Edgar Rai: Im Licht der Zeit

Berlin, 1929: Die „Goldenen Zwanziger“ neigen sich ihrem Ende zu. In einer liberalen Atmosphäre konnten sich Kunst, Theater, Film und Musik in einer Form entwickeln, die ihresgleichen sucht – originell und innovativ. Doch nun ist Hollywood einen Schritt voraus: Der Stummfilm gilt als überholt, der Tonfilm ist angesagt. Diesem Trend können sich die deutschen Studios, allen voran die UFA, nicht verschließen, auch wenn unter vielen Schauspielern und Regisseuren der Stummfilm als eigene Kunstform gilt, die nicht einfach ersetzt werden kann.

UFA-Chef Hugenberg nimmt die Herausforderung an, einen Film zu produzieren, der international einschlägt und zeigt, dass Deutschland den USA hier mehr als nur das Wasser reichen kann. Ein Wunschkandidat für die männliche Hauptrolle steht schnell fest: Emil Jannings, der erste Oscar-Preisträger, der sein Glück derzeit in Amerika versucht.

Hugenberg macht Karl Vollmöller zum „Mädchen für alles“, was die Organisation betrifft: „‘Mein lieber Herr Vollmöller‘, hob er an, ‚Sie besorgen mir Jannings und garantieren mir einen Stoff, der sich gewaschen hat, und ich (…) stelle Ihnen in Babelsberg eine Halle hin, in die Sie diese hier hineinschieben können!‘“ (Kapitel 7)

Hugenberg hält sein Versprechen: Er macht genügend Mittel locker, um in Babelsberg in Rekordzeit die modernsten Filmstudios hochzuziehen, die man sich vorstellen kann. Für Vollmöllers Aufgaben braucht es nicht nur Geld, sondern auch eine Menge Feingefühl, Taktik und Flunkereien. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Andrej Kurkow: Graue Bienen

Sergej Sergejitsch – fast 50 Jahre alt, Frührentner und Imker – lebt in Malaja Starogradowka, einem Dorf mitten in der grauen Zone, zwischen den Fronten der prorussischen Separatisten und der ukrainischen Kämpfer. Nur noch zwei Bewohner harren dort aus: Sergej und Paschka, sein „Kindheitsfeind von der ersten Klasse der Dorfschule an“ (Zitat Seite 6), der immer mehr zu seinem „Feindfreund“ wird. Schließlich hat er sonst niemanden mehr, mit dem er sich unterhalten kann. Die anderen Einwohner haben die Flucht ergriffen, weil sie um Leib und Leben fürchteten und der Alltag ihnen zu beschwerlich wurde.

Denn schon lange gibt es keinen Strom mehr und keine Post, der Laden ist geschlossen und auch wenn das Geschützfeuer meist nur als Hintergrundgeräusch aus der Ferne zu vernehmen ist und im Normalfall keine Aufmerksamkeit mehr erregt, verirrt sich doch manchmal eine Granate ins Dorf. Eine davon hat die Kirche in Schutt und Asche gelegt und Sergejitsch dadurch zu einem ganzen Haufen Kirchenkerzen verholfen.

Abwechslung gibt es eher selten – mal ein toter Soldat auf dem Feld, mal eine Explosion, die Paschkas Fensterscheiben zerfetzt, mal eine Wanderung ins Nachbardorf oder der überraschende Besuch eines jungen ukrainischen Soldaten namens Petro. Doch auch bei unvorhergesehenen Ereignissen bleibt Sergej meistens ruhig und überlegt sich gut, was er tut und was er lässt. Nicht einmischen ist meistens seine Devise – und damit fährt er bisher gut. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Karin Nohr: Kieloben

Ingas Leben ist aus den Fugen geraten seit ihr Mann Friedrich vor sechs Jahren bei einem Unfall ums Leben gekommen ist. Sie hat die gemeinsame internistische Praxis aufgegeben und wälzt nun bei der Deutschen Rentenversicherung Akten. Als sie 55 wird und ihr Sohn Sebastian nach dem Abi eröffnet, dass er für ein Jahr nach Australien gehen wird, beschließt sie, nach Norwegen zu reisen.

