Neuer Roman der Deutschen Buchpreisträgerin
Sie findet die Poesie im Alltäglichen, das Große im Kleinen, den Menschen in der Natur. Die Gewinnerin des Deutschen Buchpreises 2024 präsentiert in ihrem neuen Roman ihr ganzes schriftstellerisches Können. Ruhig und präzise zugleich, reißt sie die großen Themen der Welt an, indem sie ganz nah in ihrer Umgebung bleibt. Das liest sich unglaublich schön, das berührt auf einer tieferen Ebene beim Lesen.
Zur Story: Iona Bartoschek verbringt den Sommer in einer umgebauten Halle in einer ehemaligen Tagebauregion im Leipziger Neuseenland. Weitestgehend abgeschottet von der Zivilisation möchte die Installationskünstlerin an einem neuen Projekt arbeiten: die Natur der Region in 5000 Jahren. Doch dies ist nur die halbe Wahrheit. Ein Anschlag auf ihr persönlichstes und wichtigstes Kunstwerk, ein Baumhaus, hat sie tief getroffen, ohne dass sie es sich eingestehen will. Ausgerechnet Künstlerkollege Herto Strauss hat es in aggressivem Orange auf einer Ausstellungseröffnung mit dem Schriftzug „Bullshit“ besprüht.
Zwischen Kuhweide und Kunsthochschule
Neben dem offensichtlichen Zerstörungsakt begleiten wir Iona in ihre Vergangenheit und erfahren, warum dieses Kunstwerk ihr so wichtig ist. Es ist dem Baumhaus ihrer Kindheit nachempfunden, das sie selbst gebaut hat. Als Kind im Ostallgäu aufgewachsen, die Sommer auf der Alm mit den Eltern und ihren geliebten Kühen verbracht, ist Iona anders als andere Mädchen. Sie liebt die Tiere und die Natur über alles, sie ist ein selbstständiger Charakterkopf und handwerklich begabt. Da sie häufig Jungs „geschultert und aufs Kreuz gelegt hat“, haben alle Respekt vor ihr und halten Abstand. Bis auf ihren Jugendfreund Zia, ebenfalls ein Sonderling mit langen Haaren.
Ungewöhnlich starke Frauenfigur
Wie das Mädchen mit dem Berufswunsch Kuhhirtin letztendlich an der Kunstschule Leipzig gelandet ist, hat einen tragischen Hintergrund. Genauer gesagt „ein einfaches, privates Alpendrama“ (S. 121). Martina Hefter zeichnet eine faszinierende Frauenfigur, durchzogen von scheinbaren Ambivalenzen, zumindest gemessen an stereotypen Einordnungen. Eine Frau, eigenbrötlerisch, physisch stark, selbstbestimmt und in Künsten bewandert, die eigentlich Männern vorbehalten sind. Darunter eine intellektuelle, feinsinnige Note, die meist nur in Verbindung mit Kunst und der Natur zum Vorschein tritt, aber weniger im Umgang mit Menschen. Die meidet sie gerne. „Ich habe immer alles alleine gemacht. (…) und das ist das eigentlich Traurige am Alleinsein, dass einem niemand glaubt, wenn man sagt, man sei glücklich.“ (S. 161)
Doch in diesem Sommer wird sich vieles verändern. Es sind kleine Ereignisse, die ihr in der Summe zu einer neuen Perspektive verhelfen. Die Erkundung der Umgebung, ein Sommer in den Klauen des Klimawandels, eine zugelaufene Hündin und zwei eigenwillige Wesen aus dem Umfeld ihres Vermieters, auf die sie aufpassen soll.
Spannungsfeld zwischen Mensch und Natur
Martina Hefter regt zum Denken an, indem sie Spannungsverhältnisse darstellt. In ihrem mit dem Deutschen Buchpreis 2024 ausgezeichneten Roman „Hey guten Morgen, wie geht es dir?“ war es das Spannungsfeld aus digitaler und analoger Welt sowie zwischen den unterschiedlichen Lebensrealitäten in Industrie- und Entwicklungsländern. In diesem Roman geht es um den Kontrast von Mensch und Natur. Und um das Thema Gewalt und Grenzüberschreitungen. Denn nicht nur Ionas Kunstwerk nimmt Schaden, auch die Natur und die Tiere nehmen Schaden durch menschliches Tun.
Martina Hefter schafft es virtuos, viel zu erzählen, ohne viel zu sagen. Dialoge kommen in ihrem Buch praktisch nicht vor. Dafür ist sie eine messerscharfe Beobachterin. Wie sie über Pflanzen schreibt, über das Wetter, zum Beispiel das Herannahen eines Gewitters, sagt fast alles. Gerade Landschaftsbeschreibungen laufen Gefahr, häufig ins Kitschig-Übertriebene abzudriften. Nicht so bei Hefter. Hier ist jedes Wort an seinem Platz. Schön, schlicht und doch poetisch. Dazu zitiert sie immer wieder Simone Weil, eine Philosophin, welche das Denken und Schaffen von Iona prägt.
Landschaften verändern sich – Menschen ebenso
Kaum jemand hat so schonungslos schön über den Klimawandel in Prosa geschrieben wie Hefter in diesem Buch. Wie sie die Veränderungen in der Bergwelt aufzeigt. Zuerst bleibt der Schnee weg, dann die Menschen. Mal dahingefegt von Lawinen, weil die sterbenden Bäume nichts mehr aufhalten. Mal sind es die Touristen, die fernbleiben, dann die Einheimischen, die wegziehen. Das alles schreibt sie so schonungslos ehrlich und unaufgeregt stichwortartig in einer Art Bestandsliste mit dem Titel „wen der Ort alles verloren hat“ (S. 227). Und genau deshalb geht jedes ihrer Worte durch Mark und Bein. Dies und die Tatsache, dass wir beim Lesen erfahren, wie die ideale Kuhtränke aussieht und wie Heu richtig getrocknet wird, haben wir auch den autobiografischen Wurzeln der Autorin zu verdanken. Sie wurde in Pfronten im Ostallgäu geboren, machte später eine klassische Tanzausbildung in München und studierte Literatur in Leipzig.
Fazit: Den Bogen von der intellektuellen Gilde der Kunstgalerie über die rebellische Jugendliche bis zur kleinen Kuhhirtin in den Alpen schlägt Hefter mühelos. Dazu kommen die schönsten literarischen Schlusssätze, die ich in letzter Zeit gelesen habe. Es ist kein klassisches Happy End. Es ist ein richtig gutes. Absolute Leseempfehlung!
Martina Hefter: Nach der Sonne schauen.
Klett-Cotta, Oktober 2026.
272 Seiten, gebundene Ausgabe, 25,00 Euro.
Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.
