Amélie Nothomb: Happy End

Déodat ist hässlich und zwar schon seit seiner Geburt. Selbst seine Eltern erschrecken, als sie ihn zum ersten Mal sehen. Doch seine Mutter Énide, die ihre Ballett-Ausbildung aufgeben musste, weil sie zu mager war, und sein Vater Honorat, Koch in der Tanzakademie, lieben ihn trotzdem von ganzem Herzen. Dabei hat Déodat, dieses ganz besondere Kind, auch seine Finger mit im Spiel, denn: „Der Säugling verfügte über jene höhere Form der Intelligenz, die man den Sinn für andere nennen könnte.“ Und diese Form der Intelligenz hilft ihm, „eine Umwelt zu besänftigen, die wenig geneigt war, den Schrecken der Natur mit Wohlwollen zu begegnen.“

Im Übrigen ist Déodat zurückhaltend, unkompliziert, freundlich und liebt das Alleinsein. Er zieht sich in sich zurück und betrachtet alles ganz genau. So entdeckt er Dinge, die ihn erstaunen und erfreuen und macht sich seine Gedanken dazu. In der Schule hat er es nicht einfach, aber mit einem ruhigen Gemüt übersteht er alle Unverschämtheiten der Mitschüler.

Als eines Tages beim Völkerball auf dem Schulhof Vogelkot auf seinem Kopf landet, öffnet sich für ihn eine neue Welt. Er ist überzeugt: Der Vogel hat ihn auserwählt. Ab diesem Zeitpunkt spielen Vögel eine ganz besondere Rolle für ihn. Sein Verhältnis zu Frauen ist speziell: Ab der Pubertät fliegen sie – trotz seines abstoßenden Äußeren – auf ihn, was er genießt, aber meistens nicht versteht. Bis er Trémière kennenlernt. Weiterlesen

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Nadine Sieger: Coco Chanel

Als Gabrielle Chanel 1883 im Armenhaus von Saumur geboren wird, tragen die Damen noch Korsett und können sich kaum alleine anziehen. Bei ihrem Tod 1971 in Paris ist in der Mode alles möglich. Als Coco Chanel – eine der berühmtesten Modeschöpferinnen – hat sie dazu beigetragen und das Leben unzähliger Frauen beeinflusst. „Unnötigen Prunk und sinnlosen Schnickschnack“ lehnt sie vehement ab. Frauen sollen sich frei bewegen können, unabhängig und selbstbewusst auftreten. Wie sie selbst.

Mit Anfang 20 trägt sie am liebsten Männerkleider. Bequem soll es sein, aber mit Stil. Denn „Mode ist vergänglich, Stil niemals“. Doch nichts wurde ihr in die Wiege gelegt. Mit elf Jahren, nach dem Tod ihrer Mutter, gab sie der Vater im nächstgelegenen Waisenhaus ab. Als Schausteller und Luftikus hatte er weder Zeit noch Lust, sich um seine fünf Kinder zu kümmern. Als junges Mädchen träumt Gabrielle davon, Sängerin zu werden. Doch sie muss sich eingestehen, dass ihr Talent nicht reicht. Zwei Männer werden zu ihren ersten Förderern: Étienne Balsan, ein reicher Offizier und Lebemann, der sie (als eine seiner Mätressen) für einige Jahre auf seinem Landsitz beherbergt, und Arthur „Boy“ Capel, die große Liebe ihres Lebens. Boy ist gebildet, attraktiv, verkehrt in besten Kreisen und lebt nicht nur von seinem Erbe, sondern verdient – was Gabrielle am meisten beeindruckt – sein eigenes Geld. Das möchte sie auch: unabhängig sein vom Wohlwollen anderer. Weiterlesen

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Annette Hess: Deutsches Haus

Eva Bruhns ist Mitte zwanzig und als Übersetzerin für Polnisch in einer Agentur angestellt, als sie 1963 überraschend angefragt wird, ob sie in einem Prozess gegen Personal des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz Zeugenaussagen übersetzen könnte. Bisher hatte sie vor allem Verträge und Gebrauchsanweisungen ins Deutsche übertragen und traut sich die Aufgabe nicht zu. Doch was sie über das Lager und die Gefangenen erfährt, lässt sie nicht mehr los. Sie fühlt eine Verbundenheit, die sie sich nicht erklären kann. Schließlich sagt sie zu, den ausgefallen Dolmetscher zu vertreten.