Nicht weit von den Orten, an denen ihr Vater als Offizier im 2. Weltkrieg auf einem Boot das Kommando hatte, beginnt sie nachzudenken: über ihre Eltern, ihre Brüder Matthias und Markus, ihre Kindheit und Jugend. Bei einem Ausflug auf eine unbewohnte Insel startet sie einen Mailverkehr mit ihren Brüdern, um der Vergangenheit auf die Spur zu kommen, denn jeder der Geschwister hat ein anderes Bild, andere Erinnerungen an das Leben in der Familie. War die Mutter glücklich mit ihren Kindern oder waren sie ihr eine Last? War der Vater wirklich monatelang auf Sprachkursen in Frankreich oder wegen seiner Kriegstraumata in psychiatrischer Behandlung? War er Kriegsheld oder Täter? Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Simone Lappert: Der Sprung

Es beginnt mit dem Sprung, dem Schritt über die Dachkante, dem Fall, den Empfindungen. Dann treten wir einen Schritt zurück und werfen einen Blick auf die Menschen, deren Leben durch die Frau auf dem Dach eine andere Richtung nimmt.

Da ist zunächst Felix, der Polizist. Die Schwangerschaft seiner Frau Monique wirft ihn aus der Bahn. Doch er kann nicht mit ihr darüber reden, sondern hält immer mehr Abstand. Nach der Arbeit zieht er sich in den Keller zurück, um Elektrogeräte auseinanderzunehmen und wieder zusammenzubauen.

Auch Maren hat Probleme in ihrer Ehe. Früher haben ihrem Mann Hannes ihre Kurven gefallen. Doch seit er an seinem 40. Geburtstag beschlossen hat, sein Leben grundlegend zu ändern, hat er 25 Kilo abgenommen, achtet sehr auf seine Ernährung und trainiert fast wie ein Besessener. Marens halbherzige Versuche, es ihm gleichzutun sind nicht von Erfolg gekrönt. Eigentlich mag sie sich so, wie sie ist.

Teenagerin Winnie hadert ebenfalls mit ihrer Figur, die ihr unter ihren Altersgenossen häufig Spott einbringt. Ihre Bemühungen, dazu zu gehören, sind bisher gescheitert. Sie hat sich ihre eigene Comic-Welt geschaffen, in der sie allen zeigen kann, was in ihr steckt. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Gabriel Katz: Der Klavierspieler vom Gare du Nord

Pierre Geithner, Leiter des Fachbereichs Musik am Pariser Konservatorium, glaubt, seinen Ohren nicht zu trauen, als er auf dem Gare du Nord einen jungen Mann Klavierspielen hört. Technisch nicht perfekt, aber mitreißend, mit fliegenden Fingern und ohne Noten. Pierre ist begeistert, doch der junge Mann – Mathieu Malinski – blockt seine Kontaktaufnahme ab.

Mathieu, dessen Familie aus Polen stammt, lebt in einer Pariser Vorstadt und bringt alles mit, was man ganz klischeehaft erwarten kann: finanzielle Schwierigkeiten und einen (klein-) kriminellen Hintergrund. Doch er kümmert sich auch liebevoll um seinen kleinen Bruder, während seine Mutter im Krankenhaus Nachtschichten schiebt, um sich und die Kinder über Wasser zu halten, und hat einen Job als Gabelstaplerfahrer. Was Mathieu aus der Masse heraushebt, ist dieses ganz besondere musikalische Talent, das ein früherer Nachbar gefördert hat, das er aber so gut er kann geheim hält.

