Brit Bennett: Die Mütter

„Alle guten Geheimnisse haben ihren Eigengeschmack, bevor sie verraten werden, und wenn wir dieses spezielle etwas länger abgeschmeckt hätten, wäre uns vielleicht aufgefallen, dass es sauer war, wie ein unreifes, zu früh gepflücktes Geheimnis, vom Baum gestohlen und vor der eigentlichen Erntezeit herumgereicht.“ (Zitat S. 9)

Die Mütter, so werden die alten Frauen der Gemeinde Oceanside in Kalifornien genannt, kennen die Geheimnisse der Gemeindemitglieder. Das glauben sie jedenfalls, schließlich kümmern sie sich um deren Gebetsanliegen und beten für sie um neue Jobs, neue Häuser und Ehemänner, bessere Gesundheit, mehr Geduld und weniger Versuchungen. Und zusammengenommen haben sie jahrhundertelange Lebenserfahrung. Doch tatsächlich übersehen sie vieles. Ihnen entgeht, wie die siebzehnjährige Nadia Turner den Boden unter den Füßen verliert, nachdem ihre Mutter sich ohne ein Wort der Erklärung oder des Abschieds das Leben genommen hat. Sie wissen nichts von Nadias Selbstvorwürfen, denn ist Nadia der Grund, warum Elise Turner keine Ausbildung machen und nicht so leben konnte, wie sie es sich erträumt hatte. Die Mütter ahnen nicht, wie ungeliebt sich Nadia fühlt, wie tief sich der Vater in sich selbst zurückzieht, welche Sprachlosigkeit zwischen den beiden herrscht. Weiterlesen

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Christine Féret-Fleury: Das Mädchen, das in der Metro las

Nichts in Juliettes Leben deutet darauf hin, dass es jemals eine Überraschung geben könnte. Ihre Eltern haben dafür gesorgt, dass ihr Weg ohne Hindernisse verläuft, die zu überwinden wären; sie ist zur Schule gegangen, hat studiert, sich vom großmütterlichen Erbe eine verkehrsgünstig gelegene Einzimmerwohnung in einem Pariser Viertel gekauft und arbeitet bei einem Immobilienmakler. In der Stellenanzeige war von Kontakt zu Menschen die Rede, deshalb hat sie den Job angenommen. Sie wollte auf andere zugehen und ein passendes Heim für deren Träume und Wünsche finden. Tatsächlich verbringt sie ihre Zeit nun mit den immer gleichen administrativen Aufgaben; sie verwaltet Akten. Jeden Morgen wappnet sie sich für die Welt mit einem Buch und nimmt die Metro Linie 6 zur Arbeit. Zum Lesen kommt sie in der Metro allerdings kaum, es ist zu spannend, andere Menschen mit ihren Büchern zu beobachten und sich etwas über sie auszudenken, über die ältere Dame, die auf jeder Fahrt dasselbe italienische Kochbuch liest, über den Herrn mit Hut, der täglich eine Dosis von zwei oder drei Seiten seines Insektenbuchs genießt, Weiterlesen

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Sara Nović: Das Echo der Bäume

Zagreb 1991. Der Krieg erreicht die Stadt kurz nach Anas zehntem Geburtstag. Lebensmittel sind seit längerem knapp, nun wird es plötzlich wichtig, ob der Patenonkel eine kroatische oder eine serbische Zigarettensorte raucht. Der Strom fällt immer wieder aus, das Wasser wird oft abgestellt, die ersten Flüchtlinge kommen nach Zagreb und werden von den Einheimischen beäugt. Es muss verdunkelt werden, irgendwann tönt der erste Luftalarm, alle flüchten in provisorische Bunker. Ana ist gerade mit ihrem besten Freund Luka unterwegs. Die beiden wissen, was bei Alarm zu tun ist, scheinbar sind die Menschen in der Stadt auf alles vorbereitet. Bei ihren Eltern fühlt sich Ana geborgen, vor allem beim Vater, zu dem sie eine besondere Verbindung hat.