Ihre Eltern, die in Frankfurt die Gaststätte „Deutsches Haus“ betreiben, versuchen, sie davon abzubringen, diesen Auftrag zu übernehmen und auch Evas ältere Schwester Annegret schüttelt nur verständnislos den Kopf. Warum sollte man sich mit etwas beschäftigen, was zwanzig Jahre zurückliegt? Im Krieg geschehen nun einmal schlimme Dinge. Es ist besser, man spricht nicht mehr darüber.

Evas Verlobter Jürgen – wohlhabender Erbe eines Versandhandels – stellt sie sogar vor ein Ultimatum: er oder der Prozess. Schließlich ist er der Herr im Haus, dem die Frau auch schon vor der Hochzeit gehorchen muss. Weiterlesen

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Kathrin Gerlof: Nenn mich November

Marthe und David sind am Ende, finanziell und mit den Nerven. Nach der Insolvenz ihrer Firma für kompostierbares Geschirr, geht ihnen jetzt auch privat das Geld aus. Sie können die Miete in Berlin nicht mehr bezahlen und ziehen in ein heruntergekommenes Haus auf dem Dorf, das David von seiner Tante geerbt hat.

Das Dorf, umgeben von Genmais-Feldern mit meterhohen, hungrigen Pflanzen und Wald, liegt in der tiefsten ostdeutschen Provinz. Um eine Verbindung zum Internet zu bekommen, steigt Marthe zu Beginn regelmäßig auf einen zwei Kilometer entfernten Hügel mit Fernmeldemast. Denn ohne den digitalen Zugang zur großen, weiten Welt kann sie nicht leben. Sie muss wissen, wie es um die Erde steht, sie sammelt Katastrophen und Statusberichte, um ein Bild davon zu haben, wie es weitergeht: Waldsterben, Meeresverschmutzung, Krieg, Terrorismus, Genozide, es gibt nichts Schlimmes, was sie nicht interessiert und was sie nicht in ihre umfangreiche Privatdatenbank aufnimmt. Marthe ist „angeschlagen an einigen Stellen von Geburt an. Schreckhaft, angstvoll.“ Zu jeder Furcht entwickelt sie ein passendes körperliches Symptom und sie beginnt, mit ihrem linken Arm zu fremdeln. Aber trotz dieser psychischen Instabilität scheint sie sich im Dorf nach ein paar Anfangsschwierigkeiten gut zurecht zu finden. Sie knüpft Kontakte zu Robin – mit knapp 15 Jahren der jüngste der rund 70 Dorfbewohner und einer der wenigen, die noch an eine Zukunft für sich glauben – und zu Radomski, dem Wilderer und Holzfachmann aus dem Nachbarort. Weiterlesen

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Markus Gabriel: Der Sinn des Denkens

„Auf den folgenden Seiten werde ich auf eine allgemein verständliche und zugängliche Weise eine Theorie des (menschlichen) Denkens entwickeln“, schreibt der Philosophie-Professor und Autor Markus Gabriel in seinem Vorwort zu „Der Sinn des Denkens“ und meiner Ansicht nach ist ihm das gelungen. Es kann aber sein, dass seine Theorie und dieses Buch geteilte Meinungen hervorrufen werden – wie auch seine Vorgänger „Warum es die Welt nicht gibt“ und „Ich ist nicht Gehirn“, die mit ihm gemeinsam eine Trilogie bilden, deren Bände auch einzeln gelesen und verstanden werden können.

Gabriel sieht die Philosophie vor allem als „Nachdenken über das Nachdenken“ und legt den Überlegungen in diesem Buch zwei anthropologische Hauptsätze zugrunde: „Der Mensch ist das Tier, das keines sein will“ und „Der Mensch ist ein freies geistiges Lebewesen“. Die Philosophie ist für ihn ein kreativer Vorgang, der die Erkenntnis der Wirklichkeit und unserer Wirklichkeitserlebnisses anstrebt.

Als Vertreter des „neuen Realismus“ geht er davon aus, dass wir Gegenstände und Tatsachen so erfassen können, wie sie wirklich sind und, dass es unendlich viele Sinnfelder gibt, in denen Gegenstände und Tatsachen existieren. Das Denken ist für ihn ein Sinn, wie das Hören oder das Sehen (man beachte auch die Doppeldeutigkeit des Titels). Weiterlesen

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Anita Brookner: Ein Start ins Leben

Mit 40 Jahren sitzt Dr. Ruth Weiss an ihrem Schreibtisch, lässt ihr Leben an sich vorüberziehen und fragt sich, was sie zu dem gemacht hat, was sie ist.

