Richard Dübell: Der Jahrhunderttraum

Im Jahrhundert der Industrialisierung schien plötzlich alles möglich. 1891 sind die ersten Flugpioniere unterwegs und Levin von Briest will unbedingt einer von ihnen werden. Sein älterer Bruder Otto strebt zwar ein Ingenieurstudium an, hat mit der neuen Technik aber nur wenig im Sinn. Ihn treibt es eher in das Detektivbüro von Edgar Trönicke, der den Tod seiner Großeltern aufklären soll. Die sind bei einem Zugunglück in der Schweiz umgekommen, aber war es wirklich ein Unglück oder war es Sabotage? Otto ist fasziniert von der Arbeit Edgars und von dessen Schreibkraft. Die jüngste der Geschwister, Amalie, scheint sich in ihr Leben zu fügen. Endlich hat sie eine Freundin gefunden, doch die große Liebe scheint auf sich warten zu lassen – oder hat sie sie doch schon gefunden.

Historische Romane über das lange 19. Jahrhundert haben für mich einen ganz eigenen Reiz. Man kennt die politischen Ereignisse und ihre Ergebnisse. Über die Zeit ist durch die aufkommende Presse und Archivierung viel mehr bekannt und da wir alle ungefähr den gleichen Geschichtsunterricht hatten und die gleichen Quellen nutzen, freut man sich immern, wenn man etwas wiedererkennt. Die großen Flugpioniere die die Brüder Lilienthal und Wright tauchen auf und natürlich Graf Zeppelin und seine Luftschiffe. Der Leser kann hautnah dabei sein, wenn sie irren und vorwärtskommen.  Auch ein Übel unserer Zeit gibt es schon: den Versicherungsbetrug. Um die Jahrhundertwende war der Betrug mit überversicherten Frachten offenbar ein einträgliches Zubrot für manchen Geschäftsmann.

Richard Dübell versteht wirklich was von Spannungsbögen. Der Roman . der übrigens eine Fortsetzung des Romans um die Bismarckära „Der Jahrhundertsturm“ ist, beginnt gleich mit einer Katastrophe. Da es um Technikentwicklung geht, bei der viel schiefgehen kann, hält das den Leser misstrauisch gegenüber noch folgenden Katastrophen. Man glaubt nicht mehr, dass es schon irgendwie gut gehen wird, deswegen fiebert man in den gefährlichen Situationen noch kräftig mit, auch wenn man den Autor kennt und weiß, dass er seine Figuren nicht leichtfertig um die Ecke bringt, wie gewisse Autoren, die sich mit Winter- und Eisenthronen beschäftigen. Außerdem beherrscht Richard Dübell es meisterhaft, zum Einen einen großen Spannungsbogen vom Anfang bis Ende des Romans zu führen und gleichzeitig immer wieder kleine Spannungen und Fragen aufzuwerfen. So meisterhaft komponiert habe ich das in letzter Zeit selten gesehen. Es sind immer Fragen offen, die man noch eben schnell klären will, bevor man das Buch zur Seite legt und schwups – schon wieder ein Tag ohne laufende Spülmaschine. Dazu spielt Richard Dübell in diesem Roman perfekt mit dem Wissen und den Erwartungen des Lesers. Man weiß, was mit Lilienthal passiert ist und vergißt es doch, bis es passiert. Man weiß, wann die Frauen das Wahlrecht bekommen haben und wann nicht und hofft doch mit.

Fazit: Toller Roman, viel Zeit reservieren.

Richard Dübell: Der Jahrhunderttraum.
Ullstein, Januar 2017.
736 Seiten, Taschenbuch, 12,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Regina Lindemann.

 

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