Fredrik Backman: Britt-Marie war hier, gelesen von Heikko Deutschmann

brittBritt-Marie war ihr Leben lang angepasst. Angepasst an die Gesellschaft, in der sie nur als Hausfrau lebte. Angepasst an ihre Mutter, die ihr bis zu ihrem Tod das Gefühl vermittelte, bei diesem Autounfall in der Kindheit sei die falsche Tochter gestorben. Angepasst an einen Mann, der meint, sie brauche doch keinen Beruf. Jetzt ist sie 63 und findet heraus, dass ihr Mann sie betrügt. Sie geht.

Aber was macht man mit 63, wenn man plötzlich allein dasteht? Britt-Marie geht zur Arbeitsvermittlung und bleibt hartnäckig, bis man ihr eine Stelle als Hausmeisterin in Borg vermittelt. Borg? Borg ist das Überbleibsel einer Stadt, die einmal eine Zukunft hatte. Jetzt ist nichts geblieben außer einer großen Straße, die die meisten Einwohner am liebsten zur Flucht nutzen würden und – der Fußball. Davon versteht Britt-Marie zwar nichts, aber sie versteht die Unordnung, die in „ihrem“ Jugendzentrum ebenso herrscht wie in den Köpfen der Menschen von Borg. Sie beginnt, die Dinge in Ordnung zu bringen, so wie sie es gelernt hat. Mit Lappen und Putzmittel.

Britt-Marie versteht nichts von Fußball, aber sie ist bereit, sich auf die Jugendlichen einzulassen und deswegen ändert sich etwas: Weil Britt-Marie hier war.

Das Hörbuch ist ähnlich aufgebaut wie schon „Ein Mann namens Ove“. Die Protagonistin ist zunächst ein Klischee – eben die berufslose Hausfrau mit allen ihren Eigenschaften – und im Verlauf der Handlung gelingt es ihr, eben durch alle diese Eigenschaften, die zunächst so verachtungswürdig und peinlich anmuten, etwas zu erreichen. Das hat bei Ove hervorragend funktioniert und tut es auch bei Britt-Marie. Fredrik Backman schreibt ebenso warmherzig wie intelligent über die, von denen wir alle glauben, wir würden sie doch so genau kennen. Aber bei Backmann sind sie eben nicht so, sind sie plötzlich ganz anders, wenn es darauf ankommt. Das öffnet den Horizont des Zuhörers und bringt zum Nachdenken, zum Offener-Werden, zum Toleranter-werden. Hier hat Backman seiner Protagonisten noch weitere Klischees gegenübergestellt: Ebens die Einwohner von Borg, die zunächst auch genauso zu sein scheinen, wie es jedes Vorurteil glaubt. Aber auch sie gewinnen im Laufe des Hörbuchs Konturen und werden tiefer.

Fazit: Ein echter Backmann, den man nicht verpassen sollte.

Fredrik Backman: Britt-Marie war hier, gelesen von Heikko Deutschmann.
Argon Verlag, Juni 2016.
6 CDs, 15,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Regina Lindemann.

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