Joe Abercrombie: Schattenklingen

Fantasy ist uniform – so zumindest könnte man den Eindruck haben, lässt man einmal die Erfolgsserien und Romane Revue passieren. Zumeist bekommt man es als Leser mit einer archaischen Welt zu tun, in der es aber erstaunlich klinisch rein zugeht. Joe Abercrombies Bücher sind anders, als diese austauschbaren Werke. Bei ihm geht es dreckig zu, watet man im Unrat, friert sich den Hintern ab und begegnet dem Schicksal im Unwetter. Statt immer nur Sonnenschein entführt er uns in eine Kulisse, in der seine Protagonisten leiden. Nicht nur aufgrund ihrer Gegner, oder des unbarmherzigen Schicksals, auch die Witterung, der Verfall sowohl der Sitten wie auch der Gebäude stellt ihnen in schöner Regelmäßigkeit ein Bein.

In den bisherigen Romanen aus der Welt der Klingen lernten wir die Nordmänner und die Union, die miteinander im Krieg liegen kennen, verfolgte blutige Scharmützel, schreckliche Schlachten und Verrat auf allen Seiten mit. Vereint wurden diese Romane durch die so markant realistisch beschriebene Welt, durch vielschichtige Gestalten, deren Motivation uns mehr als nachvollziehbar beschrieben wurde und eine Gemeinsamkeit – Leid. Sie alle, gleich welcher Seite sie angehören, litten und leiden, das Schicksal meinte es, selbst mit denen, die meinten auf der Sonnenseite zu stehen, nie wirklich gut.

Über die Jahre hat Joe Abercrombie für diverse Anthologien einige Kurzgeschichten aus dieser, seiner Welt verfasst. Neben diesen enthält der Sammelband weitere, extra für diese Veröffentlichung geschriebene Stories, in denen er uns einmal mehr in den kalten, unwirtlichen Norden, den heißen Süden und die matschige Gegend zwischendrin entführt. Immer wieder nutzt er dabei neben bekannten Figuren auch zwei neue, ungewöhnliche Erzähler.

Schev, eigentlich Schevedieh, gehört zu den besten Dieben Styriens, wenn nicht auf der Welt. Als sie sich aus dem Geschäft zurückziehen will, sind einige ihrer bisherigen Auftraggeber so gar nicht begeistert. Doch als sie Schev ans Leder wollen müssen sie feststellen, dass diese eine neue Freundin hat. Javre, ehemalige Tempelritterin des Goldenen Ordens ist ein wahrer Koloss von Frau. Sie scheint nur aus Sehnen und Muskeln zu bestehen, besitzt ein magisches, gleißend strahlendes Schwert und eine Libido, die selbst abgebrühtesten männlichen Huren den Schweiß auf die Stirn treibt. Wir begleiten die Beiden fast 20 Jahre lang auf ihrem gemeinsamen Weg – der gepflastert ist von Leichen, verlorenen Schätzen und jeder Menge vergossenen roten Lebenssaft.

Nicht nur hier, eigentlich in jeder der dreizehn Geschichten wartet erneut eine ganz Abercrombie-typische Welt darauf, dass sie den leidgeprüften Erzählern einen Tritt ins Gemächt erteilen darf. Und es wird mächtig gelitten, gestöhnt, geblutet und gestorben. Das ist viel Sword wenig Sorcery, aber alles in Allem unheimlich packend erzählt. Insofern, nicht nur für Fans der Prosa Abercrombies ein Muss, auch für Neuleser geeignet, einmal hineinzuschnuppern in eine Fantasy-Welt der anderen, dreckigen, der interessanteren Art.

Joe Abercrombie: Schattenklingen.
Heyne, Januar 2017.
432 Seiten, Taschenbuch, 12,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Carsten Kuhr.

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