Als ein Einbruch mit seinen Kumpeln schiefgeht und Mathieu von der Polizei geschnappt wird, erinnert er sich an die Visitenkarte, die ihm Pierre zugesteckt hat und tatsächlich haut ihn dessen Anwalt raus und verschafft ihm statt eines Gefängnisaufenthaltes ein halbes Jahr Sozialstunden im Konservatorium. Pierre ist von Mathieus Potenzial überzeugt und organisiert für ihn Klavierunterricht bei der besten Lehrerin der Hochschule, um ihn auf einen renommierten Klavierwettbewerb vorzubereiten. Aber der junge Mann bleibt zunächst störrisch. Erst als er die Cello-Studentin Anna kennenlernt, rafft er sich auf, seine Chance zu ergreifen. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Bina Shah: Die Geschichte der schweigenden Frauen

Große Kriege haben Teile der Welt verwüstet. Neue Staaten haben sich gebildet, Gesellschaftssysteme wurden mit mehr oder weniger Gewalt umgekrempelt. Die technische Entwicklung ist vorangeschritten, Roboter übernehmen viele Tätigkeiten, die Nutzung digitaler Hilfsmittel ist Alltag – und dient häufig auch der Überwachung der Bevölkerung.

Dieses Umfeld bietet den Rahmen für Bina Shahs Roman „Die Geschichte der schweigenden Frauen“. Die pakistanische Autorin führt die Leserinnen und Leser nach Green City, der Hauptstadt Südwest-Asiens. Frauen sind dort aufgrund der kriegerischen Auseinandersetzungen und eines Virus Mangelware. Das führt dazu, dass die übrig gebliebenen durch die Obrigkeit dazu verpflichtet werden, möglichst viele Kinder zu gebären. Dafür werden sie praktisch – meist mit mehreren Männern – zwangsverheiratet. Die Gattinnen werden gehegt und gepflegt, sind aber nahezu rechtlos und ans Haus gebunden. Freiheit ist für sie fast unerreichbar.

Ein paar Frauen verweigern sich diesem System und gehen in den Untergrund.

So wie Lin, Sabine und Rupa. Sie leben in der Panah, einem von Lins verstorbener Tante Ilona Serfati gegründeten Versteck. Doch auch sie sind nicht frei, sondern müssen ständig auf der Hut sein, um nicht in die Fänge der Obrigkeit zu gelangen. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Evelyn Kühne: Inselküsse: Ein Ostseeroman

Maries Leben läuft nicht immer in geraden Bahnen. Eben hat die alleinerziehende Mutter einen lukrativen Auftrag ergattert, da droht ihre Existenzgrundlage sich in Luft aufzulösen. Das Haus, in dem sie mit ihren drei Kindern wohnt, soll verkauft und saniert werden. Sie kann sich kaum vorstellen, wie sie die anstehende Mieterhöhung stemmen soll. Und dann bricht auch noch das marode Dach ihrer Töpferwerkstatt ein. Wie soll sie nun die Ware für den Auftrag – die Ausstattung eines neuen Hotels auf Rügen – produzieren? Auch wenn sie sich mit der Hotelbesitzerin Susanne auf Anhieb gut versteht, sieht sie keine andere Möglichkeit, als abzusagen

Als sie ihrer Nachbarin Ruth ihr Leid klagt, erfährt Marie etwas Erstaunliches: Die alte Dame hat vor wenigen Monaten ein Haus auf Rügen geerbt. Nur zu gerne würde sie es wiedersehen und vielleicht sogar dorthin ziehen. Wie wäre es, wenn Marie sie mit ihrer 14jährigen Tochter Karo und den 9jährigen Zwillingen Ole und Til begleiten würde? Vielleicht wäre es sogar möglich, dort zusammen zu wohnen. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Melanie Metzenthin: Mehr als die Erinnerung

Friederike von Aalen lebt und arbeitet auf Gut Mohlenberg, einer Einrichtung für Menschen mit einer psychischen Erkrankung oder geistigen Behinderung in der Nähe von Lüneburg. Sie unterstützt ihren Vater, der diese Anstalt gegründet hat, vor allem bei der Verwaltung, aber auch zu den Bewohnerinnen und Bewohnern hat sie ein gutes Verhältnis. Manche kennt sie schon, seit ihrer Kindheit. Sie sieht – genau wie ihr Vater – in ihnen die Menschen, nicht nur die Patienten und weiß, dass oft mehr in ihnen steckt, als auf den ersten Blick sichtbar ist.