Zuallererst gibt sie den Büchern die Schuld, dass sie und ihr Leben so verkorkst sind, dass sie trotz ihrer unbestrittenen Vorzüge, meist ein zurückgezogenes, eigenbrötlerisches Leben führt. Als Literaturwissenschaftlerin haben es ihr besonders die Frauen bei Balzac angetan, bei ihnen sucht sie Halt und Antworten, aber auch andere Geschichten und Romane haben sie schon von frühester Kindheit an geprägt. Doch plötzlich wird ihr klar: Die moralische Erziehung, die sie durch die Literatur genossen hat, ist für den modernen Alltag einfach nicht tauglich.

Und darüber hinaus war niemand in ihrer Verwandtschaft geeignet, ihr einen Weg zu zeigen, wie sie zu einer selbstbewussten, emotional stabilen Frau werden konnte. Einzig das Verhalten der preußisch strengen, den Haushalt dominierenden Großmutter konnte bis zu deren Tod als Richtschnur dienen, die allerdings deutlich überholt war und aus der Zeit fiel. Mit einer im Theater, im Film und zuhause schauspielernden Mutter, die nie erwachsenen geworden war und mit der es nach dem unfreiwilligen Ende ihrer Karriere steil bergab ging und einem Vater, der nur zu gern mitspielte, die Mutter vergötterte, sich aber ab und zu auch seine kleinen Fluchten ohne sie nahm, war Ruth Weiss schon als Jugendliche der Spielball widerstreitender Interessen und trotzdem die einzige in ihrer Familie, die sich erwachsen benahm. Weiterlesen

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Majgull Axelsson: Dein Leben und meins

Auf dem Heimweg von Mumbai, wo ihre Tochter mit ihrer Familie wohnt, steigt die fast 70jährige Märit in Lund aus dem Zug. Über 50 Jahre war sie nicht in dieser Stadt gewesen. Es ist nicht so, dass sie das will, es ist vielmehr ein „zwingender Drang“, der sie antreibt. Eigentlich möchte sie nach Hause nach Stockholm. Allerdings ist unterwegs noch ein Abstecher in Norrköping eingeplant, um mit ihrem Zwillingsbruder Jonas, der nach einem Schlaganfall pflegebedürftig wurde, und dessen Frau Kajsa den runden Geburtstag zu feiern. Auch diesen Besuch macht Märit nicht ganz freiwillig: Kajsa, ihre ehemals beste Freundin, setzt sie unter Druck und möchte, dass die Geschwister, die sich ihr Leben lang nicht viel zu sagen hatten, auf ihre alten Tage versöhnen. Doch Märit gibt, wie so häufig, nach und sagt ihr Kommen zu.

Damit fordert sie den nächsten Streit mit „der Anderen“ heraus, die sie in ihrem Kopf immer dabei hat. Märit ist allerdings überzeugt davon, nicht verrückt zu sein, sie vermutet vielmehr, dass es sich bei der Anderen um die Stimme ihrer Schwester handelt, die bei der Drillingsgeburt gestorben war und deren Geist in sie hineingeschlüpft ist. Die Andere kommentiert Märits Gedanken und ihr Verhalten meist sarkastisch und giftig. Dabei hört sie die Andere nicht wirklich. Zu ihrer Psychologin hat Märit einmal über sie gesagt: „Das ist eher, als höre sie alles, was ich denke, und dann denkt sie genau das Gegenteil.“ Weiterlesen

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María Cecilia Barbetta: Nachtleuchten

Mitte der 1970er Jahre in Buenos Aires: Nach 15 Jahren im Exil kehrt Juan Péron, ehemaliger Präsident und Hoffnungsträger vieler Argentinier, zurück und wird erneut zum Staatsoberhaupt gewählt. Doch die Freude währt nicht lange: Péron kann viele Erwartungen, die in ihn gesetzt wurden nicht erfüllen, es herrscht Uneinigkeit über die Ausrichtung der Politik, das Land gerät mehr und mehr in einen Strudel von Chaos und Gewalt. Als Péron nur wenige Monate nach seiner Wiederwahl stirbt, spitzt sich die Krise weiter zu, bis die von seiner Frau Isabel Martínez de Perón geführte Regierung 1976 durch einen Militärputsch gestürzt wird.

