Susanne Fröhlich: Heimvorteil

Jutta und Klaus sind ein typisches mittelständisches Ehepaar. Sie kennen einander seit der Realschule, haben ein Haus gebaut und drei Kinder bekommen. Klaus hat sich als Elektriker selbstständig gemacht, betreibt eine kleine Firma, Jutta arbeitet bei „Lidl“ an der Kasse und bringt es sogar zur stellvertretenden Filialleiterin. Urlaub wird, wenn überhaupt, nur in Dänemark gemacht, weil es Klaus dort so gut gefällt. Grundsätzlich wird aber jeder Euro umgedreht. Man muss das Haus abbezahlen. Probleme gibt es nicht, weil man einfach nicht über sie spricht und worüber man nicht spricht, das existiert auch nicht.

Jutta ist mit der Situation nicht unzufrieden. So ist es eben in ihrem Leben. Es gibt Üblere als Klaus, ihre Ehe verläuft „befriedigend“ und „sehr gut“ hält Jutta für eine Illusion made in Hollywood. Sie fügt sich in die Gegebenheiten, nimmt sich selbst zurück, damit das Familiengefüge funktioniert. Die Dinge gehen ihren Gang, bis Klaus mit 58 aus heiterem Himmel ein Herzinfarkt aus dem Leben katapultiert. Jutta trottet noch zehn Jahre benommen den von Klaus rhythmisierten Alltag weiter, wie ein Rädchen, im Gesetz der Trägheit gefangen. Dann aber erkennt sie nach und nach, sie hat keine Freunde, kein Hobby. All ihr Tun und Wirken war jahrzehntelang auf die Familie und die Arbeit konzentriert. Die Kinder sind „groß“, gehen ihrer eigenen Wege, sie sitzt allein in ihrem abbezahlten Eigenheim. Weil sie zweimal den Haustürschlüssel vergisst, sich an den Namen einer entfernten Bekannten nicht mehr erinnert und versehentlich Salz statt Zucker in einen Kuchen rührt, beschließen ihre Kinder, dass es mit ihr unweigerlich bergab geht und sie sich nach einem Altersheim umsehen soll, bevor sie es für ihre Mutter tun. Außerdem könnte jeder von ihnen das Haus sehr gut gebrauchen.

Jutta ist entsetzt, empört, erschüttert. Und sie geht in die Offensive. Sie lernt kraulen, freundet sich mit ihrer Schwimmlehrerin an und begibt sich auf einen „Road-Trip“ durch halb Deutschland, bei dem sie Altersheime, Seniorenresidenzen und eine Senioren-WG besichtigt. Auch den Lebensabend der Kosten wegen außer Landes in Tschechien zu verbringen, zieht sie in Erwägung.  Dabei begegnen ihr jede Menge skurrile Gestalten und neue Freunde und sogar eine neue Liebe zeichnet sich ab. Juttas Kinder staunen nicht schlecht darüber, wie selbstbewusst ihre Mutter ihr Leben in neue Bahnen lenkt und was sie alles zuwege bringt.

Darüber, wie und mit wem Jutta in ihren letzten Lebensjahren wohnen will, sei an dieser Stelle nur so viel verraten, dass die Sache ein versöhnliches Ende nimmt.

Beschwingt betrachtet Susanne Fröhlich das Thema „Wohin mit mir im Alter“ von mehreren Seiten. Auch „Heimvorteil“ versprüht, wie alle Fröhlich-Bücher“, trotz der ernsten Thematik viel Optimismus und man freut sich auf das nächste Werk der Autorin, das hoffentlich bald folgt.

Susanne Fröhlich: Heimvorteil.
Knaur, Februar 2022.
272 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Karina Luger.

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