Deb Spera: Alligatoren

1924 in South Carolina: Hier treffen drei Frauen aufeinander, die kaum unterschiedlicher sein könnten. Annie ist Plantagenbesitzerin und als sie ein wohl gehütetes Geheimnis herausfindet, gerät ihre Welt aus den Fugen. Oretta ist ihre schwarze Haushälterin, die mit beiden Beinen im Leben steht, aber immer auch mit dem Rassismus der Mitmenschen zu kämpfen hat. Die dritte im Bunde ist Gertrude, eine junge Frau mit gewalttätigem Ehemann und vier Töchtern. Sie alle durchzubringen ist schwer und bringt sie an ihre Grenzen. Als das jüngste Mädchen krank wird, weiß Gertrude endgültig nicht mehr weiter. Sie bittet Annie um Arbeit in ihrer Nähfabrik und Oretta darum, sich um das Kind zu kümmern. Das Schicksal schweißt die drei Frauen zusammen und als ein Schuss im Sumpf fällt, ist nichts mehr wie bisher.

Deb Spera hat eine ganz besondere Geschichte geschrieben, die abwechselnd aus den Perspektiven der drei Frauen erzählt wird. Jede von ihnen steht für einen Teil der vorhandenen Gesellschaftsschichten. Oretta ist schwarz, muss für die Weißen arbeiten und hat nichts zu sagen in der Gesellschaft. Weiterlesen

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Tom Rachman: Die Gesichter

Einen spannenden und höchst empfehlenswerten Vater-Sohn-Roman hat der britisch-kanadische Autor Tom Rachman geschrieben. Hauptthema: Wie gelingt es Pinch, sich von seinem Über-Vater Bear Bavinsky zu lösen? Gelingt es ihm überhaupt?

Bear Bavinsky gehört zu den erfolgreichsten Malern seiner Generation, und sein Sohn himmelt ihn über alle Maßen an. Doch der große Künstler hat charakterliche Defizite. Er interessiert sich ausschließlich für sich selbst und verschleißt eine Frau nach der anderen. Am Ende kommt er auf 17 leibliche Kinder.

Tom Rachman erzählt diese Geschichte, die sich über viele Jahrzehnte erstreckt, aus der Sicht des Sohnes, der außer dem Talent fürs Malen keine Eigenschaft seines großen Vaters geerbt zu haben scheint. Er ist schüchtern und tut sich schwer im Umgang mit Frauen. Er findet schließlich eine Stellung als Italienisch-Lehrer, die ganz offenbar weit unter seinen intellektuellen Möglichkeiten liegt. Weiterlesen

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Hannah Dübgen: Über Land

Ein kurzer Augenblick, der alles verändert: Clara fährt mit ihrem Fahrrad eine junge, verstört wirkende Frau an, die sofort wegrennt, obwohl sie augenscheinlich verletzt ist. Die merkwürdige Gangart der Frau, ihre bunt zusammengewürfelten Kleider, ihr etwas südländischer Teint und die dunklen Locken – Clara lässt das Schicksal der jungen Frau nicht mehr los. Ihr kommt der Gedanke, dass es sich um eine Geflüchtete handeln muss. Aus Angst eine Teilschuld am Unfallhergang zu erhalten, was sich negativ auf ihren Asylbescheid auswirken könnte, muss sie das Weite gesucht haben. Doch Clara forscht im Flüchtlingszentrum nach und trifft dort tatsächlich auf Amal.

Drei Menschen aus drei verschiedenen Kulturkreisen bilden den Kern dieser Geschichte. Die deutsche Ärztin Clara, ihr Freund Tarun, der aus Indien stammt und als Architekt in Deutschland arbeitet sowie die Irakerin Amal, die in der Flüchtlingsunterkunft auf ihren Asylbescheid wartet. Amal hat im Irak Archäologie studiert und zeichnet gerne Comics. Ihr Vater ist vor einigen Jahren verschwunden, die Großmutter wurde öffentlich hingerichtet, ihre Mutter erhielt nach kritischen Worten an Saddam Hussein berufliche Repressalien. Amal vermisst ihre Familie fürchterlich, Weiterlesen

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Majgull Axelsson: Dein Leben und meins

Auf dem Heimweg von Mumbai, wo ihre Tochter mit ihrer Familie wohnt, steigt die fast 70jährige Märit in Lund aus dem Zug. Über 50 Jahre war sie nicht in dieser Stadt gewesen. Es ist nicht so, dass sie das will, es ist vielmehr ein „zwingender Drang“, der sie antreibt. Eigentlich möchte sie nach Hause nach Stockholm. Allerdings ist unterwegs noch ein Abstecher in Norrköping eingeplant, um mit ihrem Zwillingsbruder Jonas, der nach einem Schlaganfall pflegebedürftig wurde, und dessen Frau Kajsa den runden Geburtstag zu feiern. Auch diesen Besuch macht Märit nicht ganz freiwillig: Kajsa, ihre ehemals beste Freundin, setzt sie unter Druck und möchte, dass die Geschwister, die sich ihr Leben lang nicht viel zu sagen hatten, auf ihre alten Tage versöhnen. Doch Märit gibt, wie so häufig, nach und sagt ihr Kommen zu.