In dieser Zeit siedelt María Cecilia Barbetta ihren neuen Roman „Nachtleuchten“ an. Er erzählt von „kleinen“ (und „größeren“) Leuten im Stadtteil Ballester, die versuchen, sich mit den Verhältnissen zu arrangieren, die aber auch Einfluss nehmen wollen auf die Entwicklung ihrer Umgebung und des ganzen Landes. Im Mikrokosmos Ballester leben Einwanderer aus vieler Herren Länder. Sie sind hier hergekommen, um für sich ein besseres Leben zu schaffen, manche haben das erreicht, manche haben noch ein ganzes Stück des Weges vor sich. Doch in diesen unruhigen Zeiten suchen alle etwas, an dem sie sich orientieren und festhalten können, etwas, das ihnen hilft, mit den Schrecken und Wirrnissen umzugehen und zuversichtlich in die Zukunft zu blicken. Weiterlesen

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Olivier Guez: Das Verschwinden des Josef Mengele

Als Helmut Gregor im Juni 1949 nach einer dreiwöchigen Überfahrt von Genua aus in Buenos Aires von Bord geht, ahnt keiner seiner Mitreisenden auf der North King, dass es sich bei ihm um den KZ-Arzt Josef Mengele handelt, der für den Tod unzähliger Menschen und für extrem grausame Menschenversuche verantwortlich ist. Mengele hat sich die Flucht und das neue Leben teuer erkauft. An Geld und Unterstützung fehlt es ihm nicht. Seine Familie steht hinter ihm, das Netzwerk der Nationalsozialisten ist intakt, die Fluchtroute sicher. Die Jahre nach dem Krieg hat er größtenteils versteckt auf einem Bauernhof verbracht. Zugute kam ihm hier – wie auch bei seiner kurzzeitigen Internierung durch die US-Armee 1945 -, dass er sich beim Eintritt in die SS der Blutgruppentätowierung verweigert hatte. Keiner schien ihn zu erkennen und wer ihn erkannte, verriet ihn nicht oder unterstützte ihn sogar.

Zunächst hält sich Mengele in Buenos Aires zurück, sucht keinen Anschluss, vermeidet es, deutsch zu sprechen. Doch dann lernt er Eberhard Fritsch kennen, den Gründer des Dürer-Verlages und Herausgeber der Zeitschrift „Der Weg“, „die Zeitschrift der Nostalgiker des Schwarzen Ordens“, wie Guez schreibt. Durch ihn und Willem Sassen, der später durch seine Interviews mit Adolf Eichmann bekannt wird, wird er in die Gesellschaft der Nationalsozialisten in Argentinien eingeführt. Man kennt sich, man hilft sich, bald ist es nicht mehr notwendig, die wahre Identität zu verschleiern, auch weil Präsident Juan Péron seine schützende Hand über sie hält. Weiterlesen

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Gabriele Tergit: Etwas Seltenes überhaupt: Erinnerungen

Bereits mit 19 Jahren begann Gabriele Tergit (Jahrgang 1894) für Zeitungen zu schreiben, doch nach einiger Zeit erkannte sie, dass sie dafür eigentlich zu wenig wusste. Deshalb beschloss sie, ihr „Abiturium“ zu machen und zu studieren, was sie – energiegeladen, wie sie war – auch in die Tat umsetzte.

Die journalistische Tätigkeit ließ sie nicht mehr los. Noch während des Studiums begann sie, Feuilletons zu schreiben, danach wurden Gerichtsreportagen ihr Spezialgebiet. Sie arbeitete für verschiedene Zeitungen, musste aber 1933 aus Deutschland fliehen, nachdem sie in ihrer Wohnung von der SA überfallen wurde. Nach ein paar Jahren in Palästina, siedelte sie nach England über, wo sie bis zu ihrem Tod 1982 blieb. Auch im Exil war sie produktiv, verfasste Texte für deutsche Zeitungen, Romane und Sachbücher. Für fast 25 Jahre, von 1957 bis 1981, hatte sie zudem im P.E.N.-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland das Amt des „Sekretärs“ inne.

Gabriele Tergit erzählt in ihren Erinnerungen von ihrem Werdegang, hat aber gleichzeitig die politische Entwicklung und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft im Fokus. Aus ihren Texten quillt der Zeitkolorit, sie verpackt wichtige Themen in unterhaltsame Texte und hat ihre Augen und Ohren immer dicht an den Menschen und an den aktuellen Ereignissen. Der Alltag wird lebendig und viele Details werfen ein neues, authentisches Licht auf die Vergangenheit. Weiterlesen

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