John Ryan Stradal: Die Bierkönigin von Minnesota

Ich gebe zu, dass ich dieses Buch in die Leseliste aufgenommen hatte, war ein Freud’scher Verleser – ich hatte „Bienen“ statt „Bier“ gelesen. Daher habe ich die Lektüre auch ein wenig vor mir hergeschoben. Doch einmal angefangen, konnte ich die Geschichte kaum mehr aus der Hand legen – das Buch hat mich von der ersten Seite gepackt.

Im Zentrum des Romans stehen drei Frauen: Helen, die mit 15 zum ersten Mal Bier getrunken hat, lebte von da an nur für ein Ziel – sie wollte selbst Bier brauen. Um ihre Brauerei finanzieren zu können, überredete sie ihren Vater, seine Farm zu verkaufen und ihr das gesamte Erbe zu überlassen. Ihre Schwester Edith ging leer aus und verweigerte fortan den Kontakt Helen.

Nach dem Unfalltod ihrer Tochter nimmt Edith ihre 15jährige Enkelin Diana bei sich auf. Diese unterstützt ihre Oma, indem sie neben der Schule arbeiten geht, aber auch durch den Verkauf gestohlener Werkzeuge. Bei einem dieser Einbrüche wird sie erwischt und einigt sich mit dem Besitzer auf einen Deal – sie darf in seiner Brauerei arbeiten, um die Schulden abzugelten. Dabei erliegt sie der Faszination des Getränkes.

Das Buch ist eine Familiengeschichte im besten Sinne. Es behandelt einen Zeitraum von 1959, als Helen im Teenageralter und Edith fast schon verheiratet war, und endet im Jahr 2019, da ist Edith schon 79 Jahre alt. Dazwischen liegen glückliche Ehejahre, Arbeit in verschiedenen Jobs, Aufstieg und Niedergang einer Firma, Freundschaften, Verluste, Trauer, neue Chancen. Vor allem aber ist es Einblicke in die Lebensverhältnisse im mittleren Westen der USA. Stradal, der selbst aus Minnesota stammt, beschreibt den Existenzkampf von Familien, die keine soziale Absicherung kennen. Edith arbeitet noch mit über 70 Jahren in zwei Jobs, um Geld für Lebensmittel und Miete zu haben, für das Ansparen einer Rente hat das Einkommen nie gereicht. Mich hat der unerschütterliche Mut, mit dem diese Frau ihr Leben meistert, ebenso beeindruckt wie die Zielstrebigkeit, mit der Helen und später Diana ihre Träume verwirklichen und dabei auch Entbehrungen auf sich nehmen.

Ich lerne das Bier neu kennen. Nein, ich bin kein Biertrinker, aber Stradal hat erreicht, dass ich die Leidenschaft der beiden Bierbrauerinnen verstehen kann und sie für ihr Durchhaltevermögen bewundere. Immerhin ist das Brauereigeschäft männlich dominiert, Frauen müssen deutlich mehr leisten, um hier Fuß fassen zu können. Und ich freue mich an der Kreativität, mit der die Frauen ihr Handwerk betreiben. Für mich ist das Buch auch eine Würdigung des individuellen Handwerks als Gegenentwurf zu gesichtsloser Massenware.

Aber wer ist nun eigentlich die Bierkönigin? Jede der Bier brauenden Frauen hätte den Titel verdient. Ich habe eine Favoritin und würde, wenn ich könnte, auf ihr Wohl jetzt ein Grandma Edith’s Rhubarb-Pie-In-A-Bottle leeren.

John Ryan Stradal: Die Bierköniging von Minnesota.
Aus dem Englischen übersetzt von Kathrin Bielfeldt.
Diogenes, Juli 2021.
432 Seiten, Taschenbuch, 18,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Jana Jordan.

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