Stefan Hertmans: Der Aufgang

Der belgische Autor Stefan Hertmans kauft ein altes Haus in Gent und stellt bald fest, dass dort früher ein gefürchteter Nazi-Kollaborateur im SS-Offiziersrang mit Hitler-Büste auf dem Kaminsims gewohnt hat. Anhand von Tagebuch-Aufzeichnungen seiner Familienmitglieder und persönlichen Gesprächen rekonstruiert er den Lebensweg dieses Mannes und der Menschen in seinem Umfeld.

Herausgekommen ist ein lesenswerter Mix aus Sachbuch und Roman, der die Atmosphäre während der Nazizeit in einem von den Deutschen besetzten und durch seinen Flamenkonflikt ohnehin zerrissenen Land wie Belgien sehr gut widerspiegelt.

​Willem Verhulst – so heißt der Nazi – stellt gnadenlos Listen mit Menschen zusammen, die in die Konzentrationslager gebracht werden. Gleichzeitig hat er Angst, auf die Straße zu gehen, als der Wind sich dreht. So ist dieses Buch auch eine erhellende Charakterstudie über einen Kriegsverbrecher seines Schlags. Erschreckend ist, wie schnell es Verhulst gelingt, nach dem Krieg wieder auf die Füße zu fallen und ein Leben zu führen, in dem er wegen seiner Vergangenheit kaum behelligt wird. Genauso erschreckend ist, wie uneinsichtig Verhulst und die Seinen nach dem Krieg sind. Seine dritte Frau Griet hat noch 2003 ein Hitler-Porträt in ihrem Altenheim-Zimmer stehen.

Stefan Hertmans: Der Aufgang.
Aus dem Belgischen übersetzt von Ira Wilhelm.
Diogenes, April 2022.
480 Seiten, gebundene Ausgabe, 26 Euro

Diese Rezension wurde verfasst von Andreas Schröter.

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