Wioletta Greg: Unreife Früchte

Polen in den 1970er und 1980er Jahren. – Das ist weder geografisch sehr weit weg von uns, noch zeitlich allzu lange vorbei. Dennoch fühlt man sich beim Lesen gute achtzig Jahre zurückversetzt. Obwohl seit 1981 unter General Jaruzelski das Kriegsrecht in Polen herrscht, spürt man hiervon wenig im ländlich geprägten Hektary. Hier wächst die junge Wiolka inmitten ihrer Großfamilie auf.

Die Autorin beschreibt autobiografische Episoden ihrer Kindheit und ihres Heranwachsens in diesem kleinen schlesischen Dorf. Diese Vergangenheitsschilderungen ohne Hektik, Handys, rastlose Aktivitäten und ohne jeglichen Überfluss erscheinen in ihrer Einfachheit fast schon wieder idyllisch.

Wiolkas Mutter hat die Taufdecke ihres kleinen Mädchens am Fenster des Hauses angebracht, bis der lange inhaftiert gewesene Vater wieder bei der Familie ist. Weiterlesen

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Peter Härtling: Der Gedankenspieler

Der im Juli des vergangenen Jahres verstorbene Peter Härtling war einer der großen deutschen Schriftsteller. Neben zahlreichen Romanen, Essays und Biografien war er auch ein sehr erfolgreicher Autor von Kinderbüchern. Bei Kiepenheuer & Witsch erschien im März 2018 sein letzter Roman „Der Gedankenspieler“.

Der dreiundachtzigjährige Johannes Wenger, Architekt oder „Baumeister“ (wie er sich selbst bezeichnet), ist nach einem Sturz auf Pflege und Hilfe angewiesen. Das passt dem intellektuellen, unabhängigen Geist nicht. Er hadert mit seinem Alter und seiner Hilfsbedürftigkeit. Aber er hat einen Freund, seinen Hausarzt Dr. Mailänder, der ihn nicht nur medizinisch versorgt, sondern sich auch in seiner Freizeit um den alten Mann kümmert. Wenger müht sich mit seiner Einsamkeit, den Tücken des Alltags als Rollstuhlfahrer und den Routinen des Pflegepersonals. Er betrachtet besorgt die Entwicklung der Welt und der Menschen. Wenger fühlt sich müde, schwach und einsam. Trotz Alter und Krankheit erhält er Anfragen für Fachartikel von Zeitschriften. Die Recherchen dazu werden mühselig und anstrengend. Einmal bricht er mit einer Unterzuckerung zusammen. Weiterlesen

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Jacqueline Woodson: Ein anderes Brooklyn

Die amerikanische Autorin Jacqueline Woodson, geboren 1963, blickt in ihrem dünnen Roman „Ein anderes Brooklyn“ auf die Jugend einer Mädchenclique in den 70er-Jahren im New Yorker Stadtteil Brooklyn zurück.

In eindringlicher Sprache gelingt es der Autorin dabei, sowohl die Unbeschwertheit, den jugendlichen Lebenshunger und das Glück jener Jahre rüberzubringen, als auch das ganz private Leid, das die Mädchen zu verarbeiten haben.

August, der Ich-Erzählerin, fehlt die Mutter, die sich umgebracht hat, und Sylvia muss sich mit ihren überstrengen Helikoptereltern – so würde man es heute ausdrücken – herumschlagen. Armut, Kindesmissbrauch, Alkohol und Drogen, zu frühe Schwangerschaften oder eine überzogene Religiosität sind weitere ständige Begleiter in dem vorwiegend von Schwarzen bewohnten Viertel, in dem die Mädchen aufwachsen. Weiterlesen

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Nina Lykke: Aufruhr in mittleren Jahren

