Richard Ford: Irische Passagiere: Erzählungen

Der US-amerikanische Schriftsteller Richard Ford (Jahrgang 1944) hat uns 1995 den „Unabhängigkeitstag“ beschert und wurde dafür mit dem Pulitzer Prize geehrt. Es folgten zahlreiche erfolgreiche Romane und Kurzgeschichten. Richard Ford gilt als bedeutender, zeitgenössischer Autor der US-amerikanischen Literatur. Seine Geschichten zeichnen Bilder des Alltags in den Vereinigten Staaten von Amerika. Seine Figuren sind die ganz normalen Leute, oft Männer, die mittelmäßig erfolgreich ihr Leben leben. So auch in den neuen Erzählungen „Irische Passagiere“, die am 21. September 2020 in einer Übersetzung von Frank Heibert bei Hanser Berlin erschienen sind. Darin finden sich neun Erzählungen, die von Menschen handeln, die sich den Unwägbarkeiten des Lebens stellen müssen.

In „Nichts zu verzollen“ trifft der verheiratete Anwalt Sandy McGuinness seine Studentenliebe Barbara nach vielen Jahren in New Orleans wieder und widersteht nur knapp der Versuchung, mit ihr ins Bett zu gehen.

Happy (Bobbi) Kamper, die Bildhauerin, beklagt in der gleichnamigen Geschichte den Tod ihres Lebensgefährten Mick Riordan. Dazu besucht sie ehemalige gemeinsame Freunde in Maine. Aber findet sie wirklich Trost bei ihnen?

Henry Hardings Vater stirbt. Der Junge ist sechzehn und ziemlich verlassen. In der Schule hat er keine Freunde und seine Mutter ist mit ihrer Trauer beschäftigt. Dann lernt er Niall MacDermott von gegenüber kennen. Er glaubt einen Freund gefunden zu haben.

Auf einer Fähre während der „Überfahrt“ von England nach Irland macht der Anwalt Tom Bekanntschaft mit drei Amerikanerinnen, die auf dem Weg zu einem Musikkonzert sind. Tom, ebenfalls Amerikaner, fährt zu einem Termin, um Papiere zu seiner Scheidung von seiner irischen Frau Patsy zu unterschreiben. Die Frauen wollen ihn überreden, sie zu dem Konzert zu begleiten.

Peter Boyce, Witwer aus New Orleans, kehrt in der Erzählung „Der Lauf deines Lebens“ zurück nach Cape Cod, wo er jahrelang Urlaub mit seiner Frau Mae gemacht hatte. Vor zwei Jahren hatte sie sich dort mit gesammelten Schmerzmitteln in ihrem Ferienhaus das Leben genommen. Und seitdem sucht Peter seinen Platz im Leben. Er liest Virginia Wolfs „Mrs Dalloway“, seine Tochter Polly besucht ihn und reist enttäuscht und unzufrieden wieder ab. Am Ende lädt er die junge Jenna, die ihre Wohnung verloren hat, ein, bei ihm zu wohnen.

„Jimmy Green, 1992“ erzählt die Geschichte des Amerikaners Jimmy Green, der in Paris am Abend der US-amerikanischen Präsidentschaftswahlen Prügel von einem Landsmann kassiert.

In „Aufbruch nach Kenosha“ verabschiedet sich Louise in Begleitung ihres Vaters Walter Hobbes von ihrer schwarzen Schulfreundin Ginny, die am Jahrestag des Hurrikans New Orleans verlassen muss, weil Ginnys Vater einen neuen Job bekommen hat.

Eileen Lewis verbringt regelmäßig eine Nacht mit dem verheirateten Tom Magee in einem Dubliner Hotel. Der anschließende Samstag ist ihr „freier Tag“.

Der verwitwete Jonathan Bell heiratet in „Die zweite Sprache“ die geschiedene Charlotte Porter kurz nachdem sie sich kennengelernt haben. Aber sie haben unterschiedliche Erwartungen an die Ehe. Zwei Jahre später sind sie wieder geschieden, aber Freunde. Charlotte nimmt Jonathan mit zu einem Besuch bei ihrer Mutter ins Altenheim, die plötzlich stirbt.

In Richard Fords Erzählungen erhasche ich als Lesende einen Blick auf die Befindlichkeiten seiner Figuren. Diese sind überwiegend mittelalte, weiße Mittelschichtsmänner, die nach Scheidung, Tod und/oder Krankheit an Wendepunkten oder zumindest Kreuzungen ihres Lebens stehen. Ford beschreibt detailreich und genau, wie diese Männer versuchen, sich wieder zurechtzufinden. Allen gleich ist der Verlust durch Trennung oder Tod, hier scheint keine Ehe ewig zu halten, und das Gefühl, irgendetwas falsch gemacht zu haben oder zumindest irgendetwas versäumt zu haben im Leben. In Fords Geschichten gibt es keine glücklichen Menschen. Ehe, Familie, Freundschaft sind bei Ford keine rettenden Anker in einer turbulenten Welt, sondern etwas Vergängliches, Unzuverlässiges. Fords Figuren sind traurige Gestalten. Ihr Umgang mit Trennung, Verlust, Veränderungen ist häufig ein Verdrängen, ein Hoffen darauf, dass das „Weiter so“ gelingen mag.

„Irische Passagiere“, so der deutsche Titel des Buches, handelt von Menschen, die an einer Stelle ihres Lebens gestrandet sind und (noch) nicht wissen, wie es danach weiter geht. In allen Erzählungen haben die Figuren entweder irische Wurzeln oder ist Irland Schauplatz der Handlung. Richard Ford ist ein akribischer Erzähler, auf dessen Tempo ich mich als Lesende einlassen muss. Ford erschafft eine unglaubliche, beinahe reale Nähe zu seinen Figuren, der man sich als Lesende nicht entziehen kann. Es ist als ob man die Sandys, Peters, Toms und Jonathans persönlich kennt. Ihnen bei ihren Erinnerungen über die Schulter blickt und bei ihren Gedanken neben ihnen steht.

Als Leserin empfinde ich nur ein Manko: Während Ford seine männlichen Protagonisten mit großer Empathie beschreibt, kommen deren Partnerinnen oft schlecht weg: „Seine Gedanken trieben weiter voran…Mae war eine erbärmliche Hausfrau gewesen. Mit der Zeit hatte sie es zugelassen, immer dicker zu werden – ihre Winterringe. Sie hatte bei Dichterlesungen und klassischen Konzerten immer gejohlt, was ihm immer peinlich gewesen war.“ (S. 126)

Nichtsdestotrotz sind Richard Fords Erzählungen „Irische Passagiere“ Meisterstücke der kurzen Form und von der ersten Seite an ein Lesehochgenuss.

Richard Ford: Irische Passagiere: Erzählungen.
Hanser Berlin, September 2020.
288 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.

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