Melanie Metzenthin: Mehr als die Erinnerung

Friederike von Aalen lebt und arbeitet auf Gut Mohlenberg, einer Einrichtung für Menschen mit einer psychischen Erkrankung oder geistigen Behinderung in der Nähe von Lüneburg. Sie unterstützt ihren Vater, der diese Anstalt gegründet hat, vor allem bei der Verwaltung, aber auch zu den Bewohnerinnen und Bewohnern hat sie ein gutes Verhältnis. Manche kennt sie schon, seit ihrer Kindheit. Sie sieht – genau wie ihr Vater – in ihnen die Menschen, nicht nur die Patienten und weiß, dass oft mehr in ihnen steckt, als auf den ersten Blick sichtbar ist.

Ihren großen Traum, Ärztin zu werden, hat sie kurz vor ihrem Abschluss aufgegeben, um ihren Mann Bernhard pflegen zu können, der im 1. Weltkrieg bei einer Explosion eine schwere Kopfverletzung erlitten hat. Mühsam musste er wieder lernen, sich zu bewegen. Nun – im Jahr 1920 – ist er körperlich fast wieder hergestellt, aber sein Erinnerungsvermögen weist große Lücken auf und geistig ist er auf den Stand eines 5jährigen zurückgefallen. Die Ärzte machen Friederike keine großen Hoffnungen, dass sich sein Zustand noch weiter verbessern wird, doch sie steht treu zu ihrem Mann und kann sich ein Leben ohne ihn nicht vorstellen. Weiterlesen

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Axel Kutsch (Hrsg.): Versnetze_zwölf

Bereits seit 2008 gibt Axel Kutsch im Verlag Ralf Liebe jährlich die Versnetze heraus. Die Idee hinter den Netzen ist spannend, denn sie verbinden die Verse regional und über die Generationen hinweg. Innerhalb der großräumigen Sortierung nach deutschen Postleitzahlenbereichen erfolgt die Anordnung nach dem Alter der Autorinnen und Autoren – am Beginn stehen jeweils die Jüngsten. Die Bandbreite reicht vom Jahrgang 1929 bis 1997, wobei der Schwerpunkt deutlich auf den Jahrgängen zwischen 1940 und 1970 liegt. Hinzu kommt der „kleine Grenzverkehr“, in dem auch deutschsprachige Lyrikerinnen und Lyriker aus anderen Ländern zu Wort kommen.

Die Vielfalt der Sammlung ist beeindruckend, die unterschiedlichsten Stile und Themen sind vertreten. Rätselhafte Verse wechseln sich ab mit leicht verständlichen, gereimte mit ungereimten, konkrete mit abstrakten, heitere mit ernsten oder gar wütenden. Manche bestehen nur aus wenigen Worten, andere füllen eine ganze Seite. Weiterlesen

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Volker Langenbein: Totengräbers Tagebuch

Volker Langenbein, genannt Rusty, wuchs in einer Gegend auf, „in der man nicht überall spielen durfte, denn es konnte relativ schnell passieren, dass man eine Backpfeife sitzen hatte, wenn man in die ‚falsche Straße‘ kam.“ (Zitat aus Einleitung) Obwohl ihn seine Mutter liebevoll erzogen hatte, geriet er in kriminelle Kreise und er gibt unumwunden zu, dass er sich die „Leiter nach unten“ selbst gebastelt hatte. Was er trieb waren keine „Kleine-Strolche-Straftaten“ mehr. Als eine Haftstrafe im Raum stand, war ihm klar, dass er etwas ändern musste. Und er hat die Kurve gekriegt.

Nach verschiedenen Jobs landet er auf dem Friedhof – als Arbeiter in der „Gärtnertruppe“. Sein Kollege Manne begrüßt ihn locker und mit der Ansage, dass er sich keinen Stress machen soll. Und schon ist die Sache geritzt. Rusty gewöhnt sich ein und lernt schnell dazu. Laub rechnen, Hecken schneiden, Gräber gießen, zwischendrin schnell mal eine Kippe – alles kein Problem. Mit den Toten hat er nur aus der Ferne Kontakt. Sobald ein Trauerzug vorbeikommt, verschwinden die Gärtner in den Büschen.

