Haruki Murakami: Die Ermordung des Commendatore 01: Eine Idee erscheint

Der weltberühmte, japanische Schriftsteller Haruki Murakami (Jahrgang 1949) hat mit seinem neuen Roman „Die Ermordung des Commendatore I – Eine Idee erscheint“ wieder einmal die Bestseller-Listen gestürmt. Das Buch erschien am 22. Januar 2018 in einer Übersetzung von Ursula Gräfe beim DuMont Verlag.

In dem Roman, dessen zweiter Teil im April 2018 in Deutschland erscheinen wird, begibt sich ein sechsunddreißigjähriger, japanischer Porträtmaler nach der Trennung von seiner Ehefrau Yuzu, mit der er beinahe sechs Jahre verheiratet war, zunächst auf eine ziellose Autofahrt durch Japan. Schließlich kommt er in einem alten Haus in den Bergen („…eine Art Cottage im westlichen Stil.“) unter, das ihm sein Freund Masahiko Amada vermietet. Masahiko ist der Sohn des Malers Tomohiko Amada, der nun unter Demenz leidend in einer Seniorenresidenz lebt. In dem leer stehenden Haus bei Odawara hatte Masahikos berühmter Vater Bilder im klassischen japanischen Nihonga gemalt („…Bilder…, die vornehmlich unter Verwendung von Leim, Farbpigmenten und Blattgold entstehen.“). Um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, gibt der Porträtmaler Kunstunterricht in einem Kulturzentrum,  außerdem beginnt er eine Affäre mit einer seiner erwachsenen Schülerinnen.

Auf dem Dachboden des Cottages entdeckt der namenlose Ich-Erzähler ein bis dahin unentdecktes, verpacktes Bild Amadas: „Die Ermordung des Commendatore“. Das Bild nimmt Murakamis Protagonisten gefangen. Er entdeckt die Parallelen zu Mozarts Oper „Don Giovanni“ und versucht mehr über Tomohiko Amada zu erfahren, der sich Ende der 1930er Jahre zu Studienzwecken in Wien aufhielt, um danach zurück in Japan seinen Malstil grundlegend zu verändern.

Unvermittelt erhält der Porträtmaler über seinen Tokioter Agenten einen sehr gut dotierten Auftrag. Er soll einen reichen Mann porträtieren. Nach kurzem Zögern nimmt er das Angebot an und hat zunächst große Schwierigkeiten seinen Auftraggeber, den weißhaarigen Herrn Wataru Menshiki (im Japanischen die Zeichen für „überqueren“, „Farbe“ und „vermeiden“), zu zeichnen.  Noch während seiner Arbeit an dem Porträt, wird er nachts durch das Gebimmel eines Glöckchens geweckt.

Auf der Suche nach dem Ursprung des Geläuts findet sich in einer Grube auf dem Grundstück ein Glockenstab. Der Porträtmaler nimmt ihn mit ins Atelier. Dann erscheint ihm plötzlich eine Figur, der Commendatore, aus dem Bild, der sich selbst als „eine Idee“ vorstellt. Das Porträt von Herrn Menshiki wird anders als erwartet und doch ein großer Erfolg. Der Auftraggeber ist begeistert, so dass er ihn bittet, ein Porträt seiner Tochter Marie anzufertigen, die jedoch nicht weiß, dass Menshiki ihr Vater ist. Der Maler willigt in seine Scheidung ein, beginnt mit dem Porträt der Tochter und gräbt weiter fasziniert und gefesselt in der Geschichte des Bildes und seines Malers. Fortsetzung folgt…

Haruki Murakami macht es spannend. Der erste Teil von „Die Ermordung des Commendatore 01: Eine Idee erscheint“ lässt sich Zeit mit der Geschichte des Porträtmalers, der keine Porträts mehr malen möchte. Der Protagonist und Ich-Erzähler fährt allein durch das Land, hat einen One-Night-Stand mit einer Unbekannten, landet im Haus eines berühmten Nihonga-Malers  und erlebt bald unwirkliche Dinge.

Murakami beginnt mit einem Prolog, der den Lesenden in das Reich zwischen Traum und Wirklichkeit zu einem „Mann ohne Gesicht“ aber mit festem Willen führt. Daran knüpft sich die Erzählung des Protagonisten zunächst in einer Rückblende auf das Scheitern seiner Ehe und seine Reise durch Japan. Murakamis Figur ist geprägt durch den frühen Tod der jüngeren Schwester Komi. Sein enges Verhältnis zu ihr beeinflusst auch als Erwachsener seine Beziehung zu Frauen. Empfindsam wie er ist, ist er empfänglich für Übersinnliches und Geheimnisvolles. Murakami beschreibt dies in seinem unverwechselbaren Stil, in einer schönen Sprache, mit einem feinen Humor, mit einem eleganten Verweben japanischer und  europäischer Motive und musikalischen Einsprengseln.

Und doch erlebe ich etwas als seltsamen Bruch im Erzählen: es gibt einen Dialog zwischen dem Porträtmaler und Marie Akikawa in Kapitel 30 gegen Ende des Buches. Unvermittelt wechseln die Gesprächsthemen während der ersten Porträt-Sitzung und plötzlich fragt das sehr junge, japanische Mädchen den ihr im wesentlichen völlig fremden Kunstlehrer:

„»Ich kann nicht anders, ich muss dauernd an meine Brüste denken«, sagte Marie gleich darauf. »Jeden Tag denke ich an fast nichts anderes. Ist das nicht seltsam?«

»Nicht besonders«, sagte ich. »Du bist eben in dem Alter. In deinem Alter habe ich wahrscheinlich auch die ganze Zeit nur an meinen Pimmel gedacht. Ob er womöglich komisch geformt ist oder zu klein oder nicht richtig funktioniert. Solches Zeug.«“ (S. 457)

Was ist das, Nabokovs „Lolita“?

Murakamis Figuren sind rätselhaft und geheimnisvoll, das Geschehen mysteriös und magisch. Als Lesende kann man sich dem Sog der Geschichte nicht entziehen und möchte unbedingt erfahren, genau wie der Protagonist, was es auf sich hat mit dem gefundenen Bild, dem reichen Auftraggeber, der angeblichen Tochter, dem berühmten Nihonga-Maler und seiner Zeit in Österreich?

Doch darauf wird es erst im zweiten Teil „Die Ermordung des Commendatore 02: Eine Metapher wandelt sich“ Antworten geben. Und das ist der Nachteil dieses Buches, das so offensichtlich, beinahe schamlos (insbesondere in den letzten beiden Kapiteln) auf eine Fortsetzung angelegt ist, dass es das Lesevergnügen schmälert.

Haruki Murakami: Die Ermordung des Commendatore 01: Eine Idee erscheint.
DuMont Buchverlag, Januar 2018.
480 Seiten, Gebundene Ausgabe, 26,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.

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Ein Kommentar zu “Haruki Murakami: Die Ermordung des Commendatore 01: Eine Idee erscheint

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