Jan Kuhlbrodt: Das Stockholmsyndrom

Herr Rudolph, Lehrer an einer Schule in Frankfurt, sitzt in der Dämmerung alleine in einer heruntergekommenen Lagerhalle. Eingesperrt. Als er nach dem Unterricht am Nachmittag aus seinem Stammcafé gekommen ist, hat ihn ein Fremder gepackt und in einen Lieferwagen gestoßen. Alles ging ganz schnell. Das einzige, was er von ihm gesehen hat, waren die eng beieinander stehenden Augen. Im Gedächtnis geblieben ist ihm auch das Wort „Hundsfott“, mit dem der Mann ihn beschimpft hat.

Ganz rational und logisch geht er an die Sache heran, schließlich ist er Mathematiklehrer. Er analysiert die Umstände anhand der wenigen Details, die ihm bekannt sind, denkt über den Sinn nach, entwirft für sich ein Bild der Situation, versetzt sich in den Entführer hinein, stellt ihn sich vor, sucht einen Ausweg aus der Lage.

Dann, nach ein paar Stunden, wird er wieder freigelassen. Ohne Erklärung. Ohne Lösegeldforderung. Einfach so. Er erzählt niemandem davon. Eigentlich hat er auch niemanden, den das interessieren könnte. Nur zu Frau Wicorek, der Sportlehrerin an seiner Schule, fühlt er sich hingezogen. Aber er hat sich ihr bisher nicht geöffnet. Seine sozialen Kontakte halten sich in engen Grenzen.

Doch der Vorfall lässt ihn nicht los. Er beginnt nach seinem Entführer zu suchen und hat auch bald einen Verdacht. Die Verfolgung führt ihn in ein altes Haus, in dessen Keller er eine denkwürdige Begegnung hat.

Der Autor Jan Kuhlbrodt entwirft in seiner Novelle „Das Stockholm Syndrom“ eine Situation, bei der sofort mein Kopfkino angesprungen ist. Absurd, mit kafkaesken Zügen, aber in sich schlüssig und nachvollziehbar, entwickelt er die Geschichte eines Außenseiters, der aus seiner gewohnten Bahn geworfen wird und sich in der Folge eine neue Welt „zusammenspinnt“. Nichts mehr ist für ihn selbstverständlich. Er hinterfragt sich und seine Vergangenheit und versucht, wieder Herr in seinem Leben zu werden.

Dabei konnte ich als Leserin tief in die Gedanken und Gefühle der Figur eintauchen. Herr Rudolph – oder „Kroll“ wie er oft genannt wird – repräsentiert einen verlorenen Menschen in unserer komplexen und undurchschaubaren Gesellschaft, in der Vereinzelung ein großes Thema ist. Ich habe mit Kroll gelitten und gegrübelt, bin ihm – auf der Suche nach seinem Entführer und nach sich selbst – durch die Straßen und in die Unterwelt gefolgt und habe dabei auch etwas über mich selbst gelernt.

Ich denke, ein kleineres oder größeres Stück „Kroll“ steckt in uns allen.

Deshalb empfehle ich diese Geschichte gerne Leserinnen und Lesern, die sich ebenfalls auf einen spannenden Streifzug durch die inneren und äußeren Erlebnisse von Herrn Rudolph einlassen wollen.

Jan Kuhlbrodt: Das Stockholmsyndrom.
elifverlag, Februar 2018.
84 Seiten, Taschenbuch, 12,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Beate Fischer.

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