Doch nach einem Jahr läuft sein Vertrag aus. Bei den Gärtnern ist nichts mehr frei. Aber weil sich Rusty bewährt hat, bekommt er von der Friedhofsleitung ein Angebot: Wenn er möchte, kann er bei den Totengräbern anfangen. Alles muss schnell gehen, er hat keine Bedenkzeit. Kurzentschlossen sagt er zu. „Einmal tief durchgeatmet und …A star was born! Oder: Ein Narr was born? Ich hatte keine Wahl. Also rein in den Untergrund. Rein in die Tatsache, Konfrontation Tod.“ (Zitat: Kapitel „Das erste Jahr“) Weiterlesen

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Pia O‘Connell: Ein irischer Todesfall

Im Juni 1994 folgt Elli O’Shea ihrem Mann Sean in seine Heimat Irland, im Schlepptau den vierjährigen Sohn Patrick, Neugier und Abenteuerlust, aber auch ein bisschen Wehmut. Die junge Familie kommt vorübergehend in der Kleinstadt Carlow unter, wo auch Seans Eltern und große Teile seiner Verwandtschaft leben.

Elli hatte noch kaum Gelegenheit, sich an das wechselhafte Wetter und die Retro-Einrichtung ihres möblierten Häuschens zu gewöhnen, als überraschend Seans Onkel Jim stirbt. Das Herz des wohlhabenden Wurst- und Pastetenfabrikanten war einfach stehengeblieben. Der Arzt kann keine Fremdeinwirkung feststellen, aber so genau hat er wohl auch nicht hingeschaut.

Die Beerdigung bietet Elli die Gelegenheit, Schwager und Schwägerinnen, Onkel und Tanten, Cousins und Cousinen in Augenschein zu nehmen. Besonders fällt ihr Michelle auf, Onkel Jims zweite Ehefrau, eine hübsche Blondine, die so gar nicht zu ihm gepasst hat, wenn man den Gerüchten glauben darf. Die meisten waren sich schon bei der Hochzeit einig gewesen: Michelle ist nur hinter Jims Geld her. „Warum sonst sollte sich so eine attraktive Frau mit so einem alten Dackel einlassen?“ Weiterlesen

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Elif Shafak: Unerhörte Stimmen

Im November 1990 liegt Tequila Leila am Stadtrand von Istanbul in einer Mülltonne. Entsetzt muss sie feststellen, dass ihr Herz nicht mehr schlägt und dass sie nicht mehr atmet. „So sehr sie es auch drehte und wendete – sie war tot.

Doch ihr Geist ist noch aktiv und in den nächsten 10 Minuten und 38 Sekunden erinnert sie sich an Stationen ihres Lebens: an ihre Geburt im Januar 1947, an ihre Tante (die eigentlich ihre Mutter und die zweite Frau ihres Vaters ist), an ihren Vater (der als Schneider Kleider im europäischen Stil näht, „die seine eigenen Angehörigen niemals hätten tragen dürfen“), an ihre Mutter (die eigentlich die erste Frau ihres Vaters ist, aber keine Kinder bekommen kann) und an das heimatliche Dorf in Ostanatolien, in dem die Nachbarsfrauen nach der Geburt die Nabelschnur aufs Schulhausdach werfen, damit aus dem kleinen Mädchen eine Lehrerin wird.

