Michael Ondaatje: Kriegslicht

Kriegslicht, das klingt nach Verdunkelung, nach kaum ausgeleuchteten Winkeln, nach Dingen, die im Verborgenen liegen und besser unentdeckt bleiben. Kriegslicht, das ist auch eine treffende Umschreibung für die Atmosphäre der Nachkriegsjahre in London, für eine Zeit, in der Nathaniel und Rachel erwachsen werden.

„Im Jahr 1945 gingen unsere Eltern fort und ließen uns in der Obhut zweier Männer zurück, die möglicherweise Kriminelle waren.“ (Zitat S. 13) Mit diesem Satz beginnt der Roman, mit einer Tatsache und einer Vermutung. Bald nach der Abreise der Mutter finden der vierzehnjährige Nathaniel und seine zwei Jahre ältere Schwester Rachel heraus, dass die Mutter ihren Überseekoffer zurückgelassen hat. Jenen Koffer, den sie so hingebungsvoll über Tage hinweg gepackt hatte samt einer kleinen Geschichte zu jedem einzelnen Gegenstand, den sie in der Ferne unbedingt brauchen würde. Ist die Mutter dann überhaupt fortgegangen, und wenn ja, wohin? Und warum erhascht Nathaniel manchmal unverhofft einen Blick auf eine Frau, die seine Mutter sein könnte? Vermeintliche Tatsachen sind oft keine, Vermutungen können falsch sein, auf nichts ist Verlass, stellt Nathaniel fest. Weiterlesen

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Roland Schulz: So sterben wir: Unser Ende und was wir darüber wissen sollten

Als der Deutsche Bundestag 2014 über die gesetzliche Regelung von Sterbehilfe diskutierte, stellte sich der Journalist Roland Schulz die Frage, was das denn eigentlich genau ist, das Sterben. Er begab sich auf die Suche nach einem Wissenswerk darüber, was Sterben ausmacht, und fand – so gut wie nichts. Er begann zu recherchieren und traf sich mit Menschen, die sich mit dem Sterben auskennen, mit Ärzten, Pflegern, Hospizhelfern, Pathologen, Palliativmedizinern, Bestattern und Trauerbegleitern, mit Sterbenskranken und deren Angehörigen.

Obwohl uns allen der Tod gewiss ist, versuchen viele, jeden Gedanken daran zu vermeiden. Spüren, wie die Kräfte schwinden? Schmerzen erleiden müssen, dem eigenen Körper immer weniger trauen können? Das Ende vor Augen haben? Sterben und in Vergessenheit geraten? Das ist etwas, das anderen passiert; wir verdrängen, dass es uns betrifft, vielleicht in Jahrzehnten, vielleicht schon bald.

Was passiert mit uns, wenn wir sterben? Welche biologischen und seelischen Prozesse laufen ab? Was denken und fühlen wir? Was geschieht mit unseren sterblichen Überresten und mit uns als Person, nachdem wir gestorben sind? Weiterlesen

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Tara Westover: Befreit

Tara Westover wurde 1986 in Idaho, USA, auf der Farm ihrer Eltern am Buck Peak geboren. In ihrer Kindheit bekommt sie weder einen Arzt zu Gesicht noch betritt sie jemals ein Klassenzimmer. Die Kinder werden anfangs halbherzig von der Mutter zu Hause unterrichtet, später bleibt ihnen ihre Bildung selbst überlassen. Sie können alles lernen, was sie wollen, wenn sie es sich nur selbst beibringen, nachdem sie ihre Arbeit erledigt haben. Tara arbeitet viel: Sie hilft ihrer Mutter, einer Kräuterfrau, Tinkturen zu mischen und begleitet sie bei Geburten. Sie hilft ihr beim Kochen und Spülen und sortiert schwere Metallteile auf dem Schrottplatz ihres Vaters.

