Ulf Schiewe: Land im Sturm

Bayern, 995 n. Chr.: Arnulf ist ein junger Schmied, der mit beiden Beinen im Leben steht. Er wird die Schmiede von seinem Vater erben und es wird zudem Zeit, dass er dazu eine passende Frau findet. Als die Tochter des Vogtes ihm schöne Augen macht, ist Arnulf wie von Sinnen. Er lässt sich auf das gefährliche Spiel ein – denn entdeckt werden dürfen die beiden auf keinen Fall. Doch dann läuft alles aus dem Ruder und Arnulf muss die Flucht ergreifen. Auf seinem Weg nach Augsburg lernt er Hedi kennen, die bei einem Überfall durch die Ungarn ebenfalls von ihrer Familie getrennt wurde. Gemeinsam begeben sie sich in das Abenteuer der großen Stadt und suchen nach ihrem Glück.

Ulf Schiewe hat mit „Land im Sturm“ einen Roman geschrieben, dessen Handlung auf knapp über 900 Seiten auch fast 900 Jahre deutsche Geschichte umspannt. Die Hauptfiguren der einzelnen Epochen sind dabei meist miteinander verwandt, könnten also sagen, dass der Schmied Arnulf ihr Ur-(…)-Ur-Ur-Großvater war. Neben Arnulf und Hedi in Bayern um 995, als die Ungarn immer wieder Städte des Reiches überfielen, lernt man zudem noch die folgenden Zeiten kennen: Lüneburg im Jahr 1146 im Kampf gegen die Wenden, der Dreißigjährige Krieg etwa im Jahr 1647 sowie Preußen in den Jahren 1813 und 1848. Die Themenpalette ist dabei so bunt wie die Jahreszahlen. Es gibt Liebesgeschichten, Kampf- und Kriegshandlungen, Familienschicksale, Abenteuer, Mutproben und Gefühle. Alles in einem Roman mit unterschiedlichen Protagonisten. Darauf muss man sich natürlich einlassen können. Regelmäßig tauchen neue Figuren auf, an die man sich gewöhnen muss. Dass sie manchmal auch noch gleich heißen – der Name Arnulf wird in der Familie häufig an den ältesten Sohn weitergegeben – macht es nicht immer einfach. Aber nach dem zweiten großen Kapitel mit den Wenden hat man sich eigentlich daran gewöhnt.

Selten habe ich ein Buch gelesen, das so seitenstark war, aber dennoch wie im Flug verging. Ulf Schiewe kann bekanntermaßen sehr gut erzählen. In den einzelnen Abschnitten seiner Geschichte sind meist die kleinen Leute die Handelnden. So erfährt man nicht nur allerhand Interessantes über die politische Situation im Land, sondern auch wie die Menschen tatsächlich gelebt haben. Schiewe macht Zeiten lebendig, die nicht allzu oft im historischen Roman Eingang finden. Das schon häufig thematisierte Mittelalter lässt er dabei aus. Und das tut dem Roman sehr gut! Der Abschnitt mit dem Dreißigjährigen Krieg ist in meinen Augen etwas schwächer, da doch der Kampf als solcher im Mittelpunkt steht, weniger Figuren in ihrem Alltag. Wobei auch gesagt werden muss, dass das dort vorgestellte Leben für die Männer der Generation natürlich ihr Alltag war. Jahrzehntelang kämpften sie für irgendeinen Herrn in irgendeinem Krieg, der schon kein wirkliches Ziel mehr hatte. So gesehen ist die Zeit vermutlich gut wiedergegeben, zählt aber dennoch zu den schwächeren Passagen des Romans.

Ansonsten ist „Land im Sturm“ aber perfekt und bestens erzählt. Ulf Schiewes Romane machen immer wieder Lust auf mehr und es bleibt zu hoffen, dass ihm noch viele gute Geschichten einfallen. „Land im Sturm“ ist definitiv eine davon und man sollte sich von der enormen Seitenzahl nicht abschrecken lassen, man merkt sie beim Lesen kaum, denn man taucht vollends in die sehr bildhaft erzählten Geschichten ab.

Ulf Schiewe: Land im Sturm.
Lübbe, August 2018.
928 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Janine Gimbel.

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