Karosh Taha: Beschreibung einer Krabbenwanderung

Das ist der Blick durch ein Schlüsselloch. Man sieht auf der anderen Seite eine Welt, von der man quasi nichts weiß. Vielleicht schlimmer noch, eigentlich gar nichts wissen will. Warum ist das so? Ich fühlte mich während der Lektüre dieses interessanten, wohl fast schon autobiographischen Romans, irgendwie immer sowohl neugierig als auch abgeschreckt. Stellen wir uns dieses Hochhaus vor. Voller Kurden. Irgendwo in Deutschland. Das Haus hat sich wie ein Magnet vollgesogen mit Menschen aus der gebeutelten kurdischen Heimat.

Und sie haben alle ihre Weltanschauungen, ihren mehr oder weniger ausgelebten Islam und ihre Familienehre mitgebracht.  Die Älteren versuchen verzweifelt sich an dem wenigen zu klammern, was einen Menschen noch geradeaus laufen lässt, die Jüngeren versickern in dem neuen Land, dass ihnen selten genug eine neue Heimat bieten kann, außer vielleicht hier und da eine Ausbildung oder gar eine Arbeitsstelle.

Wir durchleben das Buch mit der Ich – Erzählerin Sanaa. Sie ist jung und hübsch, hat zwei Liebhaber, eine kratzbürstige pubertierende Schwester, eine depressive Mutter und einen rastlosen Vater. Sie taumelt durch die verschiedenen Kulturen, verfällt in Tagträume (die mit der roten Krabbe) und ist sich trotz aller Fluchtgedanken, ihrer Verantwortung bewusst. Egal was passiert, die Familie ist und bleibt heilig. Auch wenn hinter den Hochhausfassaden hier und da wild gelebt, gekifft, ja auch gesoffen und gehurt wird, irgendwie passt man aufeinander auf.

Das geht so weit, dass am Ende des Tages keiner frei ist aber eben auch nicht ganz unglücklich. Sanaa erklärt uns das, ich verstehe wieder alles ein bisschen mehr. Es macht mich nicht froh, dieses voyeuristische Buch zerrt an den Nerven und ist so vollkommen anders. Aber eben gut!

Karosh Taha: Beschreibung einer Krabbenwanderung.
DuMont Buchverlag, März 2018.
250 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Fred Ape.

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