Pascal Mercier: Das Gewicht der Worte

Der Philosoph und Schriftsteller Pascal Mercier wurde 1944 mit dem Namen Peter Bieri in der Schweiz geboren und lebt heute in Berlin. Mit dem Roman „Der Nachtzug nach Lissabon“ (2004) gelang ihm ein Welterfolg. Der Carl Hanser Verlag veröffentlichte am 27. Januar 2020 Merciers neuen Roman mit dem Titel „Das Gewicht der Worte“.

Und tatsächlich hat das Buch Gewicht. Auf über 500 Seiten erzählt Pascal Mercier die Geschichte des Übersetzers und Verlegers Simon Leyland, der viele Jahre in Triest, Italien, gelebt hat und nun nach dem Herztod seiner Frau Livia und einer schwerwiegenden ärztlichen Fehldiagnose einen neuen (Lebens-) Anfang in London sucht.

Leyland hat in Hampstead das Haus seines Onkels Warren Shawn geerbt, in dem er einst den Entschluss fasste, „die Sprachen aller Länder zu können, die ans Mittelmeer grenzten“. Nun ist er nach Jahren in Italien nach London gereist, um es in Augenschein zu nehmen. Er trifft auf Shawns Nachbarn, den Ex-Apotheker Kenneth Burke, der sich bis zu dessen Tod um den Onkel gekümmert hat. Leyland leidet unter Migräne mit Lähmungserscheinungen und Sprachstörungen (migraine accompagnée). Dies hatte in Italien zu der fatalen Fehldiagnose eines bösartigen Hirntumors geführt. Leyland lebte lange Wochen mit dem Todesurteil, verkaufte seinen Verlag und bereitete sich auf sein Ende vor. Dann wurde der Irrtum aufgeklärt und Simon Leyland musste sein Leben neu denken. Während er also zwischen Hampstead und Triest hin- und herfliegt, reflektiert er seine Vergangenheit und macht zögerliche Schritte in die Zukunft. Dabei begleiten ihn die Gedanken an seine geliebte, tote Frau Livia, seine Kinder Sophia und Sydney und eine kleine Zahl von Freunden, wie der Kellner Patrick Kilroy oder Andrej Kuzmín, der im Gefängnis saß. Oder die Verlegerkollegen Lynn und Sean Christie, deren Verlag Leyland mit seinem Geld rettet. Und natürlich Autoren, Bücher, Briefe und Wörter. Am Ende fasst sich Simon Leyland ein Herz und beginnt, eine eigene Erzählung zu schreiben.

Ja, der Roman „Das Gewicht der Worte“ ist lang und langsam erzählt. Aber keineswegs langweilig. Pascal Mercier erzählt die Geschichte eines Mannes, der sein Leben der Suche nach dem richtigen Wort an der richtigen Stelle gewidmet hat. Sein Protagonist Simon Leyland lebt in der Welt der Worte, er begreift die Welt durch Worte. So erklärt sich auch die eine oder andere Wiederholung im Text, wie z.B. in den Briefen an seine tote Frau Livia. Das gehört zu Leylands Art, zu reflektieren und sich der Wirklichkeit zu versichern. Mercier umgibt Leyland mit durchweg sympathischen Figuren, die das Wort ebenfalls schätzen, und er spart sich (bis auf kleine, kritische Seitenhiebe auf Mediziner und Juristen) die Bösewichter. Pascal Mercier breitet vor mir als Lesende die Vergangenheit und die Gegenwart der Figuren mit einigen Ausschweifungen aus. Das gerät streckenweise etwas ausführlich und dient nicht erkennbar dem Fluss der Geschichte, aber herausgekommen ist dabei ein ruhiger, nachdenklicher Roman über das Leben, in dem „das Gewicht der Worte“, oder ich würde sagen, die Macht der Worte statt wie so oft Action und Krawall die Hauptrolle spielt. Einzig die Erzählung, die Mercier seinen Simon Leyland am Ende schreiben läßt, enttäuscht durch ihre Banalität.

Wem das der Worte zu viel ist, der sollte das Buch eher nicht lesen. Wer jedoch gerne in Worten versinkt, der wird beim Lesen seine Freude haben.

Pascal Mercier: Das Gewicht der Worte.
Hanser, Januar 2020.
576 Seiten, Gebundene Ausgabe, 26,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.

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