Joachim Zelter: Im Feld: Roman einer Obsession

Frank und Susan ziehen nach Freiburg. Warum nach Freiburg? Darauf hat nur Frank eine Antwort: Das treibende Wort für ihn ist „Hochschwarzwald“. Der Umzug ergibt für ihn „Radsportsinn“. Weg von den mickrigen Hügeln in Norddeutschland, vom Training auf den Rampen von Tiefgaragen. Richtige Anstiege braucht er jetzt, da es im Beruf bergab geht und er sich nicht mehr orientieren kann. Herausfordernde Strecken, Gleichgesinnte. Susan fährt nicht mehr Rad. Sie hinterfragt: den Umzug, die berufliche Situation, den Sinn, sich Berge hoch zu quälen, Kilometer zu fressen, nicht auszuscheren. Dennoch weist sie Frank auf eine Anzeige hin: „Rennradtreff. Christi Himmelfahrt. Donnerstag um 10 Uhr. Der Radverein lädt ein. Auch Nichtmitglieder sind willkommen.“

Frank fährt los, unsicher, verhalten, folgt einem anderen Radfahrer, landet am Treffpunkt Heidegger-Denkmal und wird in die „mittlere Gruppe“ der Ausfahrt einsortiert. 27er-Schnitt, rund 100 Kilometer. Das kann er schaffen, das passt, denkt er beim eher gemächlichen Einrollen. Ruhe und Rhythmus kehren ein, bei gleichbleibendem Tempo unterhält man sich über Ritzel, Sattelstützen, Tretlager, Fahrradmarken oder hängt seinen Gedanken nach. Frank wird ein Teil des Feldes, das zusammenspielt wie ein Schwarm, Handzeichen fliegen von Fahrer zu Fahrer, wenn ein Hindernis ansteht, abwechselnd stehen sie im Wind. Weiterlesen

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Andreas Izquierdo: Fräulein Hedy träumt vom Fliegen

Fräulein Hedy von Pyritz ist mit ihren 88 Jahren eine Respektsperson in dem kleinen Städtchen im Münsterland, wo sie in einer feinen Villa auf einem Hügel lebt. Jeder kennt sie, manche fürchten sie, manche verehren sie und verdanken ihr viel. Sie leitet die Von-Pyritz-Stiftung für begabte junge Menschen, ist preußisch streng zu sich und anderen und verliert eines Nachts den Verstand. Das glaubt zumindest ihre Tochter Hannah oder – was wahrscheinlicher ist – sie nimmt das ungewöhnliche Verhalten ihrer Mutter zum willkommenen Anlass, sie vom Vorsitz der Stiftung zu verdrängen und aufs Altenteil zu schieben. Auch Maria, Hedys Haushälterin und engste Vertraute, macht sich immer öfter Sorgen um Hedy, aber die verfliegen meistens schnell, wenn sie ein leckeres Essen auf den Tisch bringt.

Hannah achtet sehr auf Etikette und darauf, was andere von ihr halten. Dass Hedy sich im Dunkeln auf den Balkon stellt und „TIM-BUK-TUUU“ in die Finsternis ruft, mag ja noch angehen. Aber als sie den Zeitungsjungen mit ihrem alten Mercedes jagt und eine Anzeige aufgibt, in der sie einen Kavalier sucht, der sie zu einem Nacktbadestrand fährt – Entgeltung garantiert – wird es Hannah zu viel. Sie strebt ein Entmündigungsverfahren an und schickt Hedy eine Psychologin ins Haus (diese Begutachtung ist für mich die witzigste Szene im Buch). Weiterlesen

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Abby Fabiaschi: Für immer ist die längste Zeit

Madeline, genannt Maddy, sucht eine neue Frau für Ihren Mann Brady und eine neue Mutter für ihre 16-jährige Tochter Eve. Das ist an sich schon ungewöhnlich, wird aber noch seltsamer, wenn man weiß, dass Maddy nach einem Sturz vom Bibliotheksdach des Wellesley-College gestorben ist und nun in einer Zwischenwelt über der Erde schwebt. Sie kann sich nicht erklären, warum das so ist, fragt sich, ob sie jetzt dauerhaft als Gespenst ihr Unwesen treiben muss oder ob dieser Zustand das Fegefeuer ist.

