Meir Shalev: Meine russische Großmutter und ihr amerikanischer Staubsauger

Die Geschichte ist wahr. Zumindest so wahr, wie sie in der Familie Meir Shalevs sein kann. Denn dort gibt es Familiengeschichten immer in verschiedenen Versionen, mit unterschiedlichen Schwerpunkten und Ausschmückungen, je nachdem, wer sie erzählt. Und große Erzählerinnen und Erzähler sind – wenn man Meir Shalev glauben möchte – ein Merkmal seiner Familie. Erinnerung und Phantasie, schreibt er, sind in seiner Verwandtschaft ein und dasselbe.

„Die Sache war so…“ – Mit dieser Eingangsformel begann Großmutter Tonia ihre Geschichten und stellte damit klar: Was ich gleich erzähle, entspricht genau den Tatsachen. Und auch die anderen Familienmitglieder nahmen das mit dieser Einleitung für sich in Anspruch.

Die Sache war so: Großmutter Tonia wanderte Anfang der 1920er Jahre aus einem Dorf, das heute in der Ukraine liegt nach Israel aus. Dort heiratete sie ihren Schwager Aaron, der seine Frau – ihre Schwester – verloren hatte und mit zwei kleinen Kindern alleine dastand. Sie wohnten im ersten, in der Jesreelebene gegründeten Moschaw Nahalal, einer Art genossenschaftlich organisiertem Dorf, und betrieben Landwirtschaft. Weiterlesen

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Donal Ryan: Die Lieben der Melody Shee

Melody Shee ist schwanger. Doch nicht von ihrem Mann Pat, sondern vom 17jährigen Martin Toppy, der zu den Travellern, zum fahrenden Volk, gehört und dem sie Lesen beibringen sollte. Eine Racheaktion, eine Trotzreaktion, ein weiterer Tiefschlag von Melody gegen Pat und gleichzeitig ein verzweifelter Versuch, geliebt zu werden und zu lieben.

Denn ihre Ehe ist zerrüttet, gegenseitige Verletzungen sind an der Tagesordnung. Nach zwei (eigentlich sogar drei) Fehlgeburten hat sich Pat ohne Melodys Wissen sterilisieren lassen, weil er verhindern möchte, dass sie durch sein Zutun noch einmal die Schmerzen einer Fehlgeburt erleidet. Für Pat ein notwendiger, logischer Schritt, für Melody ein schlimmer Verrat, auch weil sie weiß, dass er sie mit Prostituierten betrogen hat. Die Situation verschärft sich. Aus der fast symbiotischen Liebe, aus dem Aneinanderhängen seit der Teenagerzeit, das schon immer mit Sticheleien verbunden war, wird ein Krieg, der mit allen Mitteln geführt wird und der beide mit unzähligen Blessuren zurücklässt. Pat zieht zu seinen Eltern, nachdem ihm Melody weisgemacht hat, dass die Schwangerschaft die Folge eines One-Night-Stands mit einer Internetbekanntschaft ist. Es dauert nicht lange, bis im Ort die Gerüchteküche brodelt und Melody die Auswirkungen ihres Handelns zu spüren bekommt. Weiterlesen

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Monika Maron: Munin oder Chaos im Kopf

Was haben eine Krähe, der Dreißigjährige Krieg und eine Sängerin, die jeden Tag auf ihrem Balkon Arien schmettert miteinander zu tun? Zunächst nicht viel. Aber im Verlauf von Monika Marons neuestem Roman verknüpfen und verwirren sie sich mehr und mehr, bis die Protagonistin Mina Wolf nur noch Chaos im Kopf hat.

