Bernhard Schlink: Abschiedsfarben

Bernhard Schlink hat in seinem Erzählband Abschiedsfarben neun Geschichten versammelt. In unterschiedlichsten Handlungen leuchtet er die Facetten des Abschiednehmens aus – von Trauer und Melancholie bis hin zu Chancen und Glück. Entsprechend der jeweiligen emotionalen Verflechtungen seiner Personen werden deren Abschiede jedes Mal anders erlebt und empfunden.

So lesen wir in Picknick mit Anna von der Verbindung eines älteren Protagonisten zu einem heranwachsenden Mädchen, das er durch die Jahre begleitet, später enttäuscht wird und erst erlöst wird, als er den frühen gewaltsamen Tod des Mädchens rächt.

In Geschwistermusik geht es um Erinnerungen eines Mannes an die Jugendfreundschaft zu einem Mädchen und deren Bruder. Die Schicksale aller erfahren nach einem späteren zufälligen Wiedertreffen eine völlig andere Gewichtung.

Das Amulett ist eine Geschichte über die Beziehung zweier Frauen zu einem Mann, der nicht mehr lange zu leben hat.

Geliebte Tochter erzählt von der Beziehung von Bastian und Theresa, weiter von Mara, Theresas Tochter und deren Kinderwunsch, in dem Bastian eine ungeahnte Rolle einnimmt.

In Der Sommer auf der Insel lesen wir von den Ferien eines Jungen mit seiner Mutter auf einer nordischen Insel, seinen ersten Erfahrungen mit Mädchen dort und der gleichzeitigen Erkenntnis, dass seine Mutter sich einem fremden Mann hingibt.

Der Erzähltitel Daniel, my Brother, ist Elton Johns gleichnamiger Ballade entnommen und handelt vom Freitod eines Ehepaars. Der Bruder des Mannes kann endlich nach langem abermaligen Hören des Songs seine Trauer leben. Eine Trauer über alles was hätte sein können und darüber, was der Bruder nicht leben, nicht erleben konnte.

Altersflecken handelt vom siebzigsten Geburtstagsfest des Protagonisten und dessen Erinnerungen an die Vergangenheit. Erinnerungen an das Scheitern seiner großen Liebe oder an das Lachen seiner Großmutter: auch ihr Lachen war ihm wieder im Ohr, wie kleine Äpfel, die aus einem Korb auf den Tisch kullern (eBook S. 209).

In „Jahrestag kommt der Protagonist zu der Erkenntnis, dass er, der alte Mann, aus dem Leben einer jungen Frau verschwinden muss, um sie während seines Älterwerdens nicht zu enttäuschen.

Schlinks Figuren haftet ein beunruhigendes Innenleben an, in das man immer weiter vordringen möchte. Seine Geschichten vermitteln ausgereifte und komplexe Inhalte, deren Gewichtung durch die unerwarteten Wendungen und der komprimierten Erzählweise noch verstärkt wird.

Bernhard Schlink: Abschiedsfarben.
Diogenes, Juli 2020.
240 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Annegret Glock.

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