Ihren Mann und ihre Tochter möchte sie jedenfalls möglichst gut versorgt wissen, denn sie war schon zu Lebzeiten die Zuverlässigkeit in Person. Anstrengt versucht sie, die richtige Frau zu finden, die – wie sie – den Alltag von Brady und Eve organisiert, denn die beiden sind sonst aufgeschmissen. Sie war immer da, wenn sie gebraucht wurde, hat sich selbst und ihre Bedürfnisse zurückgenommen und kannte für jede Lebenssituation das richtige Lied oder eine passende Weisheit. Da Grundschullehrerinnen genau die Eigenschaften haben, die Maddy sich für ihre Nachfolgerin wünscht, schaut sie sich zuerst unter ihnen um. Als sie gerade aufgeben und zu den Krankenschwestern übergehen will, findet sie in Rory das scheinbar perfekte Exemplar. Sie beginnt, sie auf Herz und Nieren zu prüfen. Weiterlesen

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Szczepan Twardoch: Der Boxer

Ein Mann sitzt in seiner Wohnung und hält mit einer Schreibmaschine seine Erinnerungen fest. „Ich heiße Mojźesz Bernstein, bin siebzehn Jahre alt und ich bin kein Mensch, ich bin ein Nichts…“, schreibt er und fährt nur wenige Sätze später fort: „Ich heiße Mojźesz Inbar, bin siebenundsechzig Jahre alt. Ich habe meinen Namen geändert. Ich sitze an der Schreibmaschine und schreibe. Ich bin kein Mensch. Ich habe keinen Namen.“

Er denkt zurück an das Jahr 1937 in Warschau, als sein Vater durch die Hand des Boxers und Banditen Jakub Shapiro stirbt, weil er das Schutzgeld nicht bezahlen konnte, das Shapiro im Auftrag des Paten Jan Kaplica eintreiben sollte. Mojźesz bewundert Shapiro, er möchte sein wie Shapiro. Er möchte Shapiro sein. Und er erinnert sich, wie dieser ihn nach dem Tod seines Vaters bei sich aufgenommen hat und wie er ihm als unsichtbarer Schatten folgt. Der dünne, vater- und mittellose „Judenbengel“ bewegt sich im Schlepptau des angesehenen Boxers.

Gemeinsam mit Mojźesz taucht der Leser, taucht die Leserin in diese ferne, vergangene und doch ganz nahe Welt ein.

Der Pate Kaplica, Pole, Sozialist und Judenfreund, hat seine Viertel fest im Griff und herrscht mit der Willkür eines Monarchen, dem jeder zu dienen hat. Dabei unterstützt er seine Freunde, straft gnadenlos seine Feinde und die, die ihn verärgern. Für lange Zeit halten die Politik und die Polizei ihre schützenden Hände über ihn. Weiterlesen

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Friedrich Christian Delius: Die Zukunft der Schönheit

Ein junger deutscher Dichter und Student ist im Frühjahr 1966 zu einer Tagung in New York eingeladen und steht kurz vor der Heimreise. An seinem letzten Abend will er noch etwas Besonderes erleben, deshalb besucht er gemeinsam mit zwei Freunden einen Jazzclub in einer abgelegenen, finsteren Ecke der Stadt. Doch schon bei den ersten „kreischenden, klagenden, schrillen Tönen“ des Saxophonisten Albert Ayler und seiner Band hat er das Gefühl, „von Getröte, Gezirpe, Gehämmer, Gejaule“ in die Flucht getrieben zu werden. Da er sich nicht blamieren und als unwissender Laie, als hinterwäldlerischer Provinzler erkannt werden möchte denkt er: „Lehn dich zurück und hör einfach zu oder hör weg.“

Der Freejazz ist eine neue Erfahrung für ihn und weghören will ihm nicht gelingen, so eindringlich, so aufdringlich spielen die fünf Musiker auf der Bühne. Weiterlesen

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Klaus-Peter Wolf: Ostfriesenfluch

Ann Kathrin Klaasen und ihr Team sind zurück. Wer diese außergewöhnliche Hauptkommissarin aus Ostfriesland kennt und mag, wird sich darüber freuen, aber auch Neueinsteiger kommen mit diesem spannenden Krimi gut zurecht. In einem Rapsfeld nahe des Deiches liegt eine nackte, tote, mit Blumen geschmückte Frau. Neben ihr, ebenfalls mit einem Schrotgewehr ermordet, ein Tourist aus Wattenscheid. Die Identitäten sind schnell geklärt und bald stellt sich heraus, dass Angela Röttgen vor ihrem Tod schon seit einiger Zeit spurlos verschwunden war. Hat sie ihre Familie verlassen, wurde sie entführt oder hat ihr Mann sie im Haus eingeschlossen?

Weitere Fälle von verschwundenen Frauen werden bekannt. Bei Freunden (oder Geliebten?) kommen Päckchen mit Frauenkleidung an. Auf Angela Röttgens Ehemann wird mit dem Schrotgewehr geschossen. Wie hängt das alles zusammen? Gibt es einen Täter oder sind es mehrere? Weiterlesen

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Rachel Joyce: Mister Franks fabelhaftes Talent für Harmonie

1988 in der Unity Street, einer Sackgasse in einer heruntergekommenen Gegend der Stadt: Franks Plattenladen ist Treffpunkt für die anderen Ladenbesitzer und für viele Menschen aus der Gegend, denn der große, freundliche und einfühlsame Mann findet für jeden die Musik, die er gerade braucht. Er schenkt Zuneigung und Verständnis und vor allem hört er zu. Zu jedem Lied, zu jedem Stück weiß er eine Geschichte zu erzählen, kennt die Wirkung, die es haben kann und zeigt damit Wege aus kleineren und größeren Krisen.

