Malachy Tallack: Das Tal in der Mitte der Welt

Das kleine Tal im Norden der Shetlandinseln beherbergt nur fünf Häuser, und seine Bewohner könnten unterschiedlicher nicht sein. David lebt schon seit seiner Geburt hier, seine Frau Mary ist nach der Heirat zu ihm gezogen. Sandy ist mit Emma, der Tochter von David und Mary, hierhergekommen, doch Emma hat ihn verlassen und ist aufs Festland zurückgekehrt. Die Schriftstellerin Alice hat sich nach dem Tod ihres Mannes ein Häuschen gekauft und arbeitet nun an einem Buch über das Tal, seine Bewohner und seine Geschichte. Terry hat ein Alkoholproblem und wurde von seiner Frau verlassen. Ryan und Jo haben sich in ein vorher leerstehendes Haus eingemietet, um Miete zu sparen. Während also für die einen das Tal ein Ort fürs Leben darstellt, ist es für andere nur Zwischenstation.

Der Text fließt gemächlich dahin, so gleichmäßig wie das Leben im Tal. Die Jahreszeiten und das Wetter sind die bestimmenden Elemente. Das Klima ist rau, der Winter lang und Sonnentage sind eher selten. Der Rhythmus des Lebens wird zudem bestimmt von den Erfordernissen der Schafe, die als Nebenerwerb gehalten werden. Vor allem in Szenen, die den Umgang mit den Tieren beschreiben, werden starke Emotionen spürbar.

Abgesehen davon bleibt der Text distanziert beobachtend. Mir fällt dabei auf, dass Tallack offene Konfrontationen meidet. Das passt einerseits zu den Lebensnotwendigkeiten im Tal – die Nachbarn sind aufeinander angewiesen, die Fähigkeit zum Interessensausgleich ist unerlässlich. Andererseits wird der einzige Streit nur in der Rückblende angedeutet.

Der Roman wird aus wechselnden Perspektiven erzählt, der Autor gibt seinen Protagonisten Raum, sich zu erklären, in ihren Gedanken und ihren Motiven. Gleichzeitig umreißt er damit zum Teil gegensätzliche Konzepte von Freiheit. Ryan und Jo lassen sich alle Optionen offen. Das zwingt sie aber auch, immer wieder neu zu entscheiden, Fehlentscheidungen eingeschlossen. David hingegen ist im Tal fest verwurzelt, er hat alle anderen Wahlmöglichkeiten ausgeblendet. Damit werden Fehlentscheidungen im Gesamtkonstrukt nahezu ausgeschlossen.

Eines ist allen Bewohnern gemeinsam: Malachy Tallack beginnt seine Geschichte zu einer Zeit, als sich für jeden der Bewohner die Welt ein wenig ändert. David zum Beispiel ist nach dem Tod von Maggie jetzt der Dorfälteste und sieht sich in der Verpflichtung, die Traditionen des Tals zu hüten und weiterzugeben. Sandy wiederum muss sich entscheiden, ob er bleibt und sich ganz der Schafzucht widmet. Durch den an ein Tagebuch angelehnten Aufbau – die Kapitelüberschriften sind Datumsangaben – wirkt der Roman wie eine Chronik des Tales, die nahezu ein Jahr umfasst – vom 31. Oktober bis zum 20. August.

Das Buch ist eine Zustandsbeschreibung. Tallack ist klug genug, keine endgültige Lösung anzubieten; nur eine Perspektive, eine Richtung, wie es weitergehen könnte. Immerhin folgt auf einen Sommer immer auch der nächste Winter, und dann ein neues Frühjahr mit neuen Lämmern und vielleicht auch neuen Kindern.

Malachy Tallack: Das Tal in der Mitte der Welt.
Aus dem Englischen übersetzt von Klaus Berr.
Luchterhand Literaturverlag, Juni 2021.
384 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Jana Jordan.

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