Christine Brand: Milla Nova 02: Die Patientin

Vier Jahre sind vergangen, seit der Blinde Nathaniel die ihm unbekannte Carole über eine App bei einer Kleiderauswahl um Hilfe bat. Daraus entstand schnell ein Abenteuer, denn Nathaniel glaubte, über das Telefon Zeuge eines Unglücks geworden zu sein. Carole Stein liegt seit den Ereignissen vor vier Jahren im Koma. Ihr Sohn Silas hat seine Mutter noch niemals gesprochen, obwohl er bereits vier Jahre alt ist. Nathaniel besucht einmal im Monat gemeinsam mit seinem Patensohn Carole im Krankenhaus. Doch diesmal ist alles anders. Carole ist nicht mehr da! Warum, das kann die Pflegerin auch erstmal nicht erklären. Später folgt telefonisch die Entschuldigung, dass die Frau verstorben sei. Wo sie allerdings beerdigt ist, kann Nathaniel niemand sagen. Er bittet deshalb seine Bekannte Milla, eine Journalistin, um Hilfe.

Nach ihrem ersten „Fall“, „Blind“, gibt es einen neuen Roman zum ungewöhnlichen Duo der Journalistin Milla Nova und des Blinden Nathaniel Brenner. Eine separate Lektüre von „Die Patientin“ sei allerdings nicht empfohlen, da es mehr als nur einen leichten Bezug zum ersten Band gibt. Erneut ist die Figurenkonstellation großartig gewählt: Der Blinde Nathaniel hat seinen eigenen Zugang zur Welt, eine Blindenhündin, die zwar nicht perfekt ist, auf die er sich aber in der Not immer verlassen kann. Weiterlesen

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Elizabeth Macneal: The Doll Factory

London, 1850: Die junge Iris arbeitet an der Seite ihrer durch Pockennarben entstellten Zwillingsschwester Rose in einer kleinen Puppenmanufaktur. Heimlich träumt Iris allerdings davon, malen zu können. Ihr kleines Taschengeld investiert sie deshalb in Farben und statt zu schlafen, malt sie nachts. Als sie den Maler Louis Frost kennenlernt, der sie als Modell für sich gewinnen will, scheinen Iris‘ Träume plötzlich ganz nah. Was wäre, wenn Louis sich bereiterklärt, sie im Malen zu unterrichten? Hals über Kopf will Iris ihr bisheriges Leben aufgeben. Doch das stößt auf Ablehnung seitens ihrer Eltern und der Schwester. Ist Iris bereits, alles für ihren Traum zu opfern?

Diese kurze Inhaltsangabe des Romans gibt beileibe nicht alles preis, was „The Doll Factory“ kann. Iris schwebt schon bald in einer großen Gefahr, während im Hyde Park die Weltausstellung zum allerersten Mal tagt. Elizabeth Mcneal ist eine toller Romanmischung gelungen. Historische Elemente, damit verbunden auch der Klassiker einer starken Frau in einer von Männern dominierten Gesellschaft, eine spannende Nebenhandlung, die sehr schnell starke Auswirkungen auf die Haupthandlung hat, interessante Figuren … was will man mehr? Weiterlesen

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Jasmin Schreiber: Marianengraben

Paula ist ein Mensch, der sich eigentlich mit sehr wenig zufrieden gibt. Wenn ihr kleiner Bruder Tim um sie herum ist, ist sie glücklich. Doch Tim gibt es nicht mehr. Tim ist im Urlaub im Meer ertrunken. Ausgerechnet im Meer, das er so sehr geliebt hat! Der 10-jährige kleine Junge war neugierig ohne Ende und fragte Paula, die angehende Biologin ist, regelmäßig über alles aus. Denn Tim wollte einfach alles wissen. Und nun vermisst Paula ihn unendlich. Ihr Leben hat keinen Sinn mehr, keine Richtung, nach der sie streben könnte. Ihr Therapeut rät ihr, endlich das Grab ihres Bruders zu besuchen. Doch Paula traut sich nicht und will sich schließlich nachts dorthin schleichen. Dabei überrascht sie allerdings den rüstigen Helmut beim Urnendiebstahl seiner Exfrau. Er will ihre Asche nicht unter der Erde sehen, sondern überall verstreuen. Paula begibt sich kurzerhand mit ihm auf eine Reise.

Jasmin Schreiber (Jahrgang 1988) ist selbst studierte Biologin und arbeitet ehrenamtlich als Sterbebegleiterin, das heißt sie hat sich mit beiden Kernthemen ihres Romans schon intensiv auseinandergesetzt. Und das spürt man am Text: Er ist komplett aus der Ich-Perspektive von Paula geschrieben, sie richtet sich aber direkt an ihren verstorbenen kleinen Bruder Tim. Weiterlesen

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Pierre Jarawan: Ein Lied für die Vermissten

Beirut im Libanon, 1994: Amin ist ein gerade aus Deutschland zurückgekehrter Jugendlicher, der mit seiner Oma in der Stadt lebt. Der Vollwaise hat seine Eltern durch einen Unfall verloren und streift nun durch die Trümmer der Stadt. Bei dem gleichaltrigen Jafar findet der Junge Anschluss. Seine eigene Oma gibt ihm immer wieder Rätsel auf. Sie spricht nicht über die Vergangenheit und so bleibt Amin mit vielen Fragen allein zurück. Jafar hilft seinem besten Freund dabei, einige der Rätsel zu lösen.

Pierre Jarawan (Jahrgang 1985) ist Sohn eines libanesischen Vaters und einer deutschen Mutter. Durch seinen Roman „Am Ende bleiben die Zedern“ aus dem Jahr 2016 wurde der vorher als Bühnenpoet tätige junge Mann auch als Schriftsteller bekannt. In seinem neusten Roman stellt er wieder eine libanesische Familie vor, die durch die politischen Verhältnisse im Land bestimmt wird. „Schon ein Sandkorn genügt, um eine große Geschichte daraus zu machen“ (Zitat Kapitel „Yeki Bud. Yeki Nabud“) heißt es gleich zu Beginn der Geschichte. Erzählt wird sie aus Sicht des erwachsenen Amins, der hört, dass seine Großmutter verstorben ist. Seit über einem Jahr hat er allerdings nicht mehr mit der Oma gesprochen und es wird eine Kluft zwischen den beiden deutlich. Im Angesicht ihres Todes erinnert er sich an seine Jugend im Jahr 1994 und eine besondere Beziehung zu der Großmutter wird schnell deutlich. Weiterlesen

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Edna O’Brien: Das Mädchen

Ich schluckte meine Tränen herunter, schämte mich. Was war mit dem Mädchen passiert, das ich einmal gewesen war. Es war fort. Ich hatte keine Liebe mehr in mir. Ich wollte sterben. Ich will sterben, flüsterte ich.“ (Zitat Kapitel „Buki und ich standen vor der Hütte …“)

Es ist ein Tag wie jeder andere. Maryam, die in Nigeria lebt, will ihre Schulprüfung ablegen. Doch dann werden die fünfzehn Mädchen von Kämpfern der Boko Haram entführt und ein Martyrium beginnt für die Mädchen. Maryam schafft es schließlich nach vielen Monaten durch die Hölle, den Kämpfern zu entkommen. Doch damit ist nicht alles wieder gut. Sie hat ein Kind von einem der Kämpfer und ist auch sonst eine gebrochene junge Frau. Ob ihre Verwandten sie mit offenen Armen empfangen?

Selten wollte ich ein Buch abbrechen, weil es so gut ist. Bei „Das Mädchen“ war ich mehrmals kurz davor. Das Geschriebene geht tief unter die Haut und vor allem das erste Drittel ist extrem harte Kost. Man kann sich dem Geschehen nicht entziehen und ringt mehrmals mit Fassung. Weiterlesen

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Espen Dekko: Sommer ist trotzdem

Alles ist diesen Sommer anders. Die 9-jährige Ich-Erzählerin der Geschichte hat gerade eben ihren Vater durch eine Krankheit verloren. Weinen kann sie nicht, die Tränen kommen einfach nicht. Das Verhältnis zu ihrer Mutter ist verständlicherweise schwierig. Der Sommer bei den Großeltern verspricht einen Tapetenwechsel. Doch dann jagt bei den Großeltern eine Katastrophe die nächste. Ein kleiner Wal wird an der Küste angespült und stirbt wenig später. Das Mädchen ist enttäuscht: Warum sterben bloß immer alle?

Über den Wal denkt sie nach: „Wenn er eine Familie hat, hoffe ich, dass sie wissen, dass er tot ist. Damit sie nicht nach ihm suchen. Ich hoffe, sie waren heute Nacht hier und konnten sich verabschieden.“ (Kapitel Ein toter Wal) Bei den Großeltern hätte sie der Konfrontation mit dem Tod entrinnen können, doch genau das Gegenteil passiert. Weiterlesen

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Peter McLean: Priest of Bones 01: Der Kampf um den Rosenthron

„Er funkelte mich an. ‚Du bist erst seit ein paar Tagen wieder in Ellinburg, und schon verwandelt sich die Stadt in eine einzige Leichenhalle. Tote treiben den Fluss hinab, der Klosterfrieden wird gestört […].‘“ (Zitat Kapitel 10)

Der Krieg ist zu Ende und doch steht Tomas Piety erst ganz am Anfang. Als er mit seinen Mitstreitern zurück in seine Heimatstadt Ellinburg kommt, muss er feststellen, dass er nicht mehr die Vorherrschaft in der Stadt innehat. Seine Tante sollte in seiner Abwesenheit die Geschäfte führen, doch sie wurde überlistet und hat den Besitz der Pious Men – Bordelle, Kneipen, Geschäfte, Spielkasinos, Rennpferde – verloren. Die Tante im Kloster, in der Stadt nichts mehr zu sagen, beginnt Tomas mit seinem nicht gerade hellen Bruder Jochan, dem Möchtegern-Ritter Sir Eland und seiner rechten Hand Bloody Anne, die Stadt zurückzuerobern. Denn die Pious Men geben sich erst geschlagen, wenn sie im Grab liegen.

Die Figuren aus Peter McLeans erstem Priest of Bones-Roman kann man nur als kultig beschreiben. Stellenweise fühlte ich mich immer wieder an die guten alten Monty Python-Filme erinnert. Schrullige Typen wie Sir Eland, der sich mit einer zusammengeklauten Rüstung als Ritter ausgibt oder Kant, der von Tomas im Stillen nur Kackpratze genannt wird. Aber auch sympathische Charaktere wie den 12-jährigen Billy the Boy, der sich bereits wie ein erwachsener Kämpfer hält und von der Göttin, die über allem schwebt, Nachrichten und Vorahnungen erhält, findet man in der Truppe. Weiterlesen

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Imogen Kealey: Die Spionin

Paris, 1943: Die ehemalige Journalistin Nancy Wake genießt an der Seite von Henri Fiocca das mondäne Leben in Frankreich. Vordergründig ist sie eine wohlhabende junge Frau, im Hintergrund ist sie Teil der Widerstandsbewegung und wird von den Nazis gesucht. Doch niemand von ihnen ahnt, dass die „Weiße Maus“, nach der alle fahnden, eine Frau ist. Doch dann wird Henri festgenommen, da die Nazis ihm finanzielle Unterstützung des Widerstands in Frankreich nachweisen können. Henri ist schlimmster Folter ausgesetzt und Nancy muss in Ungewissheit um sein Leben nach London fliehen.

Nancy Wake ist geborene Australierin, die im Jahr 1912 zur Welt kam und erst im Jahr 2011 verstarb. Sie verhalf zur Zeit des Zweiten Weltkriegs Flüchtlingen über die spanische Grenze und war Teil der Résistance. Hinter Imogen Kealey verbirgt sich das Duo aus dem Drehbuchautor Darby Kealey und der Autorin für historische Romane, Imogen Robertson. Der Roman wird zurzeit mit Oscar-Preisträgerin Anne Hathaway verfilmt. Beschrieben wird die Zeit von Henris Festnahme bis knapp nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Dies geschieht überraschend klischeefrei und lebhaft. Längen sucht man in diesem Roman vergebens. Dabei ist Nancy genau die typische Figur eines historischen Romans: Eine Frau, die nicht ins Bild passt, statt Ballkleidern lieber Tarnmuster trägt und eine Waffe. Weiterlesen

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Verena Güntner: Power

Als Power, der Hund der Hitschke, verschwindet, ist die alte Frau verzweifelt. Er war ihr einziger Lichtblick in dem trostlosen Dasein, dass sie seit dem Tod ihres Mannes fristet. Sie bittet das Mädchen Kerze, nach ihrem Hund zu suchen. Kerze nimmt die Aufgabe sehr ernst, denn sonst passiert in dem kleinen Dorf wenig. Sie verspricht der Hitschke, den Hund auf jeden Fall zurückzubringen. Und sie wäre nicht Kerze, wenn sie ihr Wort nicht halten würde. Die anderen Kinder des Dorfes werden bald auf Kerzes Suche aufmerksam und wollen sich daran beteiligen. Doch Kerze macht es ihnen nicht leicht und stellt hohe Anforderungen an die Kinder. Und trotzdem wollen immer mehr von ihnen mit Kerze in den Wald auf die Suche nach Power gehen.

Verena Güntner (Jahrgang 1978) ist ein eindringlicher, kurzer Roman gelungen, in dem die erwachsene Gesellschaft den Bezug und die Verbindung zur nachrückenden Generation verliert. Dabei nimmt die Autorin schon im zweiten Absatz vorweg, dass Kerze Power natürlich findet, sieben Wochen nach ihrem Auftrag, mausetot und von Maden zerfressen. Man spürt schnell, dass es nicht darum geht, einen verloren gegangenen Hund zu finden. Weiterlesen

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Anna Hope: Was wir sind

Hannah, Lissa und Cate sind Freundinnen. Teils seit der Schule, teils seit dem Studium. Sie haben schon einiges gemeinsam durchgemacht und stehen jetzt mit Mitte 30 an ganz unterschiedlichen Punkten. Lissa versucht sich als Schauspielerin, doch der Erfolg will sich nicht recht einstellen. Hannah wünscht sich nichts sehnlicher als ein Baby. Mit Ehemann Nathan versucht sie deshalb seit Jahren, schwanger zu werden. Aber außer einer Fehlgeburt hat sie wenig vorzuweisen. Cate hingegen ist die Mutterschaft einfach in den Schoß gefallen: Schon zwei Monate, nachdem sie Sam kennenlernte, war sie schwanger. Und nun ist sie mit Baby Tom völlig überfordert und hat noch nicht ganz verarbeitet, dass er per Kaiserschnitt auf die Welt kam.

Das Figurenkonstrukt aus Anna Hopes Roman „Was wir sind“ erweist sich nach gut einem Drittel des Romans als wahres Minenfeld. Auf den ersten Blick sind Hannah, Lissa und Cate drei Frauen, die sich seit Jahren kennen und einiges miteinander erlebt haben. Sie haben sich etwas auseinandergelebt, halten aber weiterhin Kontakt. Erst auf den zweiten Blick werden viele Spannungen klar und fallen sensible Themen auf. Hannah könnte fast verrückt werden, wenn sie sieht, wie einfach Cate ein Baby bekommen hat und wie unzufrieden sie mit der Gesamtsituation ist. Denn Hannah hat bereits viel Geld für künstliche Befruchtungen und Arzttermine ausgegeben. Doch alles ohne Erfolg. Ihr Partner Nathan, den sie einst über Lissa kennenlernte, ist am Ende seiner Kräfte und die Themen Schwangerschaft und Baby werden zur wahren Zerreißprobe ihrer Ehe. Weiterlesen

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