Joseph Jefferson Farjeon: Dreizehn Gäste (1936)

Ein Politiker, ein Cricket-Spieler, ein Maler, ein Klatschreporter, ein Wurstfabrikant, eine Krimiautorin, eine Schauspielerin und eine faszinierende Witwe namens Nadine Leveridge – diese und andere illustre Gäste hat Lord Aveling zu einem Wochenende auf seinem Landhaus Bragley Court eingeladen. Der verschuldete Adlige will nach außen hin die Fassade wahren, nützliche Kontakte pflegen und nebenbei seine Tochter mit einem aufstrebenden Politiker verkuppeln. Doch es soll anders kommen…

Unfreiwillig platzt John Foss in diese bunt zusammengewürfelte Gesellschaft hinein. Als er am Bahnhof stürzt, nimmt ihn die schöne Nadine kurzerhand mit in das Landhaus. Dort soll sich John auskurieren. Als unerwarteter dreizehnter Gast lässt das Unglück nicht lange auf sich warten. Aufgrund seines verletzten Fußes ist John in einem Vorzimmer im Eingangsbereich untergebracht, wo er unfreiwillig Zeuge merkwürdiger nächtlicher Szenarien wird. Nach dem Motto „Der Beobachter sieht vom Spiel am meisten“ gewinnt John ungeahnte Einblicke in die Geheimnisse der Geladenen. Dieses Wissen ist für Kriminalinspektor Kendall bald Gold wert: Denn nach einem zerstörten Gemälde geht es diversen Vier- und Zweibeinern auf Bragley Court an den Kragen.

Elegant, typisch britisch, mit subtilem Wortwitz und ironischen Spitzen schafft Farjeon einen Plot, der nicht nur Krimi, sondern auch Gesellschaftsstudie ist. Der Roman ist ein weiteres Glanzlicht der Gattung „Landhauskrimi“ und „Cosy Crime“. Hier geht es weniger um Aktion und blutrünstige Szenen, sondern vielmehr um die Charaktere und ihre Interaktionen. Was den nostalgischen Krimigenuss für heutige Leseverhältnisse wieder so interessant macht, bringt das Nachwort von Martin Edvards gekonnt auf den Punkt:

In diesem Roman fühlt sich der Leser auf Augenhöhe mit dem Autor. Jeder aufmerksame Hobbydetektiv kann miträtseln, auch ohne über forensisches oder psychiatrisches Wissen zu verfügen. Die Protagonisten haben Abgründe, aber keine Perversionen. Sie haben Schwächen, aber keine Borderline-Symptome. Kurzum: Hier herrscht ein Stück weit „Heile Welt“ vor, sofern man dies von Krimis behaupten kann. Der Spannung tut dies keinen Abbruch. Im Gegenteil. So fällt allein schon die Identifikation mit den Figuren leichter. Zudem gelingt es Farjeon meisterlich, verschiedene Subplots miteinander zu verweben. Stichwort: Zur falschen Zeit am falschen Ort und umgekehrt.

Joseph Jefferson Farjeon, zu dessen Vorfahren Präsident Thomas Jefferson gehörte, kann es durchaus mit Agatha Christie oder anderen Ikonen der „Goldenen Ära der englischen Kriminalliteratur“ aufnehmen. Großen Welterfolg erzielte er mit seinem ein Jahr später veröffentlichten Roman „Frau in Weiß“. Farjeons Literatur besticht vor allem durch ihre liebevollen Figurenzeichnung. Selbst Hunde, Hirsche und Fasane werden so charakterisiert, dass Tierfreunden das Herz aufgeht. Ebenso zeigt er sich in punkto Frauenfiguren erstaunlich modern. Natürlich gibt es die obligatorisch „nervösen Frauenzimmer“, die hysterisch werden oder in Ohnmacht fallen. Aber es mischen auch andere Frauentypen mit: sexuell umtriebige Schauspielerinnen, scharfzüngige Witwen und emanzipierte Adelstöchter, die den adäquaten, aber ungeliebten Wunsch-Schwiegersohn im wahrsten Sinne des Wortes im Wald stehen lassen.

Fazit: Wer Lust auf einen eleganten „Cosy Crime“-Landhauskrimi hat, in dem zwischen den einzelnen Leichen eine nostalgische Aura von „Heile Welt“ weht, ist mit diesem Roman bestens beraten.

J. Jefferson Farjeon: Dreizehn Gäste (1936).
Klett-Cotta, März 2019.
348 Seiten, Gebundene Ausgabe, 15,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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