Anas Schwester Rahela ist noch ein Baby, sie ist krank; es wird immer schwieriger, sie am Leben zu erhalten. Die Eltern fassen den verzweifelten Entschluss, das Kind zur Behandlung nach Amerika zu schicken. Sie bringen Rahela nach Sarajevo zur Hilfsorganisation. Auf dem Heimweg geraten Vater, Mutter, Ana und andere Zivilisten in die Hände serbischer Freischärler. Weiterlesen

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Hayley Long: Der nächstferne Ort

Der nächstferne Ort, das ist ein Ort, an den sich Dylan zurückzieht, um der Wirklichkeit zu entkommen. Es sind Erinnerungsorte, an denen er etwas Schönes erlebt hat: die sonderbare Abgeschiedenheit im Inneren eines riesigen hohlen Baums mitten in einem Park, der erste Kuss auf einer Treppe und Matilda, überhaupt immer wieder Matilda, in die er mächtig verliebt ist. Seit dem Autounfall flüchtet Dylan oft an den nächstfernen Ort. Er kann es nicht begreifen: In einem Moment ist die Welt noch in Ordnung, er und sein jüngerer Bruder Griff sind mit ihren Eltern im Auto unterwegs, es ist schrecklich heiß, ihre Mutter ist ihnen peinlich, weil sie einen Radiosong laut mitsingt und dazu auf dem Sitz tanzt – und im nächsten Moment ist alles anders. Vom vorausfahrenden Autotransporter löst sich ein Kleinwagen und kracht auf das Fahrzeug der Taylors. Ausgerechnet an Griffs dreizehntem Geburtstag.

Dylan verspricht Griff, ihm zu helfen, den Verlust seiner Familie zu verarbeiten. Er passt auf Griff auf und weicht nicht von seiner Seite, außer manchmal, um an den nächstfernen Ort zu gelangen. Weiterlesen

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Imogen Hermes Gowar: Die letzte Reise der Meerjungfrau

September 1785, Londoner Hafen. Jonah Hancock wartet auf die Heimkehr der Calliope. Doch der Captain kommt ohne Schiff zurück; er hat es verkauft, um für Hancock etwas ganz Außergewöhnliches zu erwerben: eine Meerjungfrau, gefangen von einem japanischen Fischer. Leider hat das Wesen nicht überlebt, und es sieht nicht im Geringsten so aus, wie man sich eine Meerjungfrau vorstellt. Es ist klein wie ein Säugling, dessen Leib in einem Fischschwanz endet, und hat die Hände mit den schrecklichen langen Krallen vors fratzenhafte Gesicht geschlagen. Die harte, vertrocknete Haut erinnert Hancock an die toten Ratten, die er einmal hinter der aufgeschlagenen Küchenwand fand. Er ist entsetzt über den Verlust des Schiffes für dieses … Ding. Sein Captain hingegen ist davon überzeugt, dass man mit der Meerjungfrau Geld machen kann, viel Geld, wenn man sie als Kuriosität ausstellt.

Hancock entschließt sich, den Versuch zu wagen. Mit Hilfe seiner Nichte Sukie organisiert er die Zurschaustellung der Meerjungfrau. Wider Erwarten ist der Andrang groß. Auch das Interesse der Kupplerin Mrs. Chappell ist geweckt. Sie mietet das Exponat, um es bei einem rauschenden Fest in ihrem Bordell zu zeigen. Hancock ist hierzu eingeladen und lernt Angelica kennen, eine stadtbekannte gefeierte Edelhure.

