Albrecht Selge: Fliegen

Ein Leben ohne Jahreszeiten, ohne wirkliches Nachtdunkel, ohne die Geräusche der Welt, jedoch ein Leben im Fliegen – dafür hat sie sich entschieden, die namenlose ältere Frau, für welche Zugfahren wie Fliegen ist. Die Vergangenheit, die wegen Eigenbedarf gekündigte Mietwohnung, den Exmann, den Job, die Kindheit, in der sie vom Verschwinden träumte, hat sie hinter sich gelassen; ihre Freundin Lilo ist die letzte Verbindung zur Welt außerhalb von Zügen und Bahnhöfen. Die Bahncard 100 finanziert sie von Monat zu Monat mit Flaschensammeln, ihre Habe trägt sie in einer Sporttasche bei sich. Zu Beginn des Buches fährt sie in ihren zweiten Sommer. Sie hat sich eingerichtet in diesem ungewöhnlichen Leben, in dem sich die Route wöchentlich wiederholt wie in einem riesigen Kreisverkehr. Nackenprobleme vom vielen Sitzen versucht sie in leeren Abteilen wegzuturnen, sie ist peinlich auf Sauberkeit und passables Aussehen bedacht. Bei gesundheitlichen Problemen helfen die Mitbringsel eines Arztes, dem sie regelmäßig auf ihrer Tour begegnet. Dienstags teilt eine Bankerin mit ihr das Frühstück, freitags spielt sie Backgammon gegen einen Pendler. Denn ungesellig ist sie nicht. Nie würde sie sich aufdrängen, einem netten Gespräch geht sie aber nicht aus dem Weg. Mit der Zeit wurde sie zur Beobachterin und Menschenkennerin. Weiterlesen

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Tayari Jones: In guten wie in schlechten Tagen

Woraus ist Liebe gemacht – jene Art von Liebe, die zwei Menschen auf ganz besondere Weise verbindet? In ihrem Roman versucht Tayari Jones Antworten auf diese Frage zu finden.

Es geht um Roy und Celestial, jung, schwarz, frisch verheiratet und mit Perspektiven für eine glänzende berufliche Zukunft, doch in einer Nacht am falschen Ort. Eine Frau wird vergewaltigt und ist davon überzeugt, dass Roy der Täter ist. Dass er die ganze Zeit mit Celestial zusammen war, dass es keine DNA-Spuren von ihm gibt, dass er unschuldig ist, interessiert niemanden, auch nicht die Geschworenen, die Roy zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilen. Die Haft stellt die Ehe der beiden auf eine harte Probe. Was geschieht, wenn die Trennung länger dauert als die Zeit des Beisammenseins? Das Buch wird vorübergehend zum Briefroman; Celestial schreibt immer zurückhaltender, Roy versinkt zunehmend im Selbstmitleid, die Briefe werden seltener. Der Leser ist gefordert, zwischen den Zeilen zu lesen und seine eigenen Überlegungen anzustellen. Weiterlesen

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Annette Pehnt: Mein Amrum

„Wenn der Entschluss zu einer Insel gefasst ist, kann ich diese eine Insel erforschen, als sei sie die ganze Welt.“ (Zitat S. 26)

Annette Pehnt reist nach Amrum, zum ersten Mal mit der Hündin. Die Hündin lebte als Streunerin auf einer südlichen Insel, wurde angefahren und kam über den Tierschutz zur Erzählerin. Seit einem Jahr gewöhnen sich die beiden aneinander. Und nun also Amrum. Eine lange Fahrt mit dem Zug, die Hündin ist unruhig und den Mitreisenden im Weg; sie weiß nicht, was vor sich geht, wo sie schlafen werden. Sie hat gelernt, sich zu fürchten, und muss an der kurzen Leine bleiben.

Ankunft auf Amrum. „Obwohl die Sonne nicht scheint, ist der weite Himmel weißlich und schimmert, als wäre er von hinten angeleuchtet. Ich hatte vergessen, wie weich die blassen Farben ineinander übergehen, wie sich die Flächen ineinander auflösen …“ (Zitat S. 38) Bei den Wanderungen auf der Insel, durch den Kniepsand, über die Dünen und am Flutsaum entlang bleibt die Hündin an der Leine. Die Erzählerin hat dafür die längste Leine gekauft, die sie finden konnte. Weiterlesen

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Clemantine Wamariya: Das Mädchen, das Perlen lächelte

Die Geschichte vom Mädchen, das Perlen lächelte, liebte Clemantine am meisten. Unzählige Male ließ sie sich die Geschichte von ihrem Kindermädchen Mukamana erzählen. Das Schönste daran war, dass Mukamana ihr immer nur die Figuren und die Grundvoraussetzungen vorstellte und Clemantine selbst weitererzählen ließ: „Was glaubst du, was dann passiert?“

