Annette Wieners: Die Diplomatenallee

Über eine spannende Zeit an einem spannenden Ort schreibt Annette Wieners in ihrem neuen Roman. Die Autorin, Journalistin und Moderatorin beim WDR, habe ich schätzen gelernt durch ihre Kriminalromane um eine ehemalige Kriminalbeamtin, die hochspannend und sehr gut geschrieben sind. Hier würde ich mir unbedingt weitere Bände wünschen.

Der neue Roman spielt im Jahr 1974, ein politisch sehr dynamisches Jahr, vor allem in der damaligen Bundeshauptstadt Bonn. Wurde doch in diesem Jahr die Ständige Vertretung der DDR dort eröffnet und scheiterte der damalige Kanzler Willy Brandt an der Spionagetätigkeit von Günther Guillaume.

Zu dieser Zeit führt Heike zusammen mit ihrem Mann Peter ein Schreibwarengeschäft, ganz in der Nähe von Bundestag und den Ministerien. Das führt dazu, dass viele hochrangige Politiker sich die Klinke des Ladens in die Hand geben.

Heike ist eine sehr zurückgezogen lebende junge Frau. Sie hat Graphologie studiert und war dort bereits vor dem Abschluss ihres Studiums sehr erfolgreich. Dann jedoch geschah Schreckliches, ausgelöst durch ein von Heike erstelltes Schriftgutachten. Danach hat sie der Wissenschaft entsagt, nie wieder Schriften studiert, geschweige denn interpretiert. Seither sind viele Jahre vergangen. Weiterlesen

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Lousie Doughty: Was die Nacht verschweigt

Lisa Evans beobachtet, wie sich nachts am Bahnhof von Peterborough ein Mann vor einen Zug wirft. Lisa kann nichts gegen den Selbstmord unternehmen – denn sie ist ein Geist. Vor 18 Monaten hat es an derselben Stelle einen ganz ähnlichen Todesfall gegeben. Nur ein Zufall? Oder gibt es einen Zusammenhang zwischen den Suiziden?

Nicht nur Lisa, sondern auch die Polizei wird auf den örtlichen Zusammenhang zwischen den beiden Todesfällen aufmerksam. So beginnt auch PC Lockhart, sich erneut mit dem Selbstmord vom letzten Jahr auseinanderzusetzen, auf der Suche nach möglichen Verbindungen.

Für ihren neunten Roman „Was die Nacht verschweigt“ wählt die britische Autorin Louise Doughty eine ungewöhnliche Perspektive. Lisa, deren Geist an den Bahnhof gefesselt ist, berichtet uns als entrückte, übergeordnete Ich-Erzählerin über ihre Beobachtungen rund um ihre unfreiwillige Heimat. Unterbrochen werden diese Schilderungen davon, dass sie sich stückchenweise daran zu erinnern beginnt, wer sie einmal war. Diese Sequenzen kommen meist plötzlich wie eine Art Flashback, wenn Lisa durch irgendetwas an ein früheres, eigenes Erlebnis denken muss. Weiterlesen

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Jana Huhn: Von Kopf bis Fuß

Denn was nützt ein Leben für Instagram, wenn dein eigenes dadurch im Chaos versinkt?“ (S. 83)

Berührend und eindringlich schreibt Jana offen und ehrlich über ihren Lebensweg, ihre Hochsensibilität, Selbstliebe, Beziehungen (zu sich selbst, Männern, Freundschaften, ihren Eltern), innerer Heilung, den Schattenseiten von Social Media und ihrer Therapie.

Denn in dem Moment, in dem wir wieder anfangen, wahllos über das Leben eines anderen Menschen zu urteilen, urteilen wir eigentlich mehr über unser eigenes.“ (S. 70)

Absolut intensiv erzählt sie u. a., wie sie während ihres großen Instagram-Erfolges wahnsinnig müde von der App geworden ist und den Blick dafür verlor, was eigentlich im Leben wichtig ist. Man selbst sei „eine Leuchtreklame, die unablässig blinkt: Schau mich an! Beachte mich!“ (S. 80)

Es ist erschreckend, wie viel Macht diese App über einen besitzen kann, auch wenn man denkt, dass es nicht so ist.“ (S. 81) Weiterlesen

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Thomas Mullen: Die Stadt am Ende der Welt