Damit fordert sie den nächsten Streit mit „der Anderen“ heraus, die sie in ihrem Kopf immer dabei hat. Märit ist allerdings überzeugt davon, nicht verrückt zu sein, sie vermutet vielmehr, dass es sich bei der Anderen um die Stimme ihrer Schwester handelt, die bei der Drillingsgeburt gestorben war und deren Geist in sie hineingeschlüpft ist. Die Andere kommentiert Märits Gedanken und ihr Verhalten meist sarkastisch und giftig. Dabei hört sie die Andere nicht wirklich. Zu ihrer Psychologin hat Märit einmal über sie gesagt: „Das ist eher, als höre sie alles, was ich denke, und dann denkt sie genau das Gegenteil.“ Weiterlesen

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Jennifer Eagan: Manhattan Beach

Jennifer Egan, eine 1962 geborene amerikanische Schriftstellerin, entführt uns mit ihrem fulminanten Roman „Manhattan Beach“ in das New York des Zweiten Weltkriegs. Ihre Hauptfigur Anna, eine selbstbewusste junge Frau, möchte unbedingt in den Marinewerften, wo die imposanten Kriegsschiffe gebaut werden, als Taucherin arbeiten.

Das erscheint zunächst unmöglich, hat es doch noch nie zuvor eine Frau gegeben, die den 100 Kilogramm schweren Tauchanzug angezogen hat. Und so treten ihr die größten Vorbehalte und Widerstände entgegen.

Die Autorin verquickt diese Emanzipations-Geschichte um Anna, die mit Mutter und schwerbehinderter Schwester zusammenlebt, mit zwei weiteren Handlungssträngen: Da ist zunächst der zwielichtige, aber gut aussehende Dexter Styles. Er verdient sein Geld zumindest teilweise mit illegalen Geschäften, in denen Nachtclubs, greise, aber mächtige Gangsterbosse in mafiaähnlichen Strukturen eine Rolle spielen. Dexter und Anna lernen sich kennen, und eine gegenseitige Anziehungskraft verbindet sie zumindest kurz. Weiterlesen

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Andreas Martin Widmann: Messias

Der deutsche Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Andreas Martin Widmann (Jahrgang 1979) debütierte 2012 mit seinem Roman „Die Glücksparade“, für den er mit dem Mara-Cassens-Preis ausgezeichnet wurde. Nun ist am 21. August 2018 im Rowohlt Verlag sein neuestes Buch mit dem Titel „Messias“ erschienen.

„Messias“ erzählt die Geschichte einer Familie auf der Suche nach Erlösung. Da ist der Vater Paul Helmer, der in der Werbebranche tätig ist, und in dieser Funktion einen Auftrag für einen arabischen Kunden namens Faisal erhält. Dafür muss er nach London reisen. Seine Frau Inge, ehemalige Lehrerin, gibt Gymnastik- und Fitnesskurse für Frauen in ihrer kleinen Heimatstadt. Wegen ihrer unspezifischen gesundheitlichen Beschwerden ist sie bei Marian, einem Heilpraktiker und Coach, in Behandlung. Paul und Inges erwachsene Tochter Judith versucht sich als Künstlerin und Fotografin. Nach einem kurzen Aufenthalt in einer Kommune in Dänemark kehrt sie unangekündigt in ihr Elternhaus zurück.

Paul genießt seinen Aufenthalt im geschäftigen London. Immer wieder lässt der geheimnisvolle Auftraggeber für eine Werbekampagne der neuen arabischen Fluggesellschaft Oman Airlines die gemeinsamen Termine platzen. Für Paul  wird die Suche nach Faisal zur Hoffnung auf ein anderes Leben. Weiterlesen

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Matt Haig: Wie man die Zeit anhält

Wenn man Tom so ansieht, würde niemand vermuten, dass er schon 439 Jahre alt ist. Er sieht nämlich eher wie ein Mann von etwa 40 Jahren aus. Das liegt daran, dass Tom zu einer besonderen Menschengruppe gehört, die ab der Pubertät viel langsamer altert. Deswegen war Tom über die Jahre bei den wichtigsten geschichtlichen Ereignissen dabei und hat allerhand erlebt seit dem Mittelalter. Davon kann er aber niemandem erzählen, denn die Menschen um ihn herum dürfen niemals von seinem Geheimnis wissen. Etwa alle acht Jahre muss Tom umziehen, seinen Namen wechseln, seine Identität – damit niemand merkt, dass er keinen Deut älter aussieht als noch vor Jahren. Er gehört zu einer Organisation, die sich für ihn und seinesgleichen – denn einige wenige Menschen wie ihn gibt es sehr wohl – einsetzt. Sie hilft ihm beim Wechsel der Identitäten und gibt eine eiserne Regel aus: „Verliebe dich niemals!“ Und was wenn doch …?