Ich lege ein Buch zur Seite und atme erst mal tief durch. Weil ich grade parallel eine schonungslose Bestandsaufnahme des Zustandes unseres Planeten lese und über dessen  Zerstörern (Amerika auf der Couch), welches im Endeffekt erklärt, dass der Mensch, egal wo und wann er auftaucht (e), qua genetischer Disposition alles ausrottet – inklusive sich selbst. Die Witzfiguren heute an der Spitze, wie Trump zum Beispiel, sind gar nicht das Problem, sondern die Allgemeinheit – also wir –  sind es, die auf die Couch gehören. Nun was hat das mit Nina Lykke zu tun? Irgendwann in diesem beängstigenden Buch über das Leben in den „mittleren Jahren“, geht Jan, Ehemann, Ehebrecher, Liebhaber, Verzweifelter, etc…der über den ganzen Roman hin, nach und nach richtig in die Scheiße fliegt, auch zum Psychotherapeuten auf die Couch. Nutzt aber nix. Weiterlesen

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Adam Haslett: Stellt euch vor, ich bin fort

In seinem nach „Union Atlantic“ (2009) zweiten Roman widmet sich der US-amerikanische Schriftsteller Adam Haslett dem Thema Depression. „Stellt euch vor, ich bin fort“ heißt das Werk. Haslett begleitet eine Familie über viele Jahre, die damit klarkommen muss, dass sich Vater John wegen seiner psychischen Erkrankung das Leben genommen hat.

Reizvoll an diesem Buch ist, dass es abwechselnd und sehr glaubwürdig die unterschiedlichen Perspektiven der Familienmitglieder einnimmt. Da ist Sohn Michael, der ebenfalls mit starken Angststörungen leben muss. Er hat Schwierigkeiten, eine Frau und einen Job zu finden. Seinen beiden einzigen Interessen gelten der Funk-Musik und dem Schicksal der Schwarzen in den Zeiten der Sklaverei. Er ist sehr kreativ und fantasievoll, was sich immer dann im Roman widerspiegelt, wenn aus seiner Sicht berichtet wird. Weiterlesen

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Daniel Galera: So enden wir

Der Brasilianer Daniel Galera (Jahrgang 1979) machte erstmals hierzulande von sich reden mit seinem Roman „Flut“, der 2013 als erstes seiner Bücher auf Deutsch erschienen ist und auf der Frankfurter Buchmesse mit dem Gastland Brasilien vorgestellt wurde.

Nun legt der Suhrkamp Verlag im März 2018 sein neues Buch „So enden wir“ in einer Übersetzung von Nicolai von Schweder-Schreiner vor.

Drei Mitte Dreißigjährige, zwei Männer und eine Frau, treffen sich auf der Beerdigung eines alten Freundes, Andrei Dukelsky (genannt Duke), im Sommer 2014 in Porto Alegre, im Süden Brasiliens wieder.

Aurora, Antero, Emiliano und der verstorbene Duke bildeten in ihrer Studentenzeit eine Freundes-Clique von jungen Intellektuellen zu Beginn des Internetzeitalters. Weiterlesen

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Karosh Taha: Beschreibung einer Krabbenwanderung

Das ist der Blick durch ein Schlüsselloch. Man sieht auf der anderen Seite eine Welt, von der man quasi nichts weiß. Vielleicht schlimmer noch, eigentlich gar nichts wissen will. Warum ist das so? Ich fühlte mich während der Lektüre dieses interessanten, wohl fast schon autobiographischen Romans, irgendwie immer sowohl neugierig als auch abgeschreckt. Stellen wir uns dieses Hochhaus vor. Voller Kurden. Irgendwo in Deutschland. Das Haus hat sich wie ein Magnet vollgesogen mit Menschen aus der gebeutelten kurdischen Heimat.

