Kristine Bilkau: Nebenan

Die deutsche Journalistin und Schriftstellerin Kristine Bilkau (Jahrgang 1974) hat nach ihrem Debütroman „Die Glücklichen“ aus dem Jahre 2015 und „Eine Liebe, in Gedanken“ (2018) nun ihren dritten Roman veröffentlicht. „Nebenan“ erschien am 8. März 2022 im Luchterhand Literaturverlag.

Darin leben Julia, Keramikerin, Ende dreißig mit unerfülltem Kinderwunsch, und ihr Mann Chris, Biologe, und Astrid, Ärztin, Anfang sechzig, kurz vor dem Ruhestand, und ihr Mann Andreas, ehemaliger Geschichtslehrer, in einem Dorf am Nord-Ostsee-Kanal. Julia und Chris sind aus Hamburg neu zugezogen. Astrid und Andreas leben schon ewig hier.

Julia hat in der nahen Kreisstadt, in der auch Astrid ihre Arztpraxis hat, einen Keramikladen aufgemacht. Aber sie fürchtet sich vor Kunden. Lieber verkauft sie ihre Produkte über das Internet. Dort surft sie stundenlang auf den Seiten von lauter „Happy Moms“ in ihren geschönten Familien und Haushalten und von einem Forum für Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch.

Astrid, Mutter von drei erwachsenen Kindern, sucht vergeblich seit einiger Zeit nach einem/r Nachfolger/in für ihre Hausarztpraxis. Sie kümmert sich um ihre alte Tante Elsa, bei der sie als Kind mit ihrer Mutter und ihrer Schwester gewohnt hat. Elsa ist eine Nachbarin von Julia und Chris.

Julias Nachbarn von „Nebenan“, eine Familie mit kleinen Kindern, die in einem großen, häßlichen Gelbklinkerhaus gewohnt hat, ist seit den Neujahrstagen verschwunden. Eines Tages beobachtet Julia, wie ein Junge durch den Nachbarsgarten und um das verlassene Haus streift.

Während sich Julia in Spekulationen über das (möglicherweise verhängnisvolle) Schicksal der Familie verliert, erhält Astrid plötzlich Drohbriefe. Chris und Andreas, die Ehemänner, bleiben ahnungslos.

So schleicht sich eine diffuse Bedrohung und Angst in das Leben der beiden Frauen. Und irgendwann kreuzen sich ihre Wege.

Kristine Bilkau schreibt über eine sich in Auflösung befindliche Nachbarschaft von „Nebenan“, wie sie sich in aktuellen Zeiten überall beobachten läßt. Unter den Schlagworten „Cocooning“ oder „Hygge“ treiben die Trends zum Rückzug ins Private große Blüten. Die Corona-Pandemie hat dazu einen zusätzlichen, destruktiven Beitrag geleistet. So bindet Bilkau ihre Protagonistinnen in heutige soziale und gesellschaftliche Entwicklungen ein. Und macht ihr Unglück mit Einsamkeit und Rückzug deutlich. Gemein- und Sozialwesen, Nachbarschaft, Ehrenamt – alles im Verfall begriffen. Orte der Begegnung werden vernichtet, Nachbarn sind sich unbekannt, das Internet wird zum scheinheiligen Zufluchtsort für alle Fragen des (Zusammen-) Lebens.

Kristine Bilkau lässt ihre Figuren langsam und leise leiden. Das ist nichts für ungeduldige Lesende. Die norddeutsche Landschaft jenseits der großen Städte und ihre eher wortkargen Bewohnerinnen und Bewohner bilden eine unaufgeregte Kulisse für die Geschichte zweier Frauen unterschiedlicher Generationen. Während Julia ihr Leben ausschließlich unter dem Aspekt ihres unerfüllten Kinderwunsches betrachtet und diesem alles unterzuordnen scheint, steht Astrid an der Schwelle zu dem neuen Lebensabschnitt Ruhestand, der sie vieler Kontakte und Begegnungen berauben wird und der sie zwingt, über das Alter und das Altern nachzudenken. Die Besorgnis und Angst beider Frauen vor der Zukunft lässt Bilkau in dem seltsamen Verschwinden der Nachbarsfamilie und in den ominösen Drohbriefen ständig mitschwingen. Einzig Astrids alte Tante Elsa kommt selbstbewußt und emanzipiert daher und nimmt ihr Leben selbstbestimmt in beide Hände. Auch dem herumschleichenden Jungen kommt noch eine besondere Rolle und Bedeutung zu.

Und doch schafft Kristine Bilkau in ihrem lesenswerten Buch am Ende eine durch und durch tröstliche Perspektive. Und die heisst „Vertrauen in einen anderen Menschen“.

Kristine Bilkau: Nebenan.
Luchterhand Literaturverlag, März 2022.
288 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.

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4 Kommentare zu “Kristine Bilkau: Nebenan

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