Doch das menschliche Gedächtnis war nun einmal wie ein Nachtschwärmer, der zu tief ins Glas geschaut hatte. Auch mit größter Anstrengung konnte es nicht gerade gehen, sondern torkelte, oft im Zickzack, durch ein kompliziertes Labyrinth, ohne jede Vernunft und stets kurz vor dem Zusammenbruch.“

Aus diesem Grund springen auch Leilas Gedanken hin und her. Sie wandern zu „Rabenmutter“ und ihrem Bordell, in dem Leila ihr Geld verdient hat, zu einem Sommer am Meer mit der Familie, der ihr Leben verändert hat und zu den fünf Menschen, die ihr nach ihrer Flucht nach Istanbul ihre Freundschaft geschenkt haben: Sabotage Sinan, Nostalgie Nalan, Jamila, Zaynab122 und Hollywood Humeyra. An ihnen hängt ihr Herz; und natürlich an ihrer großen Liebe D/Ali. Weiterlesen

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Libby Page: Im Freibad

Seit Kate nach London gezogen ist, fühlt sie sich einsam. Ihre Studienkollegen haben sie eingeschüchtert, ihre Mitbewohner in der WG sieht sie kaum, weil sie sich außerhalb der Arbeit die meiste Zeit in ihrem Bett verkriecht, oft mit einem Glas Wein zu viel. Durch die Straßen läuft sie nur mit gesenktem Kopf, die Panik ständig im Schlepptau. Zu „echten“ Menschen hat sie kaum Kontakt. Geschichten sind ihre Freunde. „Möglicherweise ist es Frühling, aber Kate lebt unter einer Wolke. Sie folgt ihr auf Schritt und Tritt, und wie sehr sie ihr auch zu entkommen versucht, sie scheint sie nicht abhängen zu können.“

In der Redaktion des Lokalblattes Brixton Chronicle, in der sie nach dem Studium gelandet ist, schreibt sie über verschwundene Haustiere und Straßenbauarbeiten, also „die Artikel, die weiter hinten stehen, aber nicht ganz hinten, wo die Sportseiten sind. Die Artikel, die nicht gelesen werden.“

Doch ihr Leben nimmt eine unerwartete Wendung, als der Chefredakteur Phil ihr den Auftrag gibt, über ein Freibad zu berichten, das geschlossen werden soll. Die Immobilienfirma Paradise Living möchte das Gelände kaufen und zu einem privaten Fitnessclub für die Bewohner ihrer Luxuswohnungen umwandeln, die in der Gegend aus dem Boden schießen. Zu Schwimmbädern hat Kate ein gespaltenes Verhältnis, aber sie nimmt den Auftrag an und trifft sich nicht nur mit dem Geschäftsführer, sondern auch mit Rosemary, der „treuesten Schwimmerin des Freibads.“ Weiterlesen

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Patrick Jacquemin: Der Duft von Gras nach dem Regen

Annabelle hat beruflich alles erreicht, was sie sich gewünscht hat. Sie ist ein Star in der Finanzwelt, hat eine Bank gegründet und muss sich um Geld keine Sorgen machen. Dafür arbeitet sie hart und dafür wird sie bewundert.

Doch privat läuft es nicht rund. Ihr Mann hat sich von ihr getrennt, sie teilen sich das Sorgerecht für ihre achtjährige Tochter Léna. Annabelle meidet – soweit es geht – Anlässe, bei denen Privates zur Sprache kommen könnte, denn dazu hat sie nur wenig zu sagen. Seit einer Weile fühlt sie sich nicht mehr wohl in ihrer Haut. Die Arbeit lenkt sie ab, kann sie aber nicht mehr befriedigen, wird sogar mehr und mehr zur Belastung.

Nach einem Essen mit Bekannten bricht sie zusammen. Wut paart sich mit Leere. Sie zweifelt am Sinn ihrer Arbeit und damit am Sinn ihres Lebens.

„Wofür ist es gut, verflixt, dass ich wie eine Kranke schufte? Dass ich von einem Termin zum nächsten hetze? Dass ich Erfolg habe? Wozu das alles?“

Sie sitzt in ihrem Auto und drischt so auf ihr Lenkrad ein, dass sich ein Passant schon Sorgen macht. Doch dann ist da diese verrückte Idee: Abhauen! Paris, die Firma, das Pflichtbewusstsein, die niederschmetternden Gefühle hinter sich lassen. Aufs Land fahren, wo sie aufgewachsen ist. Ruhe finden. Weiterlesen

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Jan Kuhlbrodt: Das Stockholmsyndrom