Thomas Mullens Romane lassen sich nicht anders auf den Punkt bringen als: Sie sind eine Wucht! Brutal, schonungslos, vielschichtig, aufwühlend. Bereits als Mullens Romandebüt 2006 veröffentlicht wurde – seine Welterfolge rund um die „Darktown“-Trilogie sollten noch folgen – sorgte es für Furore. Wie kaum ein anderer versteht es Mullen darzulegen, wozu Menschen fähig sind, wenn sie sich in ihrer Existenz bedroht fühlen. Heute, im Jahr 2022, ist der Plot um den Ausbruch der Spanischen Grippe 1918 in einer amerikanischen Holzfällerstadt voller „Kriegsdienstverweigerer“ von der Geschichte eingeholt worden. Wieder eine Pandemie, wieder ein Krieg. Krisen, die das Beste und Schlechteste im Menschen hervorholen. So hinterlässt der ohnehin schon nervenzerreibend spannende Plot beim Lesen weiteres Unbehagen. Denn in punkto Verhalten hat sich nichts geändert. Während manche nur darauf bedacht sind, ihre eigene Haut zu retten, bewahren andere den Blick fürs Große und Ganze. Wie moralisch flexibel muss man in Notsituationen sein, um zu überleben? Welche Opfer rechtfertigen das Gemeinwohl? Wann darf ein Mensch töten? Was hält die Gesellschaft zusammen? Weiterlesen

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Judith W. Taschler: Über Carl reden wir morgen

Ich mag Familienepen über mehrere Generationen sehr und ich mag die Bücher von Judith W. Taschler. Also war es keine Frage, dass ich auch ihren neuesten Roman unbedingt lesen wollte. Und ich habe es keineswegs bereut.

Sie erzählt die Geschichte der Familie Brugger, die im österreichischen Mühlviertel in einem kleinen Ort die Mühle betreibt. Beginnend im frühen 19. Jahrhundert verfolgt die Autorin die Geschicke der Familie über mehr als 100 Jahre.

Dabei verfährt sie nicht unbedingt streng chronologisch, sondern folgt eher einzelnen Erzählsträngen, angelehnt an die Perspektive einzelner Familienmitglieder. So erfährt man im einen Strang angedeutete Ereignisse erst später dann im Detail.

Die ersten Protagonisten sind Anton Brugger und seine Schwester Rosa. Sie folgt den Versprechungen einer Anwerberin und gelangt als Hausmädchen nach Wien. Es kommt, wie es kommen muss. Weiterlesen

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Jan Weiler: Der Markisenmann

Für die fünfzehnjährige Kim sollte die Abschiebung zum fremden Vater eine Strafe sein. Während ihre Mutter, ihr Stiefvater und Halbbruder einen Luxusurlaub in Miami genießen, wird sie wie ein Gepäckstück in den Zug von Köln nach Duisburg gesetzt. Am Bahnsteig steht sie zum ersten Mal ihrem leiblichen Vater gegenüber, der in ihrem Leben stets der totgeschwiegene Mann mit den unscharfen Konturen war. Manchmal rutschte ihrem Stiefvater der Ausdruck „der feine Herr Papen“ heraus. Kim stellt sich dann einen erfolgreichen Geschäftsmann im Anzug vor. Aber erst als sie in die gleichen blauen Augen wie die ihrigen schaut, weiß sie instinktiv, wohin die Reise geht. Kurz darauf wohnt sie in einer Lagerhalle in einem abgelegenen Industriegebiet. Allein schon der Anblick des winzigen Raumes ohne Fenster, in dem sie schlafen soll, schockiert sie bis ins Mark. Bisher nutzte ihr Vater die Abstellkammer für sein Werkzeug, aber für Kims Gepäck hat er vorsorglich ein paar Fächer in den Metallregalen freigeräumt. Und während sie über die Aussicht einer Flucht nach Köln nachdenkt, lernt Kim Ronald Papen, den Markisenmann, und eine völlig andere Lebensphilosophie kennen. Sie lernt viel über sich und das Leben, und plötzlich, ohne es zunächst zu bemerken, hat sie eine Menge Spaß und Papens Geheimnis, das sie unbedingt lüften will. Weiterlesen

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Garielle Lutz: Geschichten der übelsten Sorte

Der Autor Clemens J. Setz („Indigo“) bezeichnet Garielle Lutz als „eine der großen Prosamagierinnen“. In der Tat ist die Sprache, mit der die Autorin uns Leser angeht, ungewöhnlich intensiv. Manche Sätze stehen so sehr für sich, dass ein Weiterlesen zunächst einmal schwierig erscheint, und oft reihen sich genau diese Sätze sogar aneinander.