Mit dieser Begegnung beginnt sich der Lebensweg des biederen Kaufmanns, der ein Bäuchlein und Hängebacken sein eigen nennt, mit dem der Kurtisane zu verflechten. Angelica könnte selbst eine Meerjungfrau sein, in fließende Stoffe gehüllt, mollig, rosig, mit wallenden blonden Locken. Sie liebt den Luxus und wird gerne bewundert. Allerdings steht sie mit siebenundzwanzig Jahren an einem Wendepunkt. Wenn sie sich von der Kupplerin befreien will, braucht sie einen reichen, kultivierten Mann, der sie aushält, bevor sie zu altern anfängt. Weiterlesen

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Wlada Kolosowa: Fliegende Hunde

Kann eine, die zu Hause geblieben ist, im eigenen Bett vor Heimweh sterben? Oksana hat das Gefühl, dass genau das passieren wird, denn Lena ist gegangen. Weg aus Krylatowo, dem trostlosen Vorort von Sankt Petersburg, weg von der Schule, weg von Oksana. Die blasse, dürre Lena wurde von Model Scouts entdeckt und hat jetzt einen Vertrag mit einer Agentur in Shanghai. Oksana hingegen hat ein nichtssagendes Gesicht und einen fetten Hintern, findet sie. Dank der Schwerkraft ihres Körpers hängt sie in der Armut Krylatowos fest. Allein. Sie vermisst Lena so sehr, dass es weh tut. Ihre Familien wohnen Wand an Wand, die Mädchen gingen in der jeweils anderen Wohnung ein und aus. Oksana und Lena haben fast jede Minute ihres wachen Lebens zusammen verbracht – und unendlich viele Schlafminuten, zusammengekuschelt und mit verschlungenen Beinen in Oksanas Bett.

Oksana will dringend abnehmen. Im Internet stößt sie auf die Leningrad-Diät: Man darf nur so viel essen wie die Menschen während der Belagerung von Leningrad im zweiten Weltkrieg und nimmt genauso heftig ab. Weiterlesen

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Amy Liptrot: Nachtlichter

„Es ist schwer, von etwas genug zu bekommen, das nur beinahe funktioniert.“ (Zitat S. 339)

Amy Liptrot ist auf den Orkney-Inseln aufgewachsen, einer Inselgruppe nordöstlich von Schottland. Ihr Vater hat eine bipolare Störung, seine manischen und depressiven Phasen bestimmen das Leben auf dem Bauernhof ebenso wie das Wetter und die Gezeiten. Die Mutter ist tief religiös; ihr Glaube ist nichts, das auch der Tochter Halt geben könnte. Der Raum aus Himmel und Meer ist weit, doch Amy fühlt sich eingesperrt zwischen Klippen und Schafen, eingeengt durch die Kälte und den Wind. Sie zieht nach London, um zu studieren und um endlich zu leben.

London, das sind hell erleuchtete Straßen, durchfeierte Nächte, ständig neue Bekannte, Freunde und Mitbewohner, Alkohol, wechselnde Jobs, halbherzige Abstinzenzversuche, noch mehr Alkohol, Drogen. Amy lässt sich treiben, immer auf der Suche nach dem nächsten Kick, immer in der Gefahr abzustürzen. Sie verliert ihre Liebe, die Wohnung und den Job und erkennt, dass sie etwas ändern muss. Dass sie sich ändern muss. Die dreimonatigen ambulante Therapie in einem Behandlungszentrum zieht sie irgendwie durch – und nun? Arbeitslos und eben erst trocken in London zu sein, ist schwierig. Sie beschließt, nach zehn Jahren auf die Orkney-Inseln zurückzukehren. Ihre Familie ist dort, sie kann sich von Orkney aus für neue Jobs bewerben. Weiterlesen

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Paula Daly: Stiefmutter

Die sechzehnjährige Verity hat versucht, ihre Stiefmutter Karen zu erwürgen. „Ich wusste, dass ich aufhören muss. […] Aber die Wahrheit ist: Ich wollte gar nicht. Ich bin mir ziemlich sicher, ich wollte, dass sie zu atmen aufhört.“ [Zitat S. 201]

Nach und nach enthüllt die Autorin, mit welchen Problemen die Patchworkfamilie zu kämpfen hat. Noel hat seine Tochter Verity in die Ehe eingebracht, Karen ihren etwa gleichaltrigen Sohn Ewan. Ihn hat Karen aufgegeben, er tut nichts anderes, als mit Freunden abzuhängen und zu kiffen. Karen richtet all ihre Energie auf Brontë, die gemeinsame Tochter mit Noel. Brontë ist zehn und ein Wunderkind, meint jedenfalls Karen. Sie hat die Kleine zu ihrem Projekt gemacht. Brontës Terminkalender lässt kaum Zeit zum Essen; sie spielt Klavier und Harfe, sie tanzt, zudem erwartet Karen schulische Glanzleistungen von ihr.