Doch die Zeiten sind schwer. Ein Laden nach dem anderen muss schließen. Eine große Firma will die Häuser aufkaufen und macht Angebote, die man fast nicht ablehnen kann. Aber der Name der Straße ist hier Programm: Große Teile der Unity-Street stehen zusammen, bilden eine Einheit und Gemeinschaft, deren Mitglieder sich gegenseitig stützen. Weiterlesen

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Philippe Sands: Rückkehr nach Lemberg

Vier Männer, alle um 1900 geboren, alle mit einem Bezug zu Lemberg, stehen im Mittelpunkt dieses Buches. Philippe Sands verwebt ihre Lebensgeschichten, ihre Ideen, ihre Erfolge und ihre Niederlagen zu einer ebenso informativen wie bewegenden Geschichte.

Da wären zunächst Hersch Lauterpacht und Raphael Lemkin. Beide waren Juden und haben große Teile ihrer Familie durch NS-Verbrechen verloren. Beide haben an der Universität in Lemberg im Abstand von wenigen Jahren Jura studiert und gelten als Experten und Vorreiter auf dem Gebiet des Völkerrechts und der Menschenrechte. Beide haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Verbrechen der Nationalsozialisten juristisch zu fassen und dafür zu sorgen, dass die Verantwortlichen in den Nürnberger Prozessen strafrechtlich belangt werden konnten. Doch hier endeten auch schon die Gemeinsamkeiten. Während Lauterpacht sich auf den Schutz des Individuums konzentrierte und den Begriff „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ prägte, führte Lemkin das Konzept des „Genozids“ ein, das die gezielte Vernichtung von nationalen, ethnischen, rassischen oder religiösen Bevölkerungsgruppen beschrieb. Weiterlesen

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Lucy Fricke: Töchter

Marthas Vater will zum Sterben in die Schweiz. Behauptet er zumindest. Doch weil er Blut spuckt, Windeln braucht und seine Schmerzen nur mit Morphium erträgt, kann er natürlich nicht mehr selbst fahren. Auch Martha setzt sich nicht mehr hinters Steuer, seit sie sich an einem Unfall die Schuld gibt, dessen Folgen einen Freund das Leben gekostet haben. Also muss Betty herhalten, seit zwanzig Jahren Marthas beste Freundin und gerne bereit, auf den Hilferuf hin von Rom aus nach Berlin zurück zu eilen. Ihr eigentliches Vorhaben, das Grab ihre Lieblingsvaters zu besuchen, kann noch warten, sie schiebt es sowieso schon seit zehn Jahren auf.

Die Väter sind ein besonderes Kapitel im Leben von Betty und Martha. Betty hat (mindestens) drei davon: den leiblichen, den bösen (der dafür gesorgt hat, dass sie sich für „alle Zukunft mit allerlei psychischen und sexuellen Defekten“ durchs Leben schlagen muss) und den guten, genannt „der Posaunist“, den sie liebt und vergöttert, selbst als er ihre Mutter verlässt, ohne sich von ihr zu verabschieden. Auf diese Weise hat auch er einen Beitrag zu ihrer psychischen Instabilität geleistet. Weiterlesen

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Arno Geiger: Unter der Drachenwand

Der Soldat Veit Kolbe hat mit seinen knapp 24 Jahren schon vier Kriegsjahre auf dem Buckel, als er Ende 1943 an der Ostfront verwundet wird. Nach einem Aufenthalt in einem Lazarett reist er zum Genesungsurlaub zu seinen Eltern in Wien. Veits Wünsche auf dem Heimweg sind bescheiden: Alleine in einem Zimmer schlafen, nicht mehr mit erfrorenen Finger unter dem LKW im Schnee liegen oder alle vier Wochen eine neue Zahnbürste bekommen. All das hat ihm im Krieg gefehlt und auch, wenn sich diese Wünsche in Wien erfüllen, kehrt er in ein ihm fremdes Zuhause zurück. Die Eltern gehen ihm auf die Nerven, er gibt vor allem seinem Vater die Schuld an einer verdorbenen Kindheit, in der die Schlagworte „Standhaftigkeit“ und „Konsequenz“ die Hauptrolle spielten.

„Was die Familie an Persönlichkeitszerstörung anfängt, setzt der Krieg fort“, notiert Veit in seinem Tagebuch. Als er es nicht mehr aushält, besorgt ihm sein Onkel Johann, Gendarmeriepostenführer in Mondsee, ein Zimmer, in dem er sich weitab der Großstadt erholen kann. Johann ist ein Opportunist, wie er im Buche steht. Davon profitiert auch Veit, der durch den Onkel zu einem funktionierenden Ofen und mancherlei anderen Vergünstigungen kommt, ihn aber dennoch für seine Haltung verachtet. Weiterlesen

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