die manchmal etwas unvermittelt wechseln. Da ist einmal die Kommissarin, Johanna, die nicht so ganz freiwillig an den Niederrhein zurückkehrte. In Berlin, wo sie die letzten Jahre verbrachte, hatte es einen dramatischen Vorfall gegeben, der zu ihrer Versetzung führte. Zum anderen verfolgen wir die Handlung aus der Sicht von Axel, Johannas Kollegen, der ihr zunächst offen und freundlich begegnet, nach und nach aber doch auch Vorbehalte entwickelt. Weiterlesen

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Rotraut Schöberl (Hrsg.): Mord auf leisen Pfoten. Kriminell gute Katzengeschichten

Haben Sie eine Katze? Die Frage führt natürlich in die Irre, müsste es nicht heißen: Hat eine Katze Sie? Statistisch nachgewiesen ist: Katzen sind die beliebtesten Haustiere, noch vor dem Hund. Entsprechend viele Katzenbücher bevölkern die Bücherregale dieser Welt. Das, so erzählt die Herausgeberin in ihrer Einleitung, war ihr bewusst. Allerdings gäbe es noch eine Lücke: eine Katzenkrimi-Anthologie.

Gedacht, gesagt, getan – mit „Mord auf leisen Pfoten“ aus dem Residenz Verlag liegt eine solche nun vor. Kriminell gute Katzengeschichte sind hier versammelt. Gut bekannte Autoren wie Agatha Christie und Edgar Allan Poe bis hin zu zeitgenössischen Autoren haben hier ihre Katzenaffinität in Kurzgeschichten und Erzählungen fließen lassen.

Übrigens deutlich mehr Autorinnen als Autoren. Meine These: Katzen können besser mit Frauen. Männer sind für Katzen eine Art Sklave, der für Essen sorgt und Türen öffnet. Jedenfalls ist es so bei mir zu Hause.

Gestartet wird die Anthologie klassisch gut mit den Geschichten „Madame Phlois Sünde“ von Lilian Jackson Brown, „Entdeckung im Tunnel“ von Rita Mae Brown & Sneaky Pie Brown, Agatha Christies „Der seltsame Fall des Sir Arthur Carmichael“ und Patricia Highsmiths „Mings fetteste Beute“.

Livia Klingls „Katzenmord“ bestätigt die weiter oben geäußerte These zum Verhältnis von Katze zu Frauchen und Männchen. Das Leben von Katzen-Protagonistin und Frauchen war perfekt und glücklich bis Manfred seinen uneleganten Gang in Frauchens Leben setzte. Leicht und sprachlich ausgereift erzählt Klingl, warum Manfred dies hätte besser sein lassen sollen. Weiterlesen

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Sebastian Fitzek (Hrsg.): Identität 1142: 23 Quarantäne-Kurzkrimis

Zufälligerweise las ich diese Anthologie ausgerechnet am Halloween-Wochenende. Und das hat sowas von gepasst. Denn die Texte, die hier versammelt wurden, sind spannend, gruselig, komplex und richtig gut geschrieben.

Das Ganze ist ein besonderes und wirklich gelungenes Projekt. Mitten in der ersten Corona-Welle rief der bekannte Krimiautor Sebastian Fitzek in Instagram dazu auf, unter dem Motto #wirschreibenzuhause Kurzkrimis zu schreiben. Vorgegeben waren ganz genaue Parameter, nämlich:

das Thema Identität
jemand findet ein fremdes Handy mit Fotos von sich selbst darauf
die Hauptfigur hat ein dunkles Geheimnis
das Motiv ist Rache
der Gegner leidet unter dem genannten Geheimnis noch immer.

Insgesamt 1142 Geschichten wurden eingereicht, aus denen die Jury, bestehend aus etlichen hochrenommierten deutschsprachigen Krimiautor*innen, 13 Texte für diesen Band auswählten. Zusätzlich steuerten 10 bekannte Autor*innen, wie z.B. Charlotte Link, Ursula Poznanski, Frank Schätzing, Romy Hausmann und natürlich Sebastian Fitzek selbst, eigene Kurzkrimis bei, die allerdings nur das erste der Parameter erfüllen mussten. Weiterlesen

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G.S. Locke: Neon – Er tötet dich

Was ist die originellste Methode für einen Romanhelden, sich selbst zu töten? Für Detective Chief Inspector Matt Jackson ist es jene, bei der man einen Auftragskiller auf sich selbst hetzt. Mit exakter Tötungsfrist. Bis zum vereinbarten Mordzeitpunkt macht er es sich in der Gesellschaft von zwei Flaschen Scotch bequem.

Detective Jackson trauert um seine Frau. Sie wurde von einem Serienkiller im Haus der Jacksons getötet. Von einem Mann, dem ausgerechnet der Detective auf der Spur war.

Kurz vor dem Zeitpunkt, an dem ihn der Auftragskiller töten soll, findet Jackson eine wichtige Spur, die ihn vielleicht zum Mörder seiner Frau führt. Wie aber bestellt man einen Auftragskiller ab, wenn der nicht ans Telefon geht?

Nun, irgendwie schafft es der Detective, dieses Problem zu lösen, denn andernfalls wäre der Roman an dieser Stelle zu einem unbefriedigenden Ende gekommen. Der Auftragskiller ist im Übrigen eine Frau, Iris Palmer, die ihre eigenen Probleme hat. Die sind es auch, die sie dazu verleiten, gemeinsame Sache mit Jackson zu machen. Diese beiden jagen jetzt Neon, den Serienmörder von Birmingham, der so genannt wird, weil er die Tatorte mit Neon-Reklame ausgestaltet. Weiterlesen

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Jo Nesbø: Ihr Königreich

Der norwegische Bestsellerautor Jo Nesbø (Jahrgang 1960) schreibt erfolgreiche Krimis. Vor allem die Bücher mit seinem Ermittler Harry Hole sind sehr bekannt. Nesbø kann aber auch ohne ihn, wie zuletzt mit „Macbeth“ (2018), den er im Rahmen des Shakespeare-Projektes von Hogarth Press neu erzählte. Und jetzt wieder mit dem Kriminalroman „Ihr Königreich“, der am 2. September 2020 in einer Übersetzung von Günther Frauenlob bei Ullstein Buchverlage erschienen ist.

Kein Harry Hole in „Ihr Königreich“, stattdessen zwei norwegische Brüder als Protagonisten: Roy und Carl Opgard aus einem norwegischen Dorf in den Bergen haben ihre Eltern früh verloren. Roy, der ältere der beiden Brüder, versucht sich um Carl zu kümmern. Er wird Automechaniker und Tankstellenpächter in ihrem Heimatort Os, Carl geht in die USA und studiert. Nach etlichen Jahren kommt er mit seiner Frau Shannon und großen Plänen nach Os zurück. Carl will ein Wellnesshotel im Dorf bauen. Roy steht der Rückkehr mit gemischten Gefühlen gegenüber. Er freut sich auf seinen jüngeren Bruder, aber er befürchtet, dass alte Geschichten wieder aufgewärmt werden. Und er interessiert sich ein bisschen zu sehr für Carls Ehefrau aus Barbados. Carl gewinnt die Bürger von Os für sein Bauprojekt. Doch dann treten Schwierigkeiten auf und Roy muss seinem Bruder, wie immer, aus der Patsche helfen. Weiterlesen

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