Antje Zimmermann: Das Event

Die einleitende Szene, passend mit Regenfluten und Sturmeswüten, lässt Vergangenes und ein daraus folgendes Verbrechen, ja sogar den Täter/die Täterin erahnen. Doch zunächst dreht sich alles um ein aufgrund des Todes der Besitzer geschlossenes Hotel auf Helgoland, in dem vorübergehend eine Event-Agentur ein Gruselabenteuer inszeniert, bei dem Stephen Kings »Shining« nachgestellt wird. Nicht nur im Hotel »Hummer« geschehen seltsame, wenn auch, wie sich ein ums andere Mal herausstellt, letztlich harmlose Dinge. Oder steckt doch mehr dahinter?

Kommissarin Maxi Adler und Leandra Kern, die neue Polizeichefin der Insel, haben ganz andere Sorgen. Geplagt von allerlei persönlichen Problemen – Maxi wegen ihrer Familie, Leandra mit ihrer durch eine Hormonbehandlung angestachelten Libido – sind sie weit davon entfernt, toughe Ermittlerinnen zu sein. Vogelgrippe, ein abgeschlachtetes Lamm und attackierende Möwen zerren ebenso an ihren Nerven wie die albernen Horrorinszenierungen im »Hummer«. Doch dann tritt zum einen Klaus Kleine auf den Plan, ein bisher unbekannter Erbe des Hotels, das sich Maxis Eltern unter den Nagel reißen wollen; zum anderen taucht Mathis, Maxis verschwundener und für tot erklärter Zwillingsbruder, auf. Beide sorgen für erhebliche Aufregung auf der Insel.

Es geht um ernste Themen, um Geldgier, Herrschsucht, religiösen Wahn und Homophobie – alles ausreichende Gründe für ein Verbrechen. Wirkliche Spannung kommt aber nicht auf, da auch nach 200 Seiten eine Bedrohungslage allenfalls erahnt werden kann. Stattdessen gibt es aufgesetzte Dramatik, wenn sich etwa die leicht überspannte Maxi in Gefahr hineinhalluziniert (mit bisweilen slapstickhafter Auflösung). Doch dann geschieht tatsächlich ein Mord und die Geschichte wird zu einem Krimi.

All das ergibt Cosy Crime, aber keinen Thriller. Es ist nicht im Geringsten erkennbar, warum der Verlag dieses Buch als solchen bezeichnet. Ein echter Thriller erzeugt ein Bedrohungsszenario, und zwar von Beginn an, und zieht die Schraube immer weiter an, sodass man nicht aufhören kann, zu lesen. Davon kann bei »Das Event« nicht die Rede sein. Ja, irgendetwas Mysteriöses geht hier vor. Der Plot ist jedoch geprägt von einer Aneinanderreihung eher komischer, fast schon satirischer Momente. Das Live-Event, die Kindergartenversion eines Horrorromans, erheitert, lässt die LeserInnen schmunzeln, aber nicht den nächsten Ereignissen entgegenfiebern. Der Untertitel verrät, dass irgendjemand sterben wird. Irgendwann. Als es dann zwei Tote gibt, sind die aber nicht Opfer eines Verbrechens. Dieses Buch kann man beruhigt zur Seite legen und am nächsten Tag weiterlesen.

Ähnlich unzutreffend ist das völlig überzogene Lob, die Story ginge Hand in Hand mit einer »überragenden Sprache«. Antje Zimmermann kann schreiben, besser als manche KrimiautorInnen, die als Bestseller die Regale füllen. Eine derartige Ankündigung weckt allerdings ganz besonders hohe Erwartungen, die meiner Ansicht nach dann doch nicht erfüllt werden.

Diese Kritik gilt nicht der Autorin, die einen flüssig lesbaren, leichtfüßigen Roman geschrieben hat. Und die beiden Protagonistinnen haben das Potenzial für eine Fortsetzung. »Das Event« ist ein unterhaltsamer Krimi, dem der Verlag aus Marketinggründen ein unzutreffendes Etikett aufgepappt hat.

Antje Zimmermann: Das Event.
dtv, Mai 2026.
304 Seiten, Taschenbuch, 17.00 €.

Diese Rezension wurde verfasst von Wolfgang Mebs.

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