Raffaella Romagnolo: Wir gehen mal los

Die italienische Schriftstellerin und Lehrerin Raffaella Romagnolo (Jahrgang 1971) hat einen neuen Roman geschrieben. „Wir gehen mal los“ ist am 20. Mai 2026 in einer Übersetzung von Peter Klöss im Diogenes Verlag erschienen.

Eine Familie in Trauer
Ich bin spät dran mit diesem schmalen Buch einer Coming-of-Age-Geschichte. Aber das Lesen hat sich gelohnt. Raffaella Romagnolo erzählt von Amedeo Filiberto Maria Ghisleri, einem sechzehnjährigen Jungen in der Pubertät, dessen Mutter Anna vor einem Jahr bei einem Autounfall gestorben ist. Amedeo verkriecht sich seitdem hinter seinen langen Stirnlocken, hinter Heavy Metal und Videospielen. Amedeo schwänzt die Schule, er liebt seinen Kater Oliver und er mag Lucilla Colombo, seine neue Mitschülerin. Und er vermisst seine Mutter Anna zutiefst. Sein Vater, der Ingenieur Giandomenico Ghisleri, bemüht sich redlich, den Familienalltag mit Routinen zu bewältigen, auch um Amedeos jüngerem Bruder Lorenzo Halt zu geben. Aber Giandomenico befürchtet, den Kontakt zu Amedeo, zu Ame, zu verlieren. Er verordnet ihnen eine Wanderung in den Bergen. Zu zweit auf die 3453 Meter hohe Punta Liberté – und so beginnt Raffaella Romagnolo ihre Geschichte:

„Eins steht fest für Amedeo: Der Ingenieur Giandomenico Ghisleri, sein Vater, ist ein Arsch.“ (S. 7)

Die Wanderung wird für den Vater, aber noch viel mehr für den Sohn zu einer Prüfung zurück ins Leben.

Aus der Sicht des Jungen erzählt Raffaella Romagnolo über den Schock, die Trauer und die Sprachlosigkeit in der Mailänder Familie Ghisleri angesichts des Todes der Mutter. Anna, die für Ame so wichtig war. Und wie Romagnolo diese Bedeutung in Worte fasst, hat mich tief beeindruckt:

„»Lass uns darüber reden.« (Vor einer Tasse heißer Milch mit viel Kakao.)
»Stimmt etwas nicht, Ame?« (Eine Scheibe Brot butternd.)
»Ist es wegen eines Mädchens?« (Errötend.)
»Alles in Ordnung mit deinen Schulkameraden?« (Während sie in der Spüle Gemüse wäscht oder mit energischen Armbewegungen das Püree umrührt und die Haarlocke wegbläst, die sich aus ihrem Pferdeschwanz gelöst hat.)
Sie bevorzugt den Dialog.“ (S. 12/13)
Da ist die ganze traurige Verlassenheit eines Kindes spürbar. Und die Hilflosigkeit des Vaters in seiner eigenen Trauer, seinem eigenen Verlust, ein Anker für die Söhne zu sein.

Raffaella Romagnolos „Wir gehen mal los“ geht zu Herzen
Romagnolos Erzählung ist niemals kitschig oder tränendrüsig. Und deshalb so zu Herzen gehend. Die Wanderung von Vater und Sohn ist der Versuch des Erwachsenen, jenseits von Sprache und Kommunikation wieder eine Beziehung zu seinem Kind herzustellen. Und dieses Experiment gelingt, aber erst zu dem Zeitpunkt, an dem sich die Rollen von Vater und Sohn umkehren. Romagnolo erzählt in wunderbarer Weise in ihrer schönen Sprache, wie Amedeo wieder Vertrauen fassen kann in sich selbst, in seinen Vater und damit auch wieder in das Leben. Einen kleinen Kritikpunkt habe ich noch zum Schluss: Der Roman heißt in der Originalfassung (2019) „Respira con me“ („Atme mit mir“) nach der Textzeile aus einem Lied, das Amedeo nachts im Bett hört, und hat deutlich mehr Tiefgang als der deutsche Titel „Wir gehen mal los“.
Davon abgesehen ist dieser Roman ein kleines literarisches Glanzstück. Bitte lesen!

Raffaella Romagnolo: Wir gehen mal los
Aus dem Italienischen von Peter Klöss
Diogenes Verlag, Mai 2026
176 Seiten, Hardcover, 24,- Euro

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.

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