Herr Rudolph, Lehrer an einer Schule in Frankfurt, sitzt in der Dämmerung alleine in einer heruntergekommenen Lagerhalle. Eingesperrt. Als er nach dem Unterricht am Nachmittag aus seinem Stammcafé gekommen ist, hat ihn ein Fremder gepackt und in einen Lieferwagen gestoßen. Alles ging ganz schnell. Das einzige, was er von ihm gesehen hat, waren die eng beieinander stehenden Augen. Im Gedächtnis geblieben ist ihm auch das Wort „Hundsfott“, mit dem der Mann ihn beschimpft hat.

Ganz rational und logisch geht er an die Sache heran, schließlich ist er Mathematiklehrer. Er analysiert die Umstände anhand der wenigen Details, die ihm bekannt sind, denkt über den Sinn nach, entwirft für sich ein Bild der Situation, versetzt sich in den Entführer hinein, stellt ihn sich vor, sucht einen Ausweg aus der Lage.

Dann, nach ein paar Stunden, wird er wieder freigelassen. Ohne Erklärung. Ohne Lösegeldforderung. Einfach so. Er erzählt niemandem davon. Eigentlich hat er auch niemanden, den das interessieren könnte. Nur zu Frau Wicorek, der Sportlehrerin an seiner Schule, fühlt er sich hingezogen. Aber er hat sich ihr bisher nicht geöffnet. Seine sozialen Kontakte halten sich in engen Grenzen. Weiterlesen

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Remy Eyssen: Mörderisches Lavandou

Herbst an der Côte d’Azur. Nur noch wenige Touristen finden den Weg in das Städtchen Le Lavandou, die Einheimischen sind wieder unter sich. Leon Ritter – Rechtsmediziner und halber Franzose – freut sich auf die ruhige Zeit, in der er öfter in seinem Stammbistro sitzen oder Boule spielen kann. Schließlich war das einer der Gründe, warum er die Frankfurter Universitätsklinik verlassen und eine Stelle in der südfranzösischen Provinz angenommen hat. Mehr Zeit mit seiner Lebensgefährtin Isabelle Morell zu verbringen, die stellvertretende Polizeichefin im Ort ist, hat natürlich auch seinen Reiz.

Doch dann meldet Robert Bonnet seine Tochter Françoise als vermisst. Bonnet hat Pierre Roussel, den Freund seiner Tochter, in Verdacht, einen jungen Mann, der mit einer Autoshow im Ort Station macht und schon öfter in Konflikt mit dem Gesetz war. Isabell nimmt sich mit einem Kollegen der Sache an, findet aber zunächst keine Ansätze für eine Ermittlung. Weiterlesen

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W. Schiffer & D. Gücyeter (Hrsg.): Cinema: Lyrikanthologie

Kino, Cinema, Film – jede und jeder hat dazu wohl andere Assoziationen und Inspirationen. Der Elif Verlag hat Lyrikerinnen und Lyriker eingeladen, sich mit diesem Thema zu beschäftigen und die entstandenen Werke in der neuen Lyrikanthologie „Cinema“ versammelt, die so vielfältig ist, wie das echte, wahre und erfundene Leben innerhalb und außerhalb der Kinos.

Nicht nur Jenseits von Afrika, Jurassic Park, Cinderella und Mad Men, Aki Kaurismäki, Jim Jarmusch, Alfred Hitchcock und Stanley Kubrick, Porno-, Dokumentar-, Spiel- und Zeichentrickfilme, Isabelle Huppert, Tilda Swinton, Laurel und Hardy, bekannte und unbekannte Filmschaffende, Besucherinnen und Besucher und natürlich Kino und Film „an sich“ – als Gefühl, als Eindruck, als Zufluchtsort und Traumraum – haben in dieser abwechslungsreichen Anthologie größere und kleinere Auftritte. Umrahmt wird die Lyrik von gelungenen Filmidol-Collagen von Stefan Heuer, der auch mit einigen Gedichten darin vertreten ist. Weiterlesen

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