Clemantine führt ein behütetes Leben im Wohlstand in Kigali, Ruanda. 1994 ändert sich alles. Ihre Welt schrumpft, erst darf sie nicht mehr in den Kindergarten, dann nicht mehr draußen spielen, später bleiben selbst die Vorhänge geschlossen. Immer öfter donnern Explosionen, Leute verschwinden. Sie wird zur Großmutter nach Butare geschickt, zusammen mit Claire, der neun Jahre älteren Schwester. Doch auch bei der Großmutter ist es nicht lange sicher, die Mädchen müssen weglaufen. Auf der Flucht vor dem Völkermord, der Hunderttausende das Leben kostet, können sie niemandem trauen. „Seltsam, wie man von einem Menschen, der von zu Hause weg ist, zu einem Menschen wird, der kein Zuhause mehr hat. […] Du bist überall und von allen Menschen unerwünscht. Du bist ein Flüchtling.“ (Zitat S. 42)

Clemantines Kindheit ist mit sechs Jahren zu Ende. Sie lebt mit Claire in Flüchtlingslagern unter katastrophalen Bedingungen, steht stundenlang nach Maisrationen an, tut alles, um sich sauber zu halten und ihre wenigen Besitztümer zu schützen. Weiterlesen

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Michael Ondaatje: Kriegslicht

Kriegslicht, das klingt nach Verdunkelung, nach kaum ausgeleuchteten Winkeln, nach Dingen, die im Verborgenen liegen und besser unentdeckt bleiben. Kriegslicht, das ist auch eine treffende Umschreibung für die Atmosphäre der Nachkriegsjahre in London, für eine Zeit, in der Nathaniel und Rachel erwachsen werden.

„Im Jahr 1945 gingen unsere Eltern fort und ließen uns in der Obhut zweier Männer zurück, die möglicherweise Kriminelle waren.“ (Zitat S. 13) Mit diesem Satz beginnt der Roman, mit einer Tatsache und einer Vermutung. Bald nach der Abreise der Mutter finden der vierzehnjährige Nathaniel und seine zwei Jahre ältere Schwester Rachel heraus, dass die Mutter ihren Überseekoffer zurückgelassen hat. Jenen Koffer, den sie so hingebungsvoll über Tage hinweg gepackt hatte samt einer kleinen Geschichte zu jedem einzelnen Gegenstand, den sie in der Ferne unbedingt brauchen würde. Ist die Mutter dann überhaupt fortgegangen, und wenn ja, wohin? Und warum erhascht Nathaniel manchmal unverhofft einen Blick auf eine Frau, die seine Mutter sein könnte? Vermeintliche Tatsachen sind oft keine, Vermutungen können falsch sein, auf nichts ist Verlass, stellt Nathaniel fest. Weiterlesen

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Roland Schulz: So sterben wir: Unser Ende und was wir darüber wissen sollten

Als der Deutsche Bundestag 2014 über die gesetzliche Regelung von Sterbehilfe diskutierte, stellte sich der Journalist Roland Schulz die Frage, was das denn eigentlich genau ist, das Sterben. Er begab sich auf die Suche nach einem Wissenswerk darüber, was Sterben ausmacht, und fand – so gut wie nichts. Er begann zu recherchieren und traf sich mit Menschen, die sich mit dem Sterben auskennen, mit Ärzten, Pflegern, Hospizhelfern, Pathologen, Palliativmedizinern, Bestattern und Trauerbegleitern, mit Sterbenskranken und deren Angehörigen.

Obwohl uns allen der Tod gewiss ist, versuchen viele, jeden Gedanken daran zu vermeiden. Spüren, wie die Kräfte schwinden? Schmerzen erleiden müssen, dem eigenen Körper immer weniger trauen können? Das Ende vor Augen haben? Sterben und in Vergessenheit geraten? Das ist etwas, das anderen passiert; wir verdrängen, dass es uns betrifft, vielleicht in Jahrzehnten, vielleicht schon bald.

Was passiert mit uns, wenn wir sterben? Welche biologischen und seelischen Prozesse laufen ab? Was denken und fühlen wir? Was geschieht mit unseren sterblichen Überresten und mit uns als Person, nachdem wir gestorben sind? Weiterlesen

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Tara Westover: Befreit

Tara Westover wurde 1986 in Idaho, USA, auf der Farm ihrer Eltern am Buck Peak geboren. In ihrer Kindheit bekommt sie weder einen Arzt zu Gesicht noch betritt sie jemals ein Klassenzimmer. Die Kinder werden anfangs halbherzig von der Mutter zu Hause unterrichtet, später bleibt ihnen ihre Bildung selbst überlassen. Sie können alles lernen, was sie wollen, wenn sie es sich nur selbst beibringen, nachdem sie ihre Arbeit erledigt haben. Tara arbeitet viel: Sie hilft ihrer Mutter, einer Kräuterfrau, Tinkturen zu mischen und begleitet sie bei Geburten. Sie hilft ihr beim Kochen und Spülen und sortiert schwere Metallteile auf dem Schrottplatz ihres Vaters.