Und sie haben alle ihre Weltanschauungen, ihren mehr oder weniger ausgelebten Islam und ihre Familienehre mitgebracht.  Die Älteren versuchen verzweifelt sich an dem wenigen zu klammern, was einen Menschen noch geradeaus laufen lässt, die Jüngeren versickern in dem neuen Land, dass ihnen selten genug eine neue Heimat bieten kann, außer vielleicht hier und da eine Ausbildung oder gar eine Arbeitsstelle. Weiterlesen

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Johan Bargum: Nachsommer

Weiß man eigentlich jemals, was vor sich geht?, beginnt der erste Satz in dem schmalen, nur 144 Seiten starken Roman des finnischen Autors Johan Bargum. Am Ende wird klar, was den Ich-Erzähler Olof zu dieser Frage bewogen hat.

Die Handlung ist in eine idyllische Schärenlandschaft eingebettet, in der die ruhig fließende Geschichte immer wieder von aufgeladenen Spannungen durchbrochen wird. Dazwischen liest man schöne Sätze wie: Zwischen ihren Brüsten nehme ich einen Duft wahr, den es vielleicht in einer Wiege gibt, in etwas das nicht einmal eine Erinnerung ist… (S.32)

Als die Mutter von Olof und seinem jüngeren Bruder Carl im Sterben liegt, kommt Carl mit seiner Frau Klara und zwei Söhnen widerwillig aus den USA zurück in das Haus in den Schären. Die Brüder hatten über all die Jahre, seit Carl in Amerika lebte, keinerlei Verbindung. Auch zu Klara, die Olof für eine kurze Zeit einmal viel bedeutet hatte, gab es keine Kontakte. Weiterlesen

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Sina Pousset: Schwimmen

Wie soll man jemals schwimmen lernen, wenn man nie die Erfahrung gemacht hat, vom Wasser getragen zu werden?

Jan konnte nicht richtig schwimmen, vor vier Jahren ist er im Meer ertrunken. Milla lebt weiter, irgendwie. Eines Morgens findet sie in der Tasche von Jans altem Mantel einen Einkaufszettel. „Sie liest Jans schiefe Worte auf dem Papier mit ein paar Rissen, bevor der Montagmorgen vor ihren Augen verschwimmt. Einen Moment steht sie still. Sie hält es fest, das unverhoffte bisschen Jan.“ (Zitat S. 13)

Milla und Kristina waren damals mit Jan im Haus am Meer. Jan und Milla sind beste Freunde seit Kindertagen, sie kennt ihn besser als irgendwer sonst. Wie sich später herausstellt, kennt sie jedoch nicht alle seine Geheimnisse. Dass er ihr mehr bedeutet als ein Freund, ist wiederum ihr Geheimnis. Beide haben hin und wieder Beziehungen, zu der Zeit ist Jan Kristina zusammen. Sie verbringen zu dritt einige Sommertage, die in der Katastrophe enden. Weiterlesen

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Lucy Fricke: Töchter

Marthas Vater will zum Sterben in die Schweiz. Behauptet er zumindest. Doch weil er Blut spuckt, Windeln braucht und seine Schmerzen nur mit Morphium erträgt, kann er natürlich nicht mehr selbst fahren. Auch Martha setzt sich nicht mehr hinters Steuer, seit sie sich an einem Unfall die Schuld gibt, dessen Folgen einen Freund das Leben gekostet haben. Also muss Betty herhalten, seit zwanzig Jahren Marthas beste Freundin und gerne bereit, auf den Hilferuf hin von Rom aus nach Berlin zurück zu eilen. Ihr eigentliches Vorhaben, das Grab ihre Lieblingsvaters zu besuchen, kann noch warten, sie schiebt es sowieso schon seit zehn Jahren auf.

Die Väter sind ein besonderes Kapitel im Leben von Betty und Martha. Betty hat (mindestens) drei davon: den leiblichen, den bösen (der dafür gesorgt hat, dass sie sich für „alle Zukunft mit allerlei psychischen und sexuellen Defekten“ durchs Leben schlagen muss) und den guten, genannt „der Posaunist“, den sie liebt und vergöttert, selbst als er ihre Mutter verlässt, ohne sich von ihr zu verabschieden. Auf diese Weise hat auch er einen Beitrag zu ihrer psychischen Instabilität geleistet. Weiterlesen

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