Der Vater besteht darauf, dass sich die Familie auf die Tage des Gräuels vorbereitet, wenn sich die Sonne verdunkeln und eine neue Zeit anbrechen wird, wenn nur diejenigen überleben können, die auf dem rechten Weg sind. Menschen, die bedingungslos auf Gott vertrauen und nach seinen Geboten leben. Menschen, die züchtig und demütig sind und sich vor allem von den Sozialisten und den Illuminaten fernhalten, welche rechtschaffene Leute einer Gehirnwäsche unterziehen, besonders in Schulen und Krankenhäusern. Der Vater regiert mit harter Hand; niemand in der Familie stellt seine Entscheidungen in Frage, selbst wenn sie zu lebensgefährlichen Situationen führen. Weiterlesen

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Rebecca James: Der Tag, an dem Cooper starb

Cooper ist tot. Er ist tot. Die offizielle Version lautet: Selbstmord. Aber Libby kann nicht glauben, dass er sich von den Klippen gestürzt hat. Sie waren frisch verliebt und glücklich. Alles hat sich so gut angefühlt. So echt und richtig. Cooper plante eine gemeinsame Zukunft mit Libby, wollte sich selbständig machen und nach ihrem Studium mit ihr zusammen nach Sidney ziehen – welchen Grund hätte er gehabt, sein Leben zu beenden?

Libby versucht herauszufinden, was wirklich geschehen ist. Sie beginnt Fragen zu stellen und über die Vergangenheit nachzuforschen. Coopers Freunde Sebastian und Claire, mit der Libby früher an der Highschool befreundet war, sind zunächst keine große Hilfe. Doch nach und nach kommen Probleme, Lügen und Verwicklungen zum Vorschein – und am Ende auch die Wahrheit.

Die Geschichte wird auf zwei Zeitebenen erzählt: heute, nach Coopers Tod, und damals vor einigen Monaten, angefangen damit, wie Libby und Cooper sich kennenlernten. Abwechselnd kommen Libby, Cooper, Sebastian und Claire als Ich-Erzähler zu Wort, die Kapitelüberschriften sorgen für Übersicht. Weiterlesen

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Antonin Varenne: Äquator

Nebraska 1871. Pete Ferguson ist seit Jahren auf der Flucht. Er und sein jüngerer Bruder werden als Deserteure des Bürgerkriegs gesucht; die Bowman-Ranch, ihren Zufluchtsort, musste er verlassen, nachdem er einen Mann getötet hatte. Jähzorn, Beschützerinstinkt und unbedingter Gerechtigkeitssinn lassen ihn immer wieder gewalttätig werden. Er ist unter falschem Namen unterwegs, allein mit seinem Pferd Reunion. In den Plains schließt er sich einem Trupp von Bisonjägern an; die Bisons sind beinahe ausgerottet, die Jäger sind den letzten Tieren auf der Spur. Einer von ihnen erzählt Pete vom Äquator, dieser Linie, die man überschreiten muss, um auf die andere Seite der Erde zu gelangen, wo die Menschen auf dem Kopf gehen und das Wasser die Flüsse hinauf fließt. In Petes Vorstellung könnte das Überschreiten des Äquators seine Erlösung bedeuten, das Ende der Gewalt, den Anfang von Gefühlen.

Er macht sich auf die Reise nach diesem Sehnsuchtsort, geht immer weiter nach Süden, schließt sich Komantscheros an, begeht einen Auftragsmord in Mexiko, lässt sich für eine Verschwörung in Guatemala anwerben, die er zum Scheitern bringt, um das Leben einer Indiofrau zu retten. Nun sind sie zusammen auf der Flucht, zwei Heimatlose, die nur noch einander haben. Maria macht die Reise zum Äquator zu ihrer eigenen. Sie schlagen sich nach Brasilien durch, schaffen es bis zum Delta des Amazonas und endlich an den Äquator. Weiterlesen

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Brit Bennett: Die Mütter

„Alle guten Geheimnisse haben ihren Eigengeschmack, bevor sie verraten werden, und wenn wir dieses spezielle etwas länger abgeschmeckt hätten, wäre uns vielleicht aufgefallen, dass es sauer war, wie ein unreifes, zu früh gepflücktes Geheimnis, vom Baum gestohlen und vor der eigentlichen Erntezeit herumgereicht.“ (Zitat S. 9)

Die Mütter, so werden die alten Frauen der Gemeinde Oceanside in Kalifornien genannt, kennen die Geheimnisse der Gemeindemitglieder. Das glauben sie jedenfalls, schließlich kümmern sie sich um deren Gebetsanliegen und beten für sie um neue Jobs, neue Häuser und Ehemänner, bessere Gesundheit, mehr Geduld und weniger Versuchungen. Und zusammengenommen haben sie jahrhundertelange Lebenserfahrung. Doch tatsächlich übersehen sie vieles. Ihnen entgeht, wie die siebzehnjährige Nadia Turner den Boden unter den Füßen verliert, nachdem ihre Mutter sich ohne ein Wort der Erklärung oder des Abschieds das Leben genommen hat. Sie wissen nichts von Nadias Selbstvorwürfen, denn ist Nadia der Grund, warum Elise Turner keine Ausbildung machen und nicht so leben konnte, wie sie es sich erträumt hatte. Die Mütter ahnen nicht, wie ungeliebt sich Nadia fühlt, wie tief sich der Vater in sich selbst zurückzieht, welche Sprachlosigkeit zwischen den beiden herrscht. Weiterlesen

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Christine Féret-Fleury: Das Mädchen, das in der Metro las

Nichts in Juliettes Leben deutet darauf hin, dass es jemals eine Überraschung geben könnte. Ihre Eltern haben dafür gesorgt, dass ihr Weg ohne Hindernisse verläuft, die zu überwinden wären; sie ist zur Schule gegangen, hat studiert, sich vom großmütterlichen Erbe eine verkehrsgünstig gelegene Einzimmerwohnung in einem Pariser Viertel gekauft und arbeitet bei einem Immobilienmakler. In der Stellenanzeige war von Kontakt zu Menschen die Rede, deshalb hat sie den Job angenommen. Sie wollte auf andere zugehen und ein passendes Heim für deren Träume und Wünsche finden. Tatsächlich verbringt sie ihre Zeit nun mit den immer gleichen administrativen Aufgaben; sie verwaltet Akten. Jeden Morgen wappnet sie sich für die Welt mit einem Buch und nimmt die Metro Linie 6 zur Arbeit. Zum Lesen kommt sie in der Metro allerdings kaum, es ist zu spannend, andere Menschen mit ihren Büchern zu beobachten und sich etwas über sie auszudenken, über die ältere Dame, die auf jeder Fahrt dasselbe italienische Kochbuch liest, über den Herrn mit Hut, der täglich eine Dosis von zwei oder drei Seiten seines Insektenbuchs genießt, Weiterlesen

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Sara Nović: Das Echo der Bäume

Zagreb 1991. Der Krieg erreicht die Stadt kurz nach Anas zehntem Geburtstag. Lebensmittel sind seit längerem knapp, nun wird es plötzlich wichtig, ob der Patenonkel eine kroatische oder eine serbische Zigarettensorte raucht. Der Strom fällt immer wieder aus, das Wasser wird oft abgestellt, die ersten Flüchtlinge kommen nach Zagreb und werden von den Einheimischen beäugt. Es muss verdunkelt werden, irgendwann tönt der erste Luftalarm, alle flüchten in provisorische Bunker. Ana ist gerade mit ihrem besten Freund Luka unterwegs. Die beiden wissen, was bei Alarm zu tun ist, scheinbar sind die Menschen in der Stadt auf alles vorbereitet. Bei ihren Eltern fühlt sich Ana geborgen, vor allem beim Vater, zu dem sie eine besondere Verbindung hat.

