Venedig und Krakau 1983
Wanda, eine junge polnische Sozialpsychologin, fliegt von Krakau nach Venedig, um dort den Kybernetiker und polnischen Emigranten Mrugalski , der etwa im Alter ihres Vaters ist, zu interviewen. Wir befinden uns im Jahr 1983, mitten im Kampf der Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc für ein Mehr an Freiheit und Demokratie im sozialistischen Staat.
Also ein Vater-Tochter-Konflikt? Vergangenheit – Gegenwart? Ost – West? Anpassung -Widerstand?
Wir springen hin und her zwischen einem Venedig, das wir nicht kennen, weil Rialto-Brücke und Markusplatz nicht vorkommen, und einem Krakau der frühen 80er Jahre, das die meisten auch nicht kennen, denn kaum hat es in jenen Jahren Reisende dorthin verschlagen. Lech Walesa kommt nicht vor, dafür Menschen, die für ihr Engagement bespitzelt werden, einsitzen oder von der Flucht träumen wie Marian, Wandas Freund. Andere bleiben und packen Hilfspakete für die durch Verfolgung verwaisten Familien.
Gulag und Nach-Krieg
Wir springen in die Zeit des 2. Weltkrieges im russisch besetzten Polen, in der Mrugalski in den brutalen Fängen des Gulag landet und nur knapp überlebt, weil Polen auf einmal gemeinsame Sache macht mit den Deutschen.
Der Krieg ist vorbei, wir sind in Krakau im Jahr 1945: Mrugalski hat, am Ende seiner Kräfte, gerade seine jüdische Frau Krystyna wiedergefunden und ist zusammen mit anderen Überlebenden Teil der sowjetischen Verwaltung und verhört Verdächtige. Womöglich foltert er sie, wie den Vater von Wanda zum Beispiel, der als Lehrer mit einer allzu alltäglichen Bemerkung unter Verdacht geraten ist und unter den Folgen ein Leben lang leidet.
Spiele, Experimente
Zwischendrin landen wir im Los Angeles der frühen 60er Jahre. Dort setzt sich Professor Mrugalski, der längst nach London emigriert ist, mit Kybernetik, Spieltheorie und sozialpsychologischen Experimenten auseinander. Unter welchen Bedingungen mischt sich der Mensch ein, leistet Hilfe und wann dreht er sich weg? Entscheidungssituationen – darum geht es in den einzelnen Kapiteln, sei es 1983, 1934 oder 1945: Jedes Mal sind Menschen hin- und hergerissen zwischen Verrat und Solidarität. Nawrat setzt seine Figuren mit jeder Szene einem neuen existentiellen Spiel aus: Es ist das Spiel, das das 20. Jahrhundert beherrschte und das offenbar in der Gegenwart noch einmal und ganz neu von uns gespielt werden muss. Wie werden wir uns diesmal entscheiden?, auch das fragt der Autor mit diesem Roman.
Die Gespräche zwischen Wanda und dem freundlichen, mal charmanten, mal ruppigen älteren Herrn verlaufen tastend, sie werden abgebrochen, aber von beiden Seiten beharrlich, manchmal fast trotzig wieder aufgenommen. Die beiden gehen einkaufen, lassen sich von Mrugalskis jüdischer Frau Krystyna bekochen, stromern durch die düstere Vorortlandschaft des eigentlich so schönen Venedigs, die hier der verkommenen und verlassenen Stadtlandschaft in Wandas Heimat merkwürdig ähnlich scheint. Ist es noch ein Interview oder längst schon ein Verhör? Unterzieht sich Mrugalski mit Hilfe von Wanda einer moralischen Selbstvergewisserung oder entzieht er sich ihrem und seinem eigenen Urteil?
Autor
Matthias Nawrat, Jahrgang 1979, ist selbst in Polen aufgewachsen und mit 10 Jahren zusammen mit seinen Eltern nach Deutschland emigriert. Er lebt in Berlin und hat schon etliche Romane veröffentlicht und literarische Preise bekommen. In diesem Jahr erhielt er den Berliner Literaturpreis für sein bisheriges Werk.
Langeweile und Glück – Erzählweise und Figuren
Seine Erzählweise ist reduziert und sparsam, durchzogen von atmosphärisch aufgeladenen und sprachlich elegant erzählten Passagen. Es ist kein Roman zum Träumen und Sich verlieren, die LeserInnen müssen sich in immer neue Situationen hineinbegeben und sich auf unterschiedlichste Orte, Zeiten und Figuren einlassen. Aber sie werden mitgerissen, weil sie es schließlich wissen wollen, was es mit Mrugalski und Wanda auf sich hat, ob es eine Antwort gibt auf all die aufgeworfenen Fragen.
Mrugalski steht uns am Ende lebhaft vor Augen, mit seinen Schwächen und Stärken. Ebenso seine herzliche und umsichtige Frau Krystyna. Auch in Wandas Freund Marian können wir uns hineindenken: Um die unentschlossene Wanda nicht in Gefahr zu bringen, flieht er ohne Abschied ins Ausland. Zu seiner Freundin sagt er: „Es gibt nichts Besseres als ein langweiliges Leben“. Es ist wohl das, was Nawrat ein „glückliches Schicksal“ nennen würde.
Nur die Erzählerin Wanda, sie bleibt seltsam farblos, fast wie ein unbeschriebenes Blatt. Wie wird sie sich entscheiden? Vielleicht hat der Autor die Figur deshalb so angelegt, damit wir, die LeserInnen, Wandas Denkprozess übernehmen und uns selbst die Fragen stellen, die dieser Blick auf die jüngste europäische Vergangenheit so dringlich aufwirft.
Unbedingte Leseempfehlung!
Matthias Nawrat: Das glückliche Schicksal
Rowohlt, März 2026
272 Seiten, gebundene Ausgabe, 24,00 Euro
Die Rezension wurde verfasst von Franziska Hielscher.