Ihren großen Traum, Ärztin zu werden, hat sie kurz vor ihrem Abschluss aufgegeben, um ihren Mann Bernhard pflegen zu können, der im 1. Weltkrieg bei einer Explosion eine schwere Kopfverletzung erlitten hat. Mühsam musste er wieder lernen, sich zu bewegen. Nun – im Jahr 1920 – ist er körperlich fast wieder hergestellt, aber sein Erinnerungsvermögen weist große Lücken auf und geistig ist er auf den Stand eines 5jährigen zurückgefallen. Die Ärzte machen Friederike keine großen Hoffnungen, dass sich sein Zustand noch weiter verbessern wird, doch sie steht treu zu ihrem Mann und kann sich ein Leben ohne ihn nicht vorstellen. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Axel Kutsch (Hrsg.): Versnetze_zwölf

Bereits seit 2008 gibt Axel Kutsch im Verlag Ralf Liebe jährlich die Versnetze heraus. Die Idee hinter den Netzen ist spannend, denn sie verbinden die Verse regional und über die Generationen hinweg. Innerhalb der großräumigen Sortierung nach deutschen Postleitzahlenbereichen erfolgt die Anordnung nach dem Alter der Autorinnen und Autoren – am Beginn stehen jeweils die Jüngsten. Die Bandbreite reicht vom Jahrgang 1929 bis 1997, wobei der Schwerpunkt deutlich auf den Jahrgängen zwischen 1940 und 1970 liegt. Hinzu kommt der „kleine Grenzverkehr“, in dem auch deutschsprachige Lyrikerinnen und Lyriker aus anderen Ländern zu Wort kommen.

Die Vielfalt der Sammlung ist beeindruckend, die unterschiedlichsten Stile und Themen sind vertreten. Rätselhafte Verse wechseln sich ab mit leicht verständlichen, gereimte mit ungereimten, konkrete mit abstrakten, heitere mit ernsten oder gar wütenden. Manche bestehen nur aus wenigen Worten, andere füllen eine ganze Seite. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Volker Langenbein: Totengräbers Tagebuch

Volker Langenbein, genannt Rusty, wuchs in einer Gegend auf, „in der man nicht überall spielen durfte, denn es konnte relativ schnell passieren, dass man eine Backpfeife sitzen hatte, wenn man in die ‚falsche Straße‘ kam.“ (Zitat aus Einleitung) Obwohl ihn seine Mutter liebevoll erzogen hatte, geriet er in kriminelle Kreise und er gibt unumwunden zu, dass er sich die „Leiter nach unten“ selbst gebastelt hatte. Was er trieb waren keine „Kleine-Strolche-Straftaten“ mehr. Als eine Haftstrafe im Raum stand, war ihm klar, dass er etwas ändern musste. Und er hat die Kurve gekriegt.

Nach verschiedenen Jobs landet er auf dem Friedhof – als Arbeiter in der „Gärtnertruppe“. Sein Kollege Manne begrüßt ihn locker und mit der Ansage, dass er sich keinen Stress machen soll. Und schon ist die Sache geritzt. Rusty gewöhnt sich ein und lernt schnell dazu. Laub rechnen, Hecken schneiden, Gräber gießen, zwischendrin schnell mal eine Kippe – alles kein Problem. Mit den Toten hat er nur aus der Ferne Kontakt. Sobald ein Trauerzug vorbeikommt, verschwinden die Gärtner in den Büschen.

Doch nach einem Jahr läuft sein Vertrag aus. Bei den Gärtnern ist nichts mehr frei. Aber weil sich Rusty bewährt hat, bekommt er von der Friedhofsleitung ein Angebot: Wenn er möchte, kann er bei den Totengräbern anfangen. Alles muss schnell gehen, er hat keine Bedenkzeit. Kurzentschlossen sagt er zu. „Einmal tief durchgeatmet und …A star was born! Oder: Ein Narr was born? Ich hatte keine Wahl. Also rein in den Untergrund. Rein in die Tatsache, Konfrontation Tod.“ (Zitat: Kapitel „Das erste Jahr“) Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten: