Thomas Montasser: Eine himmlische Katastrophe

Eine Katastrophe ist diese kleine Buch ganz sicher nicht, weder eine himmlische noch eine irdische. Nein, sondern es ist eine entzückend altmodisch erzählte Geschichte. Ein bisschen Sister Act, ein wenig Soeur Sourire und ein Hauch von „Stadtmaus besucht Landmaus“ (inklusive Besuch der Speisekammer).

Thomas Montasser erzählt eine märchenhafte Culture Clash Komödie, die man im doppelten Wortsinn gut in einem Zug lesen kann.

Die junge Louise, oder Lou, wie sie lieber genannt werden möchte, kommt aus Gründen, die sie ungern an die große Glocke hängt, aus Paris ins Burgund. Ihre Tante Madeleine lebt dort in einem Kloster, eine von den drei letzten überlebenden Nonnen des Klosters Notre Dame de Bleaumont. Das Kloster ist oder besser war berühmt für den dort hergestellten Blauschimmelkäse. Leider hat jedoch eine der Nonnen das Rezept der Käsezubereitung mit ins Grab genommen und nun gehen die Einnahmen des Klosters rapide zurück.

Nachdem Lou die musikalischen Talente der drei Nonnen entdeckt, entwickelt sie schnell einen Plan, wie sich diese zu Geld machen lassen. Dank ihrer Verbindungen in das entsprechende Milieu – sie ist in einem Banlieu von Paris groß geworden, in dem man in diese Verbindungen quasi hineinwächst – gelingt es binnen kürzester Zeit, die drei Nonnen zu einer Band aufzubauen, die in ganz Frankreich vor ausverkauften Häusern spielt. Weiterlesen

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Lotte Elstad: Mittwoch also

Die 33-jährige Hedda lebt in Norwegen. Dort hat ihre Affäre eben die Beziehung beendet und Hedda, irgendwie aus dem Lot geraten deswegen, stürzt sich in eine Reise. Über Umwege führt diese Reise sie in die Arme des Berliners Milo. Die beiden haben einen One-Night-Stand, danach sieht Hedda ihn nicht wieder. Doch die Folgen der Nacht reichen weiter als gedacht. Hedda ist ungewollt schwanger. Beim Gynäkologen erfährt sie, dass sie bis zur Abtreibung eine Bedenkzeit in Kauf nehmen muss, um sich ihren Entschluss genau zu überlegen. Mittwoch also wird ihre Abtreibung endlich stattfinden können. Es sei denn, Hedda entscheidet sich dagegen …

Lotte Elstads Roman ist ungewöhnlich und anders. Ihre Protagonistin Hedda lebt minimalistisch und muss sich mit ihren Mitmenschen und der Generation, zu der sie gehört, auseinandersetzen. Gerade befindet sich ihr eigenes Leben in einer Krise. Sie ist 33 Jahre alt, hat keinen festen Job mehr, war sehr verliebt in ihren Verflossenen und Vermögen besitzt sie auch keines. Weiterlesen

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Axel Hacke: Wozu wir da sind: Walter Wemuts Handreichungen für ein gelungenes Leben

Was sich anhört wie ein Ratgeberbuch, ist ein nachdenklicher und gleichsam verblüffender Roman mit vielen Gedanken über das Leben und wie unser Leben gelingen kann:

Der Protagonist Walter Wemut schreibt jeden Samstag für eine Zeitung einen Nachruf auf berühmte oder gänzlich unbekannte Menschen. Wem er seine Nachrufe widmet, bleibt ihm selbst überlassen. Abgesehen davon hat Walter Wemut die Erfahrung gemacht, dass es über jeden Menschen etwas Interessantes zu erzählen gibt und bezeichnet sich selbst als den publizistischen Totengräber der Zeitung.

Als er für eine achtzigjährige Freundin eine Rede über das gelungene Leben schreiben soll, macht er sich weitreichende Gedanken hierüber. Dieses Nachsinnen führt zu einem Monolog, der sich durch das gesamte Buch zieht. Walter Wemut lässt sich einesteils inspirieren von der Literatur, gleichsam erinnert er sich an Freunde, an gescheiterte Freundschaften und gescheiterte Menschen. Er macht sich Gedanken über Glück und Unglück, das diesen Menschen widerfahren ist oder über (scheinbar) ganz profane Dinge. Anregungen findet Wemut unter anderem bei seinem Zeitungshändler, der in seinen „Tagebüchern des Weltgeschehens“ die kuriosesten Geschichten gesammelt hat. Weiterlesen

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Richard Yates: Easter Parade (1976)

Der amerikanischer Meister vielschichtiger Charaktere hat es wieder geschafft: Er packt uns mit Haut und Haar, lässt uns tief ins Gefühlsleben seiner Protagonisten eintauschen. Hier sind wir nicht Zaungäste, hier sind wir Mitwisser, Mitdenker, Mitfühler. In diesem ausgefeilten Roman zeichnet er das Schicksal zweier ungleicher Schwestern im Amerika der 30er bis 70er Jahre nach. Gezeichnet durch die Scheidung ihrer Eltern, getrieben durch die ständigen Umzüge ihrer Kindheit, geprägt durch ganz unterschiedliche Vorzüge, versuchen sie ihr Leben auf unterschiedliche Weise in die Hand zu nehmen. Die schöne Sarah, Liebling des Vaters und der Männer, heiratet früh und bekommt drei Söhne. Die magere Emily tut sich durch intellektuelle Stärke hervor, studiert und schlägt eine journalistische Laufbahn ein. Glücklich werden beide nicht. Denn wie heißt es doch so schön: Wohin du auch gehst, du nimmst dich selbst immer mit.

Ihre Mutter will ein Leben voller Flair und schafft es nur bis zur nächsten Cocktailstunde. Emily und Sarah wachsen nach der Scheidung ihrer Eltern bei ihrer Mutter Pookie auf, einer erfolglosen Immobilienmaklerin. Der Vater arbeitet in der Redaktion einer New Yorker Zeitung, er ist allerdings kein Reporter, sondern redigiert lediglich. Außerdem schreibt er Überschriften, laut seiner ältesten Tochter die wichtigste Aufgabe von allen. Die schöne Sarah fällt durch ihre weibliche Figur schon früh dem anderen Geschlecht ins Auge, heiratet einen Ingenieur, bekommt drei Söhne und lebt auf Long Island. Weiterlesen

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Fabian Hischmann: Alle wollen was erleben

Wenn man es positiv sehen will: Der deutsche Schriftsteller Fabian Hischmann, geboren 1983, trifft in den Stories seiner Sammlung „Alle wollen was erleben“ sicherlich das Lebensgefühl einer jüngeren Generation – mit Unsicherheiten und auch Enttäuschungen in der Partnerschaft, die auch gleichgeschlechtlich sein kann, oder Planungen für die noch unklare Zukunft. Hischmanns Figuren sind in der Regel unsicher und leiden an ihrer Gegenwart – wie Sophie, die früher ein Junge war, sich einer Geschlechtsumwandlung unterzogen hat und nun unglücklich in ihren Schulfreund Simon verliebt ist. Oder wie Lukas und Roman, die als Paar gemeinsam einen Jungen erziehen, sich der unqualifizierten Kommentare von Romans Mutter erwehren müssen und dann (seltsamerweise und etwas unpassend) in einen Nachbarschaftsstreit geraten. Oder wie ein von seiner Frau verlassener, einsamer Bäcker, der im Radio vom Tod Charles Mansons erfährt. Weiterlesen

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Inger-Maria Mahlke: Archipel

Es ist nicht das erste Mal, dass mir eine Entscheidung der Jury für den Deutschen Buchpreis komisch vorkommt. Bei „Die Habenichtse“ von Katharina Hacker kam ich mir sogar richtig verarscht vor. Oder „Tannöd“ (A.-M. Schenkel), ich erinnere mich noch, deutscher Krimipreis. Lächerlich. Dann wieder gibt es Highlights und verdiente Ehrungen wie für „Widerfahrnis“ von Bodo Kirchhoff, ach ich weiß es doch auch nicht und vielleicht Geschmackssache!  Naja, aber jetzt frage ich mich schon wieder, was das soll? „Archipel“ ist zwar von der Inselbeschreibung her, also das was hinter der Tourismusschiene, sozusagen auf der Rückseite von Teneriffa, an wirklichem Leben und Elend geschieht und geschah, sehr nah dran, aber die Familiengeschichten, von der Gegenwart zurück bis ins frühe 20. Jahrhundert verfolgt, bleiben eine einzige Anstrengung.

Da nutzen auch die (zur Hilfestellung) aufgeführten Namenslisten der vorkommenden Personen nichts, denn das immer wieder Vorblättern hilft dann auch nicht, wenn man grad wieder jemand neues im Buch vorfindet – der vorne nicht genannt wird – und vergeblich nach irgendeiner Affinität sucht. Weiterlesen

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Doris Dörrie: Leben, schreiben, atmen: Eine Einladung zum Schreiben

Über rote Blumen schreiben, über große Pril-Flaschen, tiefgekühlte Erbsen oder Q-tips? Kein Problem für Doris Dörrie. Und sicher auch nicht für die Leserinnen und Leser ihres neuen Buches „Leben, schreiben, atmen“, die sich von ihr mitnehmen lassen in eine Welt voller Erinnerungen und Anregungen. Denn nichts ist zu gering, um als Inspiration für das eigene Schreiben dienen zu können.

Es geht dabei nicht darum, perfekt zu schreiben oder um etwas, das sich gut verkauft, sondern darum, sich selbst besser kennenzulernen und das eigene Leben bewusst wahrzunehmen.

Schreibend erinnere ich mich an mich selbst. Was ist in meinem Gehirn an Bildern und Tönen gespeichert, was für Erinnerungen an Menschen, Orte, Tiere, Gefühle? Jeder von uns ist einzigartig. Niemand hat genau die gleichen Erinnerungen an dieselbe Begebenheit.“ (Seite 10)

Sie rät dazu, einfach loszuschreiben, ohne nachzudenken und ohne anzuhalten. Wohin dieses freie Assoziieren führt, kann man vorher nie sagen. So kommt sie zum Beispiel vom Herbst mit seinen Kastanien zum Tennisclub, an dem sie als Kind immer mit der Straßenbahn vorbeigefahren ist, und zur braungebrannten Gabi, die viel mehr vom Leben wusste als die kleine Doris. Weiterlesen

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Dieter Aurass: Rheinlandbastard

Ein Kriminalfall im Jahr 1924 in Koblenz. Ein Fall um ein weitgehend unbekanntes Thema aus der Zeit der französischen Besatzung im Rheinland nach dem ersten Weltkrieg.

Dieter Aurass ist ein pensionierter Polizeibeamter, der nach einer Reihe von Frankfurter Regionalkrimis hier seinen ersten historischen Kriminalroman vorlegt. Und der ist ihm wirklich gelungen.

Der Krimi vor dem Hintergrund realer historischer Ereignisse ist hochspannend und, soweit ich das beurteilen kann, hervorragend recherchiert. Es geht um grausame und scheinbar willkürliche Morde an französischen Besatzungssoldaten. Der mit der Aufklärung beauftragte Colonel ist fest davon überzeugt, dass nur ein Deutscher der Täter sein kann. Die Deutschen, oder doch zumindest die Meisten, hassen die Franzosen, die ihr Land besetzt haben. Und die Franzosen, allen voran eben auch dieser Colonel, hassen die Deutschen für all das Leid, dass sie im Krieg über Frankreich gebracht haben. Weiterlesen

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William Melvin Kelley: Ein anderer Takt (1962)

Juni 1957 in einem fiktiven Staat im Südosten der USA: In der Kleinstadt Sutton lungern ein paar weiße Männer – wie so oft – auf der Veranda von Thomasons Lebensmittelgeschäft herum, als ein Lastwagenfahrer sie nach dem Weg zur Caliban-Farm fragt. Seine Ladung, ein Berg von weißen Steinsalz-Kristallen, kommt den Männern seltsam vor. Doch erst als sie erfahren, dass Tucker Caliban genau dieses Salz auf seinen Feldern verteilt, werden sie neugierig und machen sich auf den Weg zur Farm. Dort werden sie Augenzeugen von Ereignissen, die niemand wirklich versteht: Der dunkelhäutige Tucker Caliban, in dem das Blut des legendären „Afrikaners“ fließen soll, zerstört seinen gesamten Besitz, die Äcker, die Tiere, das Haus und bricht mit wenig Gepäck, Frau und Kind auf.

Als die gesamte schwarze Bevölkerung des Ortes und sogar des Staats es ihm gleichtut, stehen die weißen Männer staunend zusammen und fragen sich, was das zu bedeuten hat. Einzig der kleine Harold, genannt Mister Leland, hat gewagt, Tucker nach dem Grund seines Weggangs zu fragen und nur zu hören bekommen, dass er – Harold – noch nichts verloren hätte. Was das bedeuten könnte, erklärt ihm Reverend Bradshaw, ein anscheinend wohlhabender Besucher aus den Nordstaaten, der von den Ereignissen gehört hat und ihnen auf den Grund gehen will: „Ich glaube, er hat gemeint, dass man ihm etwas gestohlen hat und dass er das lange Zeit nicht gewusst hat, weil er nicht wusste, dass das, was man ihm gestohlen hat, überhaupt ihm gehörte. Verstehst du?“ (Zitat aus Kapitel „Mister Leland“).

Diese Aussage ist für mich der Kerngedanke von William Melvin Kelleys Debüt-Romans „Ein anderer Takt“, der 1962 erschienen ist. Weiterlesen

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Anika Decker: Wir von der anderen Seite, gelesen von Katja Riemann

Als Rahel aufwacht, versteht sie die Welt nicht mehr. War sie nicht eben noch in die Notaufnahme gegangen, da ein Nierenstein ihr Probleme machte? Nun liegt sie verkabelt mit zahlreichen Schläuchen im Körper auf der Intensivstation und weiß nicht, wo oben und unten sind. Sie kann sich kaum bewegen, wird mit Medikamenten vollgepumpt und niemand verrät ihr etwas. Erst Tage später erfährt sie, dass sie wegen multiplem Organversagen im Koma lag. Nun muss sie mit ganz kleinen Schritten anfangen. Einen Löffel selbst zu halten, ist beispielsweise unmöglich, vom Bett aufstehen undenkbar. Kleine Schritte führen Rahel zurück ins Leben und die Komödienautorin versucht, alles mit etwas Humor zu nehmen.

Anika Decker ist selbst Drehbuchautorin und unter anderem durch Filme wie „Keinohrhasen“ und „Zweiohrküken“. „Wir von der anderen Seite“ ist ein teilweise biographischer Roman, denn die Autorin lag selbst in einem künstlichen Koma und musste sich zurück ins Leben kämpfen. Wegen einer Nierenbeckenentzündung mit Blutvergiftung wurde diese Maßnahme damals nötig. Rahel, ihre Romanfigur, durchlebt ein sehr ähnliches Schicksal. Weiterlesen

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