Javier Marías: Berta Isla

Der spanische Schriftsteller Javier Marías (Jahrgang 1951) gilt als Anwärter auf den Literaturnobelpreis. Er wurde in Madrid geboren. Sein Vater, ein Philosoph, litt unter der Verfolgung durch das Franco-Regime. Die Familie lebte zeitweise in den USA, so dass Marías zweisprachig aufwuchs. Javier Marías erhielt zahlreiche Preise und Auszeichnungen. Er lehrte in Oxford und lebt heute in Madrid. Es kommt daher nicht von ungefähr, dass beide Städte wiederkehrende Schauplätze in seinen Romanen sind. So auch in Marías‘ neuestem mit dem Titel „Berta Isla“, den der S. Fischer Verlag in einer Übersetzung von Susanne Lange am 22. Mai 2019 veröffentlichte.

In dem mehr als 650 Seiten starken Roman erzählt Javier Marías die Geschichte des  (Ehe-)Paares Berta Isla und Tomás (Tom) Nevinson. Tomás‘ Mutter ist Spanierin, sein Vater Brite. Berta und Tomás lernen sich während ihrer Schulzeit in den 1960er Jahren in Madrid kennen und wissen, dass sie füreinander bestimmt sind. Tomás geht nach dem Abitur zum Studium nach Oxford. Berta und er erleben als Studenten die sexuelle Befreiung der 1968er Jahre. Sie in Spanien, Tomás in Großbritannien. Und dennoch wissen sie, dass sie nach Tomás‘ Rückkehr heiraten werden. Tomás‘ besonderes und hervorragendes Sprachtalent macht ihn für den britischen Geheimdienst interessant, der ihn anwirbt. Zunächst geht Tomás nicht darauf ein, doch dann wird er in ein Verbrechen verwickelt. Aus Angst vor dem Gefängnis beginnt Tomás, für den Geheimdienst zu arbeiten. Mit weitreichenden Konsequenzen für seine Beziehung zu Berta. Er heiratet sie, aber er ist viel fort von zu Hause. Berta denkt, er arbeitet für die britische Botschaft. Da Tomás zur Verschwiegenheit verpflichtet ist, bleiben Berta nur Spekulationen und Vermutungen. Früh erkennt sie die Wesensveränderungen ihres Mannes. Sie bekommen einen Sohn und eine Tochter. Dann beginnt der Falkland-Krieg und Tomás verschwindet. Für lange Jahre erhält Berta weder Informationen noch ein Lebenszeichen. Schließlich glaubt sie fast, dass ihr Mann tot ist. Sie bleibt mit den Kindern in Madrid in einem Schwebezustand des Wartens, Hoffens und der Enttäuschung. Ist sie noch Ehefrau oder schon Witwe? Am Ende erhält sie eine Antwort auf diese Frage.

Javier Marías spinnt die Geschichte um Berta und Tomás an einem langen Faden. Sein Erzähltempo ist langsam und gemächlich. Seine Sätze lang und verschlungen. Die Geschichte um Tomás mit einem auktorialen Erzähler der vielen Worte dient als Rahmenhandlung, aber ich als Lesende erfahre darin wenig über Tomás‘ geheimdienstliche Aktivitäten. Hier gibt es keine „Action à la James Bond“. Stattdessen fokussiert Marías auf die Auswirkungen von Tomás‘ Doppelleben auf seine Ehe mit Berta. Marías baut zwei Figuren aus seiner Trilogie „Dein Gesicht morgen“ (Band 1-3, 2004-2007), Sir Peter Wheeler und Bertram Tupra, in den Roman ein. Wheeler ist einer von Tomás‘ Professoren in Oxford und Tupra wird sein Chef beim Geheimdienst MI6. Sie geben Tomás‘ Leben die entscheidende Richtung vor.

Berta selber kommt als Ich-Erzählerin zu Wort. Sie schwankt zwischen Liebe und Treue zu ihrem Ehemann und ihrem wachsenden Zweifel an seiner wahren Identität.

Mit seinem ersten Satz fängt Marías das geballte Unheil in seiner Geschichte ein: „Es gab eine Zeit, da war sie sich nicht sicher, ob ihr Mann ihr Mann war, wie man auch im Dämmerschlaf nicht weiß, ob man denkt oder träumt, ob man seinen Geist noch lenkt oder die Erschöpfung ihn in die Irre führt.“ (S. 9).

Marías verwebt seine langen Erzählfäden mühelos zu einem faszinierenden Geflecht, in dem sich seine Figuren gnadenlos verheddern.

Wie ein Chamäleon verbringt Tomás sein Leben mit wechselnden Rollen im Ausland, darüber verliert er am Ende seine eigene Identität, wenn er denn je eine hatte. Bei jedem seiner Besuche in Madrid scheint er, um Jahre gealtert und noch schweigsamer geworden zu sein. Und Berta kann dabei nur zuschauen. Den Mann, den sie bei ihrer Hochzeit zu kennen glaubte, erkennt sie bald nicht mehr. Aber Bertas Charakter ist stark, sie lebt ihr Leben mit den Kindern in ihrer Heimatstadt. Der schleichenden Zersetzung durch Abwesenheit, Schweigen und Betrug hält die Ehe nicht stand.

Und schlimmer noch: Tomás erkennt spät, zu spät, dass es für ihn eine andere Option gegeben hätte.

Diese Geschichte erzählt Javier Marías auf meisterliche Art. Er bedient sich bei Motiven von Shakespeare, T.S. Eliot und anderen und macht damit einen philosophischen und politischen Sprung über den Tellerrand seiner Geschichte hinaus: Lässt sich ein Leben in Tarnung, Täuschung und Lüge dadurch rechtfertigen, dass es im Dienst des (Heimat-) Landes und zu dessen Ehre und Rettung geführt wird?

„Berta Isla“ ist ein großer Roman mit einer starken, klugen Frauenfigur  und Javier Marías ein großer Schriftsteller. Bitte lesen!

Javier Marías: Berta Isla.
Fischer, Mai 2019.
656 Seiten, Gebundene Ausgabe, 26,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.

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