Monika Helfer: Die Bagage

Ein kraftvolles, autobiografisches Familienepos – ausgezeichnet mit dem Schubart-Literaturpreis 2021 der Stadt Aalen – das mit vielen stilistischen Konventionen bricht. Auf 160 Seiten, für ein generationenübergreifendes Familiendrama eigentlich undenkbar gestrafft, verdichtet die Autorin meisterhaft Themen wie Habgier, Neid, Rache, Lust, die gleichzeitige Faszination und Angst vor dem Fremden, zu einem fast schon universellen Gleichnis über Ausgrenzung.

Die „Bagage“ steht für Gesindel, Pack, für eine Gruppe von wenig wertgeschätzten Personen, meist verarmten Familien mit schlechtem Ruf. Eine solche lebt am hinteren Ende eines abgelegenen österreichischen Tals nahe des Bodensees. Die Familie ist von Anfang an auf der Schattenseite des Lebens verortet. Sprichwörtlich, denn die Bergmassive lassen kein Licht auf den Hof und die kargen Felder. Die biblischen Vornamen Maria und Josef nutzen den Eheleuten wenig. Zu ihrer Armut kommen noch weitere Aspekte, die sie einzigartig machen: Beide sind außergewöhnlich schön. Mit ihren schwarzen Haaren, der weißen Haut sowie ihrem ausgeprägten Sinn für Reinlichkeit, unterscheiden sie sich wesentlich von der kränklichen, stinkend-schmutzigen Dorfbevölkerung. Ein Grund, warum sich der Bürgermeister am liebsten mit Josef umgibt. Noch dazu hat Josef ein Händchen für dubiose „Geschäfte“, zwei der vier Kinder, Johanna und Lorenz, verfügen über herausragende schulische Talente. All dies weckt Neid und Begehrlichkeiten in einem. „Im hintersten Tal war es nicht günstig für eine Frau, schön zu sein.“ (S. 41) Oder: „Du hast wahrscheinlich keine Chance, nicht etwas Besonderes zu sein.“ (S. 66).

Als Josef in den Ersten Weltkrieg ziehen muss, bleibt Maria mit den vier Kindern allein auf dem Hof zurück. Sie wird schwanger. Fortan ist sie dem Gerede ihrer Nachbarn machtlos ausgesetzt. Wer ist der Vater? Ist es Josef, der nur drei Tage lang auf Heimaturlaub war? Oder der blonde, norddeutsch sprechende Mann, den Maria auf einem Markt kennengelernt hat? Vielleicht einer ihrer vielen Verehrer aus dem Dorf? Die Abwärtsspirale der Bagage verläuft unaufhaltsam. Die Vorräte neigen sich dem Ende, der Winter ist erbarmungslos, die Familie droht zu verhungern. Der Bürgermeister nutzt die Situation für sich aus. Er bietet Hilfe an, erwartet im Gegensatz sexuelle Gefälligkeiten von der Frau, die er schon seit Jahren begehrt. Ist der Ruf erst ruiniert, ist von der Gesellschaft keine Gnade mehr zu erwarten. Leidtragende ist vor allem Kind Nummer fünf. Margarete, das Mädchen von zweifelhafter Abstammung. Margarete, die Mutter der Autorin Monika Helfer.

Monika Helfers Erzähldynamik ist beachtlich. Statt epischer Naturbeschreibungen, zu denen Romane mit ähnlicher Ausgangslage gerne tendieren, fokussiert sie sich auf wenige Szenen, die alles sagen. Der gesellschaftliche Abstieg wird verdeutlicht durch eine Szene mit dem Pfarrer, der befiehlt, das Kruzifix neben Marias Haustür abzumontieren. In der Schule achten Johannas Mitschüler darauf, an der Garderobe mindestens einen Nagel Abstand zwischen ihren Mänteln und Johannes Jacke zu lassen, da sie nicht mit der Tochter einer Hure in Berührung kommen wollten. Das auffallendste

Stilmittel ist das plötzliche Vorwärtsspulen im Leben jedes einzelnen Familienmitgliedes. Dieser Fast-Foward-Modus lässt kaum Raum für Interpretationen, verdeutlicht aber das Prinzip von Ursache und Wirkung, welches sich durch alle nachfolgenden Generationen zieht.  In einer Szene zieht der 4-jährige Walter den Pfarrer an der schwarzen Soutane und brüllt ihn an, dass er ein böser Mensch sei und in die Hölle komme. Direkt im Anschluss erfahren wir, dass der extrovertierte Bub auch später der Spaßvogel der Bagage blieb, den die Frauen geliebt und alles verziehen hatten. Walter nahm sich eine dicke Frau, bekam fünf Kinder, hielt sich eine Prostituierte als Geliebte, die er später an seinen jüngeren Bruder Sepp weiterreichte, der sie heiratete.

„Nie sprachen die Brüder von der Vergangenheit. Sie waren aus dem Boden gewachsene Männer, die eingingen, als nichts mehr zu erwarten war.“ (S. 128)

Bei Monika Helfers Roman sitzt nicht nur jedes Wort, sondern jede Silbe. Auch inwieweit sie selbst noch Teil der familiären Verstrickungen mit all den verbundenen Vorlieben, Prägungen und Ängsten geblieben ist – als Enkeltochter, die Maria in Aussehen und Art besonders ähnelt – verheimlicht der Roman nicht. Die 1947 in Au/Bregenzerwald geborene Autorin lässt eigene Emotionen dabei weitgehend außen vor, sondern verweist auf Parallelen und wiederkehrende Motive. Luzide betrachtet sie die Szenerie, gleich „Der Badenden“ auf dem Titelcover. Die Umrisse sind erkennbar, doch von einem Schleier aus Dampf vernebelt. Mit der Beschreibung einer Kindermalerei beginnt der Plot. Mit einer Betrachtung des Gemäldes „Die Kinderspiele“ von Pieter Bruegel dem Älteren endet er. Ein weiterer stilistischer Schachzug, der seine Wirkung nicht verfehlt. Denn trotz allem dringt Hoffnung durch die Zeilen. Blut ist dicker als Wasser. Je mehr Druck von außen, desto mehr werden die Geschwister zusammengeschweißt. Sie können ihrer Familiengeschichte nicht entfliehen. Aber sie können sich mit ihr aussöhnen.

Fazit: Diese unkonventionelle Familiensaga auf nur 160 Seiten wird Sie für wenige Stunden aus Ihrer gewohnten Umgebung reißen. Klar, klug, treffsicher, verdichtet im Mikrokosmos eines abgelegenen Alpentals zur Zeitenwende des Ersten Weltkrieges, steckt in dieser Geschichte so viel Beobachtungsgabe und Menschenkenntnis, wie sie ein anderer Roman auf über 1000 Seiten nicht zu greifen weiß. Manchmal muss es eben nicht mehr sein.

Monika Helfer: Die Bagage.
dtv, August 2021.
160 Seiten, Taschenbuch, 11,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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