„Indem man etwas tut, hilft man sich selbst den Schmerz in eine Form zu kleiden.“ S. 14
Die Reiseschriftstellerin Steffi ist es gewohnt sich allein durchs Leben zu schlagen. Als Forschungsreisende hat sie die Welt gesehen, sie liebt das freie Leben in der Natur und hasst es abhängig zu sein. Als ein aggressiver Brustkrebs bei ihr diagnostiziert wird, droht sie in Hoffnungslosigkeit zu versinken. Der Hoffnung und dem Glück aufs Höchste misstrauend, glaub nur an Aktivität, Kampf und Disziplin. Nicht einmal engsten Freunden oder ihrer eigenen Familie vertraut sie sich an. Ganz auf sich gestellt lässt sie Arztbesuche, Chemotherapie und Bestrahlung über sich ergehen, ja sogar die Auseinandersetzung mit ihren Ängsten und Sorgen macht sie nur mit sich aus. Doch im Bewusstsein des drohenden Todes lassen sich die existenziellen Fragen des Lebens nicht so einfach verdrängen.
Der autofiktionale Roman ist eine ehrliche Auseinandersetzung mit der Frage, was Leben und Tod bedeuten. Er erzählt von einer starken, mutigen Frau, die viel erlebt und durch ihr Schicksal als Republik-Flüchtige auch eine besondere Beziehung zum Tod hat, denn als einer aus der DDR verbannten Person war ihr nicht einmal das Abschiednehmen vom sterbenden Vater möglich.
Im Fokus der berührenden Erzählung stehen die persönlichen Erinnerungen und Perspektiven der eigenbrötlerischen Steffi, die nicht nur die Erfahrungen ihrer Kindheit, sondern auch die des Haftaufenthaltes im DDR-Gefängnis und den dramatischen Verlust ihrer Liebe nüchtern betrachtet. Es geht darin nicht nur um den Umgang mit einer schweren Krankheit, sondern auch um persönliches Wachstum und die Erkenntnis, dass man am Ende nie wissen kann, welche Überraschungen das Leben noch bereithält.
Mir gefielen die klare und bildhafte Sprache, die sich trotz zusammenfassender Erzählweise nach Art eines Tagebuches flüssig lesen ließ. Das liebevoll und ruhig gestaltete Cover vermittelt dem Leser eine romantische und geheimnisvolle Stimmung. Besonders nachhaltig in Erinnerung geblieben sind mir vor allem die wunderbaren Naturbeschreibungen. Fast konnte ich die Vögel singen hören.
„Auch die Liebe der Toten zählt, sie kann uns keiner nehmen.“ S. 96
Carmen Rohrbach: Der Kernbeißer
Neissuferverlag, April 2026.
248 Seiten, Softcover, 18 Euro.
Diese Rezension wurde verfasst von Antje Lehnert.
