Donal Ryan: Die Stille des Meeres

Der Ire Donal Ryan (Jahrgang 1976) stand 2018 mit seinem Roman „From a Low and Quiet Sea“ auf der Longlist des Man Booker Prize. Der Diogenes Verlag veröffentlichte am 26. Mai 2021 die deutsche Erstausgabe des Buches unter dem Titel „Die Stille des Meeres“ in einer Übersetzung von Anna-Nina Kroll. Es ist Donal Ryans viertes Buch.

Donal Ryan erzählt in „Die Stille des Meeres“ die Geschichte dreier Männer, Farouk, Lampy und John, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben.

Der syrische Arzt Farouk Alahad flüchtet mit seiner Frau und seiner Tochter über das Mittelmeer aus seiner Heimat. Das Boot kentert bei stürmischer See. Farouk wird geborgen. Die  Suche nach seiner Familie beginnt.

Der junge Ire Laurence (Lampy) Shanley hat Liebeskummer. Er lebt mit seinem Großvater Dixie (Pop) und seiner Mutter Florence in einer kleinen Stadt. Seine Freundin Chloe hat mit ihm Schluss gemacht und studiert jetzt in Dublin. Lampy arbeitet in einem Altenheim. Er kennt seinen leiblichen Vater nicht.

John ist ein fieser Typ. Er hat sein Leben damit zugebracht, Menschen auszunutzen und zu betrügen. Jetzt ist er alt, krank und sucht nach Vergebung.

In der irischen Kleinstadt treffen die drei Männer aufeinander.

Donal Ryan gibt jeder Figur ein Kapitel in seinem Roman. Da ist zunächst der furiose Auftakt mit dem Schicksal des syrischen Flüchtlings Farouk: ein traumatisierter Charakter, der die immer gleiche Geschichte von dem schönen Mädchen erzählt, das von einem hässlichen alten König gefangen gehalten wird. Mit eindrücklichen Worten voller Kraft beschreibt Ryan die Bedrohung im syrischen Heimatland, die Tricks der Schlepperbande, die Katastrophe auf See und das Leben im Flüchtlingslager. Als Ryan das Buch schrieb, war die Flüchtlingskrise noch nicht durch die Pandemie in den Hintergrund gedrängt worden. Dieses Anfangskapitel bleibt mir als Lesende am nachhaltigsten in Erinnerung.

Dann Lampy, dieser junge Mann, der vaterlos aufgewachsen ist und der nun mit seinem Leben hadert, weil ihn seine Freundin verlassen hat. Wieder gelingt es Ryan mühelos und glaubhaft dieser ganz anderen Figur eine Stimme zu verleihen. Lampy muss seine erste große Liebesenttäuschung verkraften. Dabei ist er so mit seinen verletzten Gefühlen beschäftigt, dass er einen großen Fehler begeht. Aber dies begreife ich erst, als ich das Buch zu Ende gelesen habe. In diesem Kapitel gibt es außerdem eine überzeugende (ebenfalls männliche) Nebenfigur,  die später im Ausgang der Geschichte eine große Rolle spielt: Lampys Großvater Pop mit seinen Witzen und seiner tiefen Zuneigung zu seinem Enkel.

Mit John im dritten Kapitel hat Donal Ryan einen Bösewicht erschaffen. Die jämmerlichen Abbitten und der Wechsel zu einem Ich-Erzähler geben diesem Kapitel einen ganz neuen Ton.

Donal Ryan erzählt vom männlichen Selbstverständnis, vom männlichen Stolz, von männlichen Rollen und von den Erschütterungen, die Männer erfahren, wenn sie diesen nicht entsprechen können. Als Bild für diese Erschütterungen wählt Ryan das Meer, diesen Sehnsuchtsort der Menschen, das in Wirklichkeit wilde, gnadenlose Natur ist.

Drei Figuren? Drei Geschichten? Ja und nein, denn im letzten Kapitel „Seeinseln“ führt Donal Ryan die Figuren und Geschichten zusammen. Auf eine sehr überraschende Art. Und damit landet er einen Coup.

Die Dramaturgie von „Die Stille des Meeres“ ist grandios und steht im krassen Gegensatz zu dem Titel. Die Idee, die losen Fäden so zu verknüpfen, wie er es am Ende macht, ist voller Tragik und Wucht. Und dieses gehauchte „Wow“, das mir zum Schluss entschlüpft, macht aus einem guten, ein sehr gutes Buch.

Donal Ryan: Die Stille des Meeres.
Diogenes, Mai 2021.
288 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.

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