Anas Schwester Rahela ist noch ein Baby, sie ist krank; es wird immer schwieriger, sie am Leben zu erhalten. Die Eltern fassen den verzweifelten Entschluss, das Kind zur Behandlung nach Amerika zu schicken. Sie bringen Rahela nach Sarajevo zur Hilfsorganisation. Auf dem Heimweg geraten Vater, Mutter, Ana und andere Zivilisten in die Hände serbischer Freischärler. Weiterlesen

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Hayley Long: Der nächstferne Ort

Der nächstferne Ort, das ist ein Ort, an den sich Dylan zurückzieht, um der Wirklichkeit zu entkommen. Es sind Erinnerungsorte, an denen er etwas Schönes erlebt hat: die sonderbare Abgeschiedenheit im Inneren eines riesigen hohlen Baums mitten in einem Park, der erste Kuss auf einer Treppe und Matilda, überhaupt immer wieder Matilda, in die er mächtig verliebt ist. Seit dem Autounfall flüchtet Dylan oft an den nächstfernen Ort. Er kann es nicht begreifen: In einem Moment ist die Welt noch in Ordnung, er und sein jüngerer Bruder Griff sind mit ihren Eltern im Auto unterwegs, es ist schrecklich heiß, ihre Mutter ist ihnen peinlich, weil sie einen Radiosong laut mitsingt und dazu auf dem Sitz tanzt – und im nächsten Moment ist alles anders. Vom vorausfahrenden Autotransporter löst sich ein Kleinwagen und kracht auf das Fahrzeug der Taylors. Ausgerechnet an Griffs dreizehntem Geburtstag.

Dylan verspricht Griff, ihm zu helfen, den Verlust seiner Familie zu verarbeiten. Er passt auf Griff auf und weicht nicht von seiner Seite, außer manchmal, um an den nächstfernen Ort zu gelangen. Weiterlesen

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Imogen Hermes Gowar: Die letzte Reise der Meerjungfrau

September 1785, Londoner Hafen. Jonah Hancock wartet auf die Heimkehr der Calliope. Doch der Captain kommt ohne Schiff zurück; er hat es verkauft, um für Hancock etwas ganz Außergewöhnliches zu erwerben: eine Meerjungfrau, gefangen von einem japanischen Fischer. Leider hat das Wesen nicht überlebt, und es sieht nicht im Geringsten so aus, wie man sich eine Meerjungfrau vorstellt. Es ist klein wie ein Säugling, dessen Leib in einem Fischschwanz endet, und hat die Hände mit den schrecklichen langen Krallen vors fratzenhafte Gesicht geschlagen. Die harte, vertrocknete Haut erinnert Hancock an die toten Ratten, die er einmal hinter der aufgeschlagenen Küchenwand fand. Er ist entsetzt über den Verlust des Schiffes für dieses … Ding. Sein Captain hingegen ist davon überzeugt, dass man mit der Meerjungfrau Geld machen kann, viel Geld, wenn man sie als Kuriosität ausstellt.

Hancock entschließt sich, den Versuch zu wagen. Mit Hilfe seiner Nichte Sukie organisiert er die Zurschaustellung der Meerjungfrau. Wider Erwarten ist der Andrang groß. Auch das Interesse der Kupplerin Mrs. Chappell ist geweckt. Sie mietet das Exponat, um es bei einem rauschenden Fest in ihrem Bordell zu zeigen. Hancock ist hierzu eingeladen und lernt Angelica kennen, eine stadtbekannte gefeierte Edelhure.

Mit dieser Begegnung beginnt sich der Lebensweg des biederen Kaufmanns, der ein Bäuchlein und Hängebacken sein eigen nennt, mit dem der Kurtisane zu verflechten. Angelica könnte selbst eine Meerjungfrau sein, in fließende Stoffe gehüllt, mollig, rosig, mit wallenden blonden Locken. Sie liebt den Luxus und wird gerne bewundert. Allerdings steht sie mit siebenundzwanzig Jahren an einem Wendepunkt. Wenn sie sich von der Kupplerin befreien will, braucht sie einen reichen, kultivierten Mann, der sie aushält, bevor sie zu altern anfängt. Weiterlesen

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