Der Übersetzer Christophe Fricker hat für das als unübersetzbar geltende Buch Worte gefunden wie: „Sie schneidersetzte sich auf den Wohzimmerboden“. Es folgen surreale Sätze wie „Der Baum vor dem Fenster macht viel Lärm“. Aber auch abstoßende und nervende Beschreibungen über Kot, Urin und Selbstbefriedigung: „Ich hole mir noch zweimal heilsam einen runter“. Es folgt die Episode, in der der Protagonist von Geschäft zu Geschäft läuft, um in der Umkleidekabine auf die eigene und die zu verkaufende Kleidung „die Pisse […] loslaufen“ lässt. Lässt die eine Frau „ihre Arme so langsam in meine Richtung ausrollen, so sehr im Verborgenen“, ist eine andere „Frau ein vielbenutzter, unbewohnbarer Rotschopf gewesen“. Weiterlesen

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Peter Cameron: Was geschieht in der Nacht

Ein namentlich nicht näher benanntes Ehepaar reist mit dem Zug in ein Kaff im verschneiten europäischen Norden, um ein Kind aus einem Waisenhaus abzuholen, das die beiden adoptieren wollen.

Von Anfang an geht alles schief. Das Paar steigt an einem vollkommen verlassenen Bahnhof falsch aus und weiß kaum ins Hotel zu kommen.

Peter Camerons „Was geschieht in der Nacht“ ist ein seltsamer Roman. Die Handlung weist einige Kapriolen auf, die nur schwer nachzuvollziehen sind.

So ist das Verhältnis des Paars von einem permanenten Streit geprägt. Auch erweist sich die todkranke Frau als extrem wankelmütig, was ihre Motivation zur Adoption des Babys angeht. Ein aufdringlicher Geschäftsmann, ein Barkeeper und eine alternde Schauspielerin, die im selben Hotel wie das Paar logieren, spielen ebenso ominöse Nebenrollen wie ein Wunderheiler. Weiterlesen

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Maria Rossbauer: Großstadtbäuerin. Mein Vater, sein Land und ich

Maria Rossbauer lebt mit ihrem Mann und drei kleinen Kindern in Hamburg, als sie der Anruf ihres Vaters erreicht. Er ist Bauer in Niederbayern, 81 Jahre alt und möchte den Hof nicht mehr allein bewirtschaften. Er will ihn übergeben, sich nicht mehr um alles kümmern müssen. Tiere werden wegen des Arbeitsaufwandes und der Rentabilität ohnehin keine mehr gehalten. Maria soll den größten Anteil an Wiesen, Feldern und Wald erben, weil die anderen drei Geschwister zum Teil Geld von den Eltern erhalten und eigene Existenzen gegründet haben. In ihrem Kopf beginnt ein Gedankenkarussell zu rattern. Kann man das Vertrauen des Vaters enttäuschen? Darf man so ein Erbe, so einen Auftrag in den Wind schlagen?

Ihre Eltern haben ihr ganzes Herzblut und ihr gesamtes Leben in den Erhalt des Hofes investiert. Immer hat es sie bekümmert, dass ihre Kinder in der Enge und im Lärm der Stadt aufwachsen müssen. Ganz anders, als sie Kindheit erleben durfte. Sie beschließt, sie will sich der Aufgabe stellen. Bei wiederholten mehrwöchigen Aufenthalten in Niederbayern staunt sie nicht schlecht, was man als Bauer alles können und wissen muss. Weiterlesen

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Bernadette Schoog: Marie kommt heim

Marie kommt heim, weil ihre alte Mutter im Sterben liegt. Die Aussicht, dass sie für einen Abschied nur noch wenig Zeit habe, verunsichert und irritiert sie. Wie soll sie sich von einer Mutter verabschieden, mit der sie sich nie verstanden und der sie nievertraut hat? Marie war acht Jahre lang ein Vaterkind und als dieser verstarb, gab es nur noch sie beide, jede für sich allein und doch eine Zwangsgemeinschaft ohne Liebe und Verständnis.

Der räumliche und zeitliche Abstand zur Mutter muss für diesen Abschied irgendwie überwunden werden. Aus diesem Grund lässt sich Marie für das Wiedersehen Zeit. Sie sieht die alte Heimat in ihrer Enge, den unvermeidlichen Andrang von Pilgern, und sie erinnert sich. Alles zusammen führt zu den Gedanken, nur schnell weg von hier. Kurz bei der Mutter vorbeischauen, Abschied nehmen und dann endlich weg, zurück in ihr beschauliches Zuhause. Womit Marie nicht rechnet ist, dass sie nach ihrem Besuch auf einmal den Wunsch verspürt zu bleiben und eine Versöhnung mit der Mutter zu versuchen. Dies ist der Moment, in dem Marie dann wirklich heimkommt, mit allen schlechten aber auch mit allen guten Erinnerungen. Weiterlesen

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