Guillermo Arriaga: Das Feuer retten

Schonungslos brutal und mitreißend: Arriagas Roman „Das Feuer retten“ erhitzt in der Tat die Gemüter. Seine Protagonisten spielen nicht nur mit dem Feuer, sie stürzen sich mitten hinein. Ganz nach dem Sprichwort: Wenn unser Haus schon in Flammen steht, können wir uns auch darin wärmen. Der mexikanische Autor berichtet von einem Land, das extrem gespalten ist, ächzend unter Korruption, Rassismus und Gewalt. Auf der Sonnenseite des Lebens ist hingegen Marina verortet. Verheiratet mit einem erfolgreichen Banker, lebt sie mit ihren drei Kindern in einem abgeschotteten Nobelviertel und leitet ihre eigene Tanzcompagnie. Ihre Choreografien sind gut, aber nicht überragend. Ihr fehlt die Leidenschaft, das Kraftvolle, das Überschreiten von Grenzen. Eine solche überschreitet sie, als sie mit Ihrer Compagnie das Angebot eines reichen Freundes annimmt, der sich für die kulturelle Bildung von Häftlingen einsetzt. Gemeinsam mit Ihrer Tanzgruppe führt Marina ihr Stück in einem Gefängnis auf und lernt dort José Cuauhtémoc kennen. Ein Mann, der weder optisch noch intellektuell dem Klischee eines Häftlings entspricht. Da Marina auch an einer Schreibwerkstatt für Häftlinge teilnimmt, kommt sie immer mehr mit seinen Texten in Berührung und ist fasziniert von diesem Mann. So fasziniert, dass sie sich bald in einem Strudel von Ereignissen befindet, die sie Lust, Leid und Leidenschaft auf jede erdenkliche Form erfahren lässt. Marina bricht radikal mit ihrem bisherigen Leben. Ist es Selbstbefreiung oder Selbstzerstörung? Was ist man bereit, für das eigene Glück zu opfern? Die Leserschaft wird dazu anregt, über existenzielle Fragen nachzudenken.

„Wer findet, war auf der Suche, auch wenn er es nicht weiß.“ (S. 745) Was bringt Marina dazu, sich in einen Mann zu verlieben, der seinen eigenen Vater bei lebendigem Leibe angezündet hat? Mit José Cuauhtémoc hat der Autor eine faszinierende Figur voller scheinbarer Widersprüche gefunden, die letztlich aber in sich stimmig sind. Vor allem bei Betrachtung von Josés komplexer Familiengeschichte. Sein Vater, ein Indio aus bettelarmen Verhältnissen, hatte sich zum vermögenden und einflussreichen Intellektuellen hochgearbeitet. Nach außen hin der Mustermann, quälte er seine Familie und wandte teilweise drakonische Maßnahmen an, um seine Kinder fürs Leben „abzuhärten“. Geheiratet hat er eine blonde Spanierin, eine Weiße, als wollte er den Landraub seiner Vorfahren umkehren. Die drei Kinder sind zwar hochintelligent, aber unglücklich. Sie werden zum Mörder, zur Alkoholikerin, zum bindungsunfähigen Millionär. Kommt Gewalt also nicht von ungefähr? Ist sie in der Natur fest verankert? Lohnt es sich nicht, zum Veganer oder Pazifisten zu werden?

Arriagas Prosa ist kernig: die Sex- und Gewaltszenen, die Bloßlegung von Armut, Folter, Schmutz, Isolationshaft. Sein Mexiko ist fernab jeglicher Acapulco-Romantik. Gefängnismeutereien werden aus politischen Gründen angezettelt, verfeindete Kartelle schlachten sich gegenseitig ab, reiche Töchter treffen zur Lösegelderpressung stückchenweise zu Hause ein. Die verantwortliche Erpresserin meint dazu selbstbewusst: „Ich habe ihr die Finger gekappt, aber mir und meinesgleichen hat man in diesem Scheißland die Flügel und Füße gekappt.“ (S. 799)

Rotiert Gