Johan Bargum: Nachsommer

Weiß man eigentlich jemals, was vor sich geht?, beginnt der erste Satz in dem schmalen, nur 144 Seiten starken Roman des finnischen Autors Johan Bargum. Am Ende wird klar, was den Ich-Erzähler Olof zu dieser Frage bewogen hat.

Die Handlung ist in eine idyllische Schärenlandschaft eingebettet, in der die ruhig fließende Geschichte immer wieder von aufgeladenen Spannungen durchbrochen wird. Dazwischen liest man schöne Sätze wie: Zwischen ihren Brüsten nehme ich einen Duft wahr, den es vielleicht in einer Wiege gibt, in etwas das nicht einmal eine Erinnerung ist… (S.32)

Als die Mutter von Olof und seinem jüngeren Bruder Carl im Sterben liegt, kommt Carl mit seiner Frau Klara und zwei Söhnen widerwillig aus den USA zurück in das Haus in den Schären. Die Brüder hatten über all die Jahre, seit Carl in Amerika lebte, keinerlei Verbindung. Auch zu Klara, die Olof für eine kurze Zeit einmal viel bedeutet hatte, gab es keine Kontakte.

In Rückblicken verdeutlicht Bargum die unterschiedlichen Charaktere der Brüder: Schon während ihrer Kindheit, die von Rivalitäten geprägt war, dominierte Carl über den um zwei Jahre älteren Olof, der nicht die Kraft und Chance hatte, sich durchzusetzen. Immer wieder war er den Demütigungen des Bruders ausgesetzt. Die Mutter, die dem jüngeren Carl stets mehr zugewandt war, trug sicher Wesentliches dazu bei, dass Olof schon früh von  Selbstzweifeln und Schuldgefühlen geplagt war. Selbst für die Zeit nach ihrem Tod hat sie eine Regelung getroffen, die Olof dem Bruder gegenüber benachteiligt.

Dass Tom, der von Olof ungeliebte Freund der Mutter, immer wieder Olofs Selbstvertrauen stärken und die Unterschiede ausgleichen wollte, wird Olof erst spät klar.

Am Ende hinterfragt Olof sein Leben und seine vertanen Chancen.  Waren diese immer nur dem eigenen Unvermögen geschuldet? Sind die  Ungerechtigkeiten, denen er ausgesetzt war, verantwortlich für seine persönlichen Unzulänglichkeiten? Hätte sein Leben einen  anderen Verlauf genommen, wenn er sein Phlegma überwunden hätte?

Keine Füllwörter, keine überflüssigen Zeilen, keine unbedeutende Handlung. – Bargum konzentriert sich auf das, was wichtig ist.

Dabei verleiht er, wie auch seinem 2014 erschienenen Roman „Septembernovelle dieser Geschichte eine besondere Atmosphäre.

Johan Bargum: Nachsommer.
mare, Februar 2018.
144 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Annegret Glock.

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