Verity liebt ihre Halbschwester. Brontë tut ihr leid; nie hat sie Zeit für sich, Karen lässt sie nicht aus den Augen, überlastet sie mit ihren Erwartungen. Der „Vorfall“ hatte mit Brontë zu tun: Verity hat Karen gewürgt, weil sie ihre kleine Schwester beschützen wollte. Weiterlesen

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Ashley Herring Blake: Eine Handvoll Lila

Es ist alles andere als einfach, siebzehn und Maggie Glassers Tochter zu sein. Denn Maggie kann jeden um den Finger wickeln. Das liegt keineswegs daran, dass ihre Nägel makellos auberginefarben lackiert sind, und zwar immer, so lange Grace sich erinnert, sondern daran, dass sie warmherzig und liebevoll sein kann, wenn sie will. Aber dafür sorgen, dass regelmäßig Geld ins Haus kommt, dass es etwas Anständiges zu essen gibt und dass es ihrer Tochter gut geht, das kann Maggie nicht. Vor allem dann nicht, wenn sie trinkt. Grace weiß nicht mehr, wie oft sie in den letzten Jahren überraschend umgezogen sind, von einer Bruchbude in die andere, von einem Liebhaber ihrer Mutter zum nächsten, jedes Mal war es der Richtige – für ein paar Wochen oder Tage.

Dieses Mal, als Grace von einem zweiwöchigen Aufenthalt in Boston nach Cape Katie zurückkehrt, ist es wirklich der Richtige. Nur, dass er Jays Vater ist. Mit Jay war Grace ein halbes Jahr zusammen, das unschöne Ende der Beziehung ist ihrer Mutter komplett entfallen, als sie den Umzug organisierte. Grace wohnt jetzt in dem Zimmer, das Jays gegenüberliegt. Sie versucht, das Beste daraus zu machen. Maggie ist ihre Mutter, Grace muss sie nehmen, wie sie ist. Ihre eigenen lila Fingernägel erinnern sie an all ihre Gemeinsamkeiten. Maggie und Grace, sie gehören zusammen. Weiterlesen

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Mike Gayle: Nur zusammen ist man nicht allein

Im Original lautet der Titel des Romans „The Hope Family Calendar“ – der Familienkalender der Hopes spielt eine wichtige Rolle in dieser Geschichte über Verlust und Trauer, Entdecken und Glück. „Egal wie gut wir alles planen und organisieren, keiner von uns kann wirklich wissen, was die Zukunft für uns bereithält, egal ob gut oder schlecht. Und doch kaufen wir diese Kalender, füllen sie mit unseren Vorstellungen, Träumen und alltäglichen Dingen und geben die Hoffnung nicht auf, dass die Dinge so laufen werden, wie wir sie uns vorstellen.“ (Zitat S. 378)

Laura hat früher den Familienkalender geführt und alle Termine eingetragen: Schulaufführungen, Geburts- und Jahrestage, Ausflüge, Arzttermine, Verabredungen. Sie hat die Familie gemanagt, Konflikte gelöst, Kompromisse gefunden, das Haus der Hopes zu einem Zuhause gemacht. Doch Laura ist vor einem Jahr tödlich verunglückt, nichts ist mehr wie es war. Tom verschanzt sich seit dem Tod seiner Frau hinter der Arbeit. Lauras Mutter Linda ist zu den Hopes gezogen und kümmert sich um Evie, vierzehn, und Lola, acht. Linda versucht, das Familienleben zusammenzuhalten und den Mädchen die Mutter zu ersetzen. Weiterlesen

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