Matt Haig hat mit „Wie man die Zeit anhält“ einen leicht übersinnlich angehauchten Roman geschrieben. Tom hat sich natürlich über die Jahre sehr wohl verliebt. In Rose. Das ist jetzt etwa 420 Jahre her, Rose hat deshalb verständlicherweise schon das Zeitliche gesegnet. Weiterlesen

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Karl Wolfgang Flender: Helden der Nacht

Es ist schon mutig, nach dem Vorbild oder im Stile von Dashiel Hammet und/oder Raymond Chandler zu schreiben. Das wird schwer, das liegt in der Natur der Sache. Ist es den altvorderen Kriminalliteraten eigentlich immer gelungen, seinen Detektiven ein klares Profil zu geben, auf das man sich verlassen konnte. Am Ende des Falles kommt noch eine letzte Kurve und Philip Marlowe schaut irgendeiner Frau in die Augen, und der Fall war eigentlich gelöst und dann wieder nicht. Denn richtig glücklich war Marlowe nie, denn die ganz großen Haie, haben sich doch immer wieder raus gewunden. In etwa versucht Karl Wolfgang Flender dem gerecht zu werden.

Herausgekommen ist eine zu Anfang noch nachvollziehbare Story eines vor dem Ruin stehenden Detektivbüros, vertreten durch den Junior Bryan Auster und einer Kriminalkommissarin namens Colleen McCollum. Und schon kommen erste Irritationen, bzw. ich habe nicht verstanden, warum Auster seine Sicht der Dinge im Imperfekt erzählt und Colleen immer in der Gegenwart. Außerdem irritiert, dass man lange Zeit gar nicht weiß, wo man eigentlich ist. Der Autor gibt den Beteiligten amerikanische Namen und man wähnt sich in der Falle, weil man nicht weiß, sind wir in New York oder in Berlin. Weiterlesen

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Antonin Varenne: Äquator

Nebraska 1871. Pete Ferguson ist seit Jahren auf der Flucht. Er und sein jüngerer Bruder werden als Deserteure des Bürgerkriegs gesucht; die Bowman-Ranch, ihren Zufluchtsort, musste er verlassen, nachdem er einen Mann getötet hatte. Jähzorn, Beschützerinstinkt und unbedingter Gerechtigkeitssinn lassen ihn immer wieder gewalttätig werden. Er ist unter falschem Namen unterwegs, allein mit seinem Pferd Reunion. In den Plains schließt er sich einem Trupp von Bisonjägern an; die Bisons sind beinahe ausgerottet, die Jäger sind den letzten Tieren auf der Spur. Einer von ihnen erzählt Pete vom Äquator, dieser Linie, die man überschreiten muss, um auf die andere Seite der Erde zu gelangen, wo die Menschen auf dem Kopf gehen und das Wasser die Flüsse hinauf fließt. In Petes Vorstellung könnte das Überschreiten des Äquators seine Erlösung bedeuten, das Ende der Gewalt, den Anfang von Gefühlen.

Er macht sich auf die Reise nach diesem Sehnsuchtsort, geht immer weiter nach Süden, schließt sich Komantscheros an, begeht einen Auftragsmord in Mexiko, lässt sich für eine Verschwörung in Guatemala anwerben, die er zum Scheitern bringt, um das Leben einer Indiofrau zu retten. Nun sind sie zusammen auf der Flucht, zwei Heimatlose, die nur noch einander haben. Maria macht die Reise zum Äquator zu ihrer eigenen. Sie schlagen sich nach Brasilien durch, schaffen es bis zum Delta des Amazonas und endlich an den Äquator. Weiterlesen

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Rachel Cusk: Kudos

Deprimierend gut, so würde ich einleiten, wenn man mich fragen würde. Ein existenzphilosophischer Roman, eine Spiegelung menschlicher Dramen und einer Traurigkeit der Welt. Aber es ist schön, mal wieder so geerdet zu werden. Vielleicht beobachtet man die Menschen nach diesem Buch mal wieder etwas genauer, hört intensiver zu und vergleicht sein eigenes Leben bzw. kann es vielleicht besser einordnen. Rachel Cusk ist ein Roman gelungen, das einen innehalten lässt, wie selten.

Es steht ganz im Widerspruch unserer heutigen „Alles gut“ – Antwortrealität, wobei man genau weiß, das stimmt bei keinem von uns. So ist das Leben nämlich nicht angelegt. Weiterlesen

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