Sarah Lotz: Tag Vier

vierJahreswende auf dem Kreuzfahrtschiff. Auf der „Beautiful Dreamer“ tummelt sich die übliche Klientel: gesetzt und wohlhabend die eine Gruppe, die andere jung, Single und feierfreudig. Besondere Attraktion ist das fernsehbekannte Medium Celine del Ray, das für seine Anhängerschar regelmäßige Show-Sitzungen mit Jenseitskontakt durchführt.

Was sich grandios anhört, ist in Wirklichkeit Schadensbegrenzung, denn nach einer dreisten Falschbehauptung hat Celine in ihrer Heimat USA nun eine fette Klage am Hals, und ihre Assistentin Maddie hat alle Hände voll zu tun, den wahrheitsfanatischen Blogger von ihr fernzuhalten, der sich zu allem Überfluss auch noch an Bord aufhält – als wären Celines leichtgläubige Fans, die Maddie nach in der Show verwertbaren Details aushorchen darf, nicht anstrengend genug.

Ebenfalls zu den untypischeren Cruise-Gästen gehören zwei ältere Damen, die nur an der Fahrt teilnehmen, um sich stilvoll aus dem Leben zu verabschieden, und ein Serienvergewaltiger, der die großen Kreuzfahrtschiffe als ideale Jagdgründe für sich entdeckt hat – nur, dass die KO-Tropfen sein aktuelles Opfer diesmal nicht lediglich temporär niederstrecken, sondern permanent. Egal. Es ist bereits der vierte Tag der fünftägigen Reise, demnächst läuft das Schiff den Zielhafen Miami an, und niemand wird je erfahren, was geschehen ist.

Und dann stehen die Maschinen der „Beautiful Dreamer“ auf einmal still.

Noch so ein Buch, das so viel hätte sein können – ungewöhnlich, spannend, gruselig, beklemmend. Was es ist: brav. Es *passiert* einfach nichts. Natürlich passiert einiges: Man ist gestrandet, mitten im Ozean, ohne Kontakt zur Außenwelt; es gibt eine Leiche an Bord und, wie der Schiffsarzt feststellt, offensichtlich auch einen Mörder; die vorher dauerbedröhnte unfreundliche Celine scheint einen Persönlichkeitswandel untergangen zu haben; das Servicepersonal sieht Geister; nicht zuletzt funktioniert aufgrund der fehlenden Elektrizität irgendwann auch die Toilettenspülung nicht mehr, und die Kabinendecks der Passagiere stehen komplett unter Wasser (bzw. Schlimmerem), alles insbesondere deshalb suboptimal, da obendrein noch eine Norovirus-Epidemie ausbricht. Aber: Einen Handlungsbogen in dem Sinne gibt es nicht. Dinge finden statt, aber man hat mehr den Eindruck, lose aufeinanderfolgende Szenen zu lesen statt eines ineinandergreifenden Ganzen mit übergeordnetem Sinn und Plan.

Auch die Charaktere überzeugen nicht. „Tag vier“ wartet mit einem geradezu absurd großen Stab an Figuren auf, von unterschiedlichen Zimmermädchen über diverse Passagiere bis hin zu den Schiffsoffizieren und dem kollektiven Sicherheitspersonal dürfen wir durch viele, viele Augen blicken, nur: Individuen sind das alles nicht (auch, wenn wirklich *jeder* von ihnen mit einem „Geheimnis“ ausgestattet ist, gnade uns Gott), und man bekommt auch nie das Gefühl, sich wirklich im Geschehen zu befinden. 448 Seiten erzählerischer Blutarmut, und das bei so einem Thema – man wundert sich wirklich, wie das angehen kann, und dann kommt man zum Ende und wundert sich *wirklich*. Denn das ist in der Tat nur noch hanebüchener Quatsch und Leser-Verarschung, die Art Auflösung, die einem mit 14 einfallen mag, wenn einem nichts mehr einfallen mag und man eigentlich sowieso schon keine Lust mehr hat.

Große Kunst erwarten bei dieser Art Buch wohl die wenigsten, aber Sarah Lotz scheitert schon an der Generalhürde jeglicher Unterhaltungsliteratur – eben zu unterhalten. Kein Plot, keine Spannung, kein Charakter, der konkreter anmutet als nasses Weißbrot: Was an „Tag vier“, von seinem unsäglichen Ende einmal abgesehen, im Gedächtnis bleibt, ist vor allem das bemühte Fixieren auf den kleinsten gemeinsamen Ekel-Nenner.

Bei derzeitiger Spannungsliteratur sind das meist sinnfreie Guck-mal-was-für-kranken-Scheiß-ich-mir-hier-ausgedacht-habe-Parademorde an Kindern oder Frauen, was ich ebenfalls nicht wirklich nachvollziehen (geschweige denn lesenswert finden) kann, aber Ms. Lotz greift noch eine Schublade drunter und huldigt mit kleinkindhafter Faszination dem Fäkalen; gewissermaßen „kranker Scheiß“ im Wortsinn. Woher kommt er, wohin geht er, was sagen Auge und Geruchssinn, was macht man mit ihm, wenn die Spülung versagt: Wer Gefallen findet an solchen Fragestellungen, der dürfte auch aus „Tag vier“ Lustgewinn ziehen.

Ich meinerseits spare mir hier den fazithaften Vergleich mit Griffen in Sanitärschüsseln und dergleichen und sage schlicht: Überflüssig. Ärgerlich. Nicht lesen.

Sarah Lotz: Tag Vier.
Goldmann, April 2016.
448 Seiten, Taschenbuch, 14,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von G. K. Nobelmann.

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