Die Journalistin Mina Wolf wohnt in einer kurzen, nur acht Häuser zählenden Straße in Berlin-Schönefeld. Für den Sommer hat sie den lukrativen Auftrag angenommen, für die Festschrift zum tausendjährigen Jubiläum einer westfälischen Kleinstadt einen Aufsatz über den Dreißigjährigen Krieg zu verfassen. Sie hat zwar bisher weder über Kriege noch über das 17. Jahrhundert geschrieben und kann sich nicht richtig erklären, wie die Stadt darauf gekommen ist, sie für diesen Aufsatz auszuwählen, aber das kümmert sie nicht weiter, denn: „Ich war nicht zum ersten Mal gezwungen, mir in wenigen Wochen ein hochgestapeltes Expertentum anlesen zu müssen um über ein Thema zu schreiben, von dem ich keine Ahnung hatte, jedenfalls nicht mehr als jeder andere oberflächlich gebildete Mensch.“ Weiterlesen

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Sayaka Murata: Die Ladenhüterin

Keiko Furukura gehört einer ganz besonderen Spezies an: Sie ist überzeugte Konbini-Angestellte. Das hat natürlich seinen Grund: In den Konbinis, den rund um die Uhr geöffneten „Convenience-Shops“, gibt es für alles Vorgaben und Regeln. Wenn man sie beherzigt eckt man nicht an, wird anerkannt und gilt als „normal“. Und genau das möchte Keiko: normal sein und nicht auffallen, keinen Ärger verursachen und in Ruhe gelassen werden.

Schon als kleines Kind hat sie gemerkt, dass sie anders ist als andere. Gefühle waren und sind nicht ihre Welt, sie geht die Dinge logisch an. Warum muss man ein totes Vögelchen, das man auf dem Spielplatz findet, begraben und darf es nicht essen, obwohl man doch auch andere Vögel isst und der Vater so gerne Hähnchenspieße mag? Warum darf man eine Schulhofprügelei nicht beenden, indem man den beteiligten Jungs eins mit der Schaufel auf den Kopf gibt, obwohl jemand lautstark darum gebeten hat, dass jemand sie aufhalten soll? Das ist schwierig zu verstehen für die kleine Keiko und auch der großen Keiko fällt das noch schwer. Doch sie hat sich eine Strategie zurechtgelegt, die ihr hilft, durchs Leben zu kommen: wenig Privates reden und sich anpassen. Weiterlesen

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Connie Palmen: Die Sünde der Frau

Marilyn Monroe, Marguerite Duras, Jane Bowles und Patricia Highsmith: Vier berühmte Frauen, vier Schicksale – ganz eigen und besonders, doch wenn man genauer hinschaut mit einigen Übereinstimmungen. Da wären die frühen Verluste der Väter, die starben, weggingen oder von ihren Ehefrauen aus dem Leben der Kinder getilgt wurden, und die komplizierten Beziehungen zu den Müttern. Da wäre der Schritt in die Öffentlichkeit, als Schauspielerin oder Schriftstellerin, mit dem gleichzeitig – durch einen neuen Namen – eine neue Identität erschaffen wurde.

Das Dilemma der Norma Jean Baker ist bekannt: Als Marylin Monroe ist sie ein Kunstprodukt, festgelegt auf die Rollen als (sehr blondes, etwas beschränktes) Sexsymbol. Sie wird durch Kameras erschaffen und beginnt erst zu leben, wenn Menschen ihre Blicke auf sie richten. Doch sie möchte eine ernsthafte Schauspielerin sein, ihrem Image entkommen, echt werden. Sie zweifelt an ihrer Begabung, ist zerrissen zwischen Dichtung und Wahrheit, glaubt nicht an sich. So flüchtet sie in Alkohol und Drogen, um ihr wertloses Leben zu ertragen, bis sie ihm im Alter von nur 36 Jahren selbst ein Ende setzt. Weiterlesen

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Janet Lewis: Die Frau, die liebte (1941)

1539 in Artigues, einem Dorf in der Gascogne im Süden Frankreichs: Die 11jährige Bertrande de Rols wird mit dem gleichaltrigen Martin Guerre verheiratet. Unter den reichen, altehrwürdigen, feudalen Großbauern dieser Gegend ist das zu dieser Zeit nichts Besonderes.

Noch in der Hochzeitsnacht muss sich Bertrande gefallen lassen, dass ihr junger Ehemann sie ohrfeigt, ihr Gesicht zerkratzt und an ihren Haaren zieht. Er nutzt die Macht, die ihm die neue Stellung verleiht. Darin ist er seinem Vater sehr ähnlich, der hart und stolz den Hof führt. Sein Wort gilt, niemand hat zu widersprechen. Das muss auch Martin lernen, dem er einmal zwei Zähne ausschlägt, weil er ohne sich abzumelden einen Tag bei der Bärenjagt verbracht und seine Aufgaben vernachlässigt hat. Doch Bertrande ist in dieser archaischen Gesellschaft am Rande der Pyrenäen aufgewachsen und in den Traditionen verhaftet. Sie stört sich nicht daran, ihrem Schwiegervater oder ihrem Mann zu gehorchen. Ihre Aufgaben erfüllt sie zuverlässig, ihre Pflichten selbstverständlich. Weiterlesen

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Joachim Zelter: Im Feld: Roman einer Obsession

Frank und Susan ziehen nach Freiburg. Warum nach Freiburg? Darauf hat nur Frank eine Antwort: Das treibende Wort für ihn ist „Hochschwarzwald“. Der Umzug ergibt für ihn „Radsportsinn“. Weg von den mickrigen Hügeln in Norddeutschland, vom Training auf den Rampen von Tiefgaragen. Richtige Anstiege braucht er jetzt, da es im Beruf bergab geht und er sich nicht mehr orientieren kann. Herausfordernde Strecken, Gleichgesinnte. Susan fährt nicht mehr Rad. Sie hinterfragt: den Umzug, die berufliche Situation, den Sinn, sich Berge hoch zu quälen, Kilometer zu fressen, nicht auszuscheren. Dennoch weist sie Frank auf eine Anzeige hin: „Rennradtreff. Christi Himmelfahrt. Donnerstag um 10 Uhr. Der Radverein lädt ein. Auch Nichtmitglieder sind willkommen.“

Frank fährt los, unsicher, verhalten, folgt einem anderen Radfahrer, landet am Treffpunkt Heidegger-Denkmal und wird in die „mittlere Gruppe“ der Ausfahrt einsortiert. 27er-Schnitt, rund 100 Kilometer. Das kann er schaffen, das passt, denkt er beim eher gemächlichen Einrollen. Ruhe und Rhythmus kehren ein, bei gleichbleibendem Tempo unterhält man sich über Ritzel, Sattelstützen, Tretlager, Fahrradmarken oder hängt seinen Gedanken nach. Frank wird ein Teil des Feldes, das zusammenspielt wie ein Schwarm, Handzeichen fliegen von Fahrer zu Fahrer, wenn ein Hindernis ansteht, abwechselnd stehen sie im Wind. Weiterlesen

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Andreas Izquierdo: Fräulein Hedy träumt vom Fliegen

Fräulein Hedy von Pyritz ist mit ihren 88 Jahren eine Respektsperson in dem kleinen Städtchen im Münsterland, wo sie in einer feinen Villa auf einem Hügel lebt. Jeder kennt sie, manche fürchten sie, manche verehren sie und verdanken ihr viel. Sie leitet die Von-Pyritz-Stiftung für begabte junge Menschen, ist preußisch streng zu sich und anderen und verliert eines Nachts den Verstand. Das glaubt zumindest ihre Tochter Hannah oder – was wahrscheinlicher ist – sie nimmt das ungewöhnliche Verhalten ihrer Mutter zum willkommenen Anlass, sie vom Vorsitz der Stiftung zu verdrängen und aufs Altenteil zu schieben. Auch Maria, Hedys Haushälterin und engste Vertraute, macht sich immer öfter Sorgen um Hedy, aber die verfliegen meistens schnell, wenn sie ein leckeres Essen auf den Tisch bringt.

Hannah achtet sehr auf Etikette und darauf, was andere von ihr halten. Dass Hedy sich im Dunkeln auf den Balkon stellt und „TIM-BUK-TUUU“ in die Finsternis ruft, mag ja noch angehen. Aber als sie den Zeitungsjungen mit ihrem alten Mercedes jagt und eine Anzeige aufgibt, in der sie einen Kavalier sucht, der sie zu einem Nacktbadestrand fährt – Entgeltung garantiert – wird es Hannah zu viel. Sie strebt ein Entmündigungsverfahren an und schickt Hedy eine Psychologin ins Haus (diese Begutachtung ist für mich die witzigste Szene im Buch). Weiterlesen

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Abby Fabiaschi: Für immer ist die längste Zeit

Madeline, genannt Maddy, sucht eine neue Frau für Ihren Mann Brady und eine neue Mutter für ihre 16-jährige Tochter Eve. Das ist an sich schon ungewöhnlich, wird aber noch seltsamer, wenn man weiß, dass Maddy nach einem Sturz vom Bibliotheksdach des Wellesley-College gestorben ist und nun in einer Zwischenwelt über der Erde schwebt. Sie kann sich nicht erklären, warum das so ist, fragt sich, ob sie jetzt dauerhaft als Gespenst ihr Unwesen treiben muss oder ob dieser Zustand das Fegefeuer ist.

Ihren Mann und ihre Tochter möchte sie jedenfalls möglichst gut versorgt wissen, denn sie war schon zu Lebzeiten die Zuverlässigkeit in Person. Anstrengt versucht sie, die richtige Frau zu finden, die – wie sie – den Alltag von Brady und Eve organisiert, denn die beiden sind sonst aufgeschmissen. Sie war immer da, wenn sie gebraucht wurde, hat sich selbst und ihre Bedürfnisse zurückgenommen und kannte für jede Lebenssituation das richtige Lied oder eine passende Weisheit. Da Grundschullehrerinnen genau die Eigenschaften haben, die Maddy sich für ihre Nachfolgerin wünscht, schaut sie sich zuerst unter ihnen um. Als sie gerade aufgeben und zu den Krankenschwestern übergehen will, findet sie in Rory das scheinbar perfekte Exemplar. Sie beginnt, sie auf Herz und Nieren zu prüfen. Weiterlesen

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Szczepan Twardoch: Der Boxer

Ein Mann sitzt in seiner Wohnung und hält mit einer Schreibmaschine seine Erinnerungen fest. „Ich heiße Mojźesz Bernstein, bin siebzehn Jahre alt und ich bin kein Mensch, ich bin ein Nichts…“, schreibt er und fährt nur wenige Sätze später fort: „Ich heiße Mojźesz Inbar, bin siebenundsechzig Jahre alt. Ich habe meinen Namen geändert. Ich sitze an der Schreibmaschine und schreibe. Ich bin kein Mensch. Ich habe keinen Namen.“

Er denkt zurück an das Jahr 1937 in Warschau, als sein Vater durch die Hand des Boxers und Banditen Jakub Shapiro stirbt, weil er das Schutzgeld nicht bezahlen konnte, das Shapiro im Auftrag des Paten Jan Kaplica eintreiben sollte. Mojźesz bewundert Shapiro, er möchte sein wie Shapiro. Er möchte Shapiro sein. Und er erinnert sich, wie dieser ihn nach dem Tod seines Vaters bei sich aufgenommen hat und wie er ihm als unsichtbarer Schatten folgt. Der dünne, vater- und mittellose „Judenbengel“ bewegt sich im Schlepptau des angesehenen Boxers.

Gemeinsam mit Mojźesz taucht der Leser, taucht die Leserin in diese ferne, vergangene und doch ganz nahe Welt ein.

Der Pate Kaplica, Pole, Sozialist und Judenfreund, hat seine Viertel fest im Griff und herrscht mit der Willkür eines Monarchen, dem jeder zu dienen hat. Dabei unterstützt er seine Freunde, straft gnadenlos seine Feinde und die, die ihn verärgern. Für lange Zeit halten die Politik und die Polizei ihre schützenden Hände über ihn. Weiterlesen

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