Der Vater besteht darauf, dass sich die Familie auf die Tage des Gräuels vorbereitet, wenn sich die Sonne verdunkeln und eine neue Zeit anbrechen wird, wenn nur diejenigen überleben können, die auf dem rechten Weg sind. Menschen, die bedingungslos auf Gott vertrauen und nach seinen Geboten leben. Menschen, die züchtig und demütig sind und sich vor allem von den Sozialisten und den Illuminaten fernhalten, welche rechtschaffene Leute einer Gehirnwäsche unterziehen, besonders in Schulen und Krankenhäusern. Der Vater regiert mit harter Hand; niemand in der Familie stellt seine Entscheidungen in Frage, selbst wenn sie zu lebensgefährlichen Situationen führen. Weiterlesen

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Rebecca James: Der Tag, an dem Cooper starb

Cooper ist tot. Er ist tot. Die offizielle Version lautet: Selbstmord. Aber Libby kann nicht glauben, dass er sich von den Klippen gestürzt hat. Sie waren frisch verliebt und glücklich. Alles hat sich so gut angefühlt. So echt und richtig. Cooper plante eine gemeinsame Zukunft mit Libby, wollte sich selbständig machen und nach ihrem Studium mit ihr zusammen nach Sidney ziehen – welchen Grund hätte er gehabt, sein Leben zu beenden?

Libby versucht herauszufinden, was wirklich geschehen ist. Sie beginnt Fragen zu stellen und über die Vergangenheit nachzuforschen. Coopers Freunde Sebastian und Claire, mit der Libby früher an der Highschool befreundet war, sind zunächst keine große Hilfe. Doch nach und nach kommen Probleme, Lügen und Verwicklungen zum Vorschein – und am Ende auch die Wahrheit.

Die Geschichte wird auf zwei Zeitebenen erzählt: heute, nach Coopers Tod, und damals vor einigen Monaten, angefangen damit, wie Libby und Cooper sich kennenlernten. Abwechselnd kommen Libby, Cooper, Sebastian und Claire als Ich-Erzähler zu Wort, die Kapitelüberschriften sorgen für Übersicht. Weiterlesen

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Antonin Varenne: Äquator

Nebraska 1871. Pete Ferguson ist seit Jahren auf der Flucht. Er und sein jüngerer Bruder werden als Deserteure des Bürgerkriegs gesucht; die Bowman-Ranch, ihren Zufluchtsort, musste er verlassen, nachdem er einen Mann getötet hatte. Jähzorn, Beschützerinstinkt und unbedingter Gerechtigkeitssinn lassen ihn immer wieder gewalttätig werden. Er ist unter falschem Namen unterwegs, allein mit seinem Pferd Reunion. In den Plains schließt er sich einem Trupp von Bisonjägern an; die Bisons sind beinahe ausgerottet, die Jäger sind den letzten Tieren auf der Spur. Einer von ihnen erzählt Pete vom Äquator, dieser Linie, die man überschreiten muss, um auf die andere Seite der Erde zu gelangen, wo die Menschen auf dem Kopf gehen und das Wasser die Flüsse hinauf fließt. In Petes Vorstellung könnte das Überschreiten des Äquators seine Erlösung bedeuten, das Ende der Gewalt, den Anfang von Gefühlen.

Er macht sich auf die Reise nach diesem Sehnsuchtsort, geht immer weiter nach Süden, schließt sich Komantscheros an, begeht einen Auftragsmord in Mexiko, lässt sich für eine Verschwörung in Guatemala anwerben, die er zum Scheitern bringt, um das Leben einer Indiofrau zu retten. Nun sind sie zusammen auf der Flucht, zwei Heimatlose, die nur noch einander haben. Maria macht die Reise zum Äquator zu ihrer eigenen. Sie schlagen sich nach Brasilien durch, schaffen es bis zum Delta des Amazonas und endlich an den Äquator. Weiterlesen

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Brit Bennett: Die Mütter

„Alle guten Geheimnisse haben ihren Eigengeschmack, bevor sie verraten werden, und wenn wir dieses spezielle etwas länger abgeschmeckt hätten, wäre uns vielleicht aufgefallen, dass es sauer war, wie ein unreifes, zu früh gepflücktes Geheimnis, vom Baum gestohlen und vor der eigentlichen Erntezeit herumgereicht.“ (Zitat S. 9)

Die Mütter, so werden die alten Frauen der Gemeinde Oceanside in Kalifornien genannt, kennen die Geheimnisse der Gemeindemitglieder. Das glauben sie jedenfalls, schließlich kümmern sie sich um deren Gebetsanliegen und beten für sie um neue Jobs, neue Häuser und Ehemänner, bessere Gesundheit, mehr Geduld und weniger Versuchungen. Und zusammengenommen haben sie jahrhundertelange Lebenserfahrung. Doch tatsächlich übersehen sie vieles. Ihnen entgeht, wie die siebzehnjährige Nadia Turner den Boden unter den Füßen verliert, nachdem ihre Mutter sich ohne ein Wort der Erklärung oder des Abschieds das Leben genommen hat. Sie wissen nichts von Nadias Selbstvorwürfen, denn ist Nadia der Grund, warum Elise Turner keine Ausbildung machen und nicht so leben konnte, wie sie es sich erträumt hatte. Die Mütter ahnen nicht, wie ungeliebt sich Nadia fühlt, wie tief sich der Vater in sich selbst zurückzieht, welche Sprachlosigkeit zwischen den beiden herrscht. Weiterlesen

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