Anna Husen: Lübecks Töchter: Der Traum von Liebe und Gemeinschaft

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Das Vermitteln von Wissen und Bildung, der Wunsch nach Eigenständigkeit und Selbstbestimmung – das sind auch im zweiten Teil der Dilogie um „Lübecks Töchter“ die beherrschenden Themen. Sehr anschaulich wird die Situation der Frauen im ausgehenden 19. Jahrhundert dargestellt. Sogenannte „höhere Töchter“ wurden meist von einem Privatlehrer unterrichtet, wurden auf eine Zukunft als Ehefrau und Mutter vorbereitet und lernten dementsprechend in der Regel, wie man Konversation macht, ein bisschen Französisch oder Englisch sowie Haushaltsführung. Tiefergehende Bildung blieb ihnen oft verwehrt. Das wollten Amélie Roquette und ihre Schwestern mit ihrem Institut ändern. Zunächst als Schule für höhere Töchter geplant, wurde daraus bald auch ein Lehrerinnenseminar, an dem die Schwestern selbst künftige Lehrerinnen ausbilden konnten. Gegen viele Widerstände der Behörden, aber auch einzelner Bürger, die versuchten, den Schwestern das Leben schwer zu machen.

Inzwischen ist Clara verstorben, Pauline hat Lübeck verlassen, und Amélie leitet Schule und Seminar alleine, unterstützt von jungen Lehrerinnen, die sich entweder bei ihr beworben haben, nachdem sie an ähnlichen Instituten ihre Ausbildung gemacht hatten, oder die Amélie selbst ausgebildet hat. Wie ihre Ziehtochter Natalie, die nichts sehnlicher wollte, als so zu werden wie Amélie, ihr großes Vorbild. Das ändert sich, als Amélie den Heiratsantrag von Natalies Vater, Amélies langjährigem Partner und bestem Freund seit Kindertagen, ablehnt, weil sie ihre Freiheit als eigenständige Frau nicht aufgeben will. Die Beziehung bekommt einen tiefen Riss. Richard verlässt Lübeck, um in Amerika eine Niederlassung der Firma aufzubauen, bei der er beschäftigt ist. Natalie kann Amélies Entscheidung nicht verstehen, gibt ihr die Schuld daran, dass ihr Vater weggegangen ist, und lehnt sich gegen das Leben auf, das sie jetzt als beengend und nicht mehr erstrebenswert erachtet.

Das Verhältnis zu Amélie wird schwierig. Natalie befreundet sich mit einer der jungen Anwärterinnen, die sie unterrichtet, und erhofft sich von ihrer Freundschaft Einblicke in das Leben außerhalb des Instituts. Franziska, Tochter einer angesehenen adligen Familie, nimmt Natalie mit zu gesellschaftlichen Ereignissen, zu denen diese sonst keinen Zugang hätte, und führt sie in die Gesellschaft ein. Natalie verliebt sich unsterblich, muss aber erleben, dass der junge Mann kein wirkliches Interesse an ihr hat. Sie muss bittere Erfahrungen machen und ist tief verzweifelt, weil sie sich alleine und verlassen fühlt. Zerrissen zwischen eigenen Erwartungen, den gemachten Erfahrungen und den äußeren Gegebenheiten. Freunde und Familie fangen sie auf.

Dieser gut geschriebene historische Roman vermittelt ein sehr klares Bild vom Leben in der damaligen Zeit, insbesondere von den Problemen, mit denen junge Frauen konfrontiert waren, die mehr wollten als ein hübsches Anhängsel ihres Ehemannes. Die Protagonisten sind sympathisch und realistisch dargestellt, ihre Probleme und Konflikte nachvollziehbar.

Anna Husen: Lübecks Töchter: Der Traum von Liebe und Gemeinschaft
Knaur, April 2026
400 Seiten, Taschenbuch, 14,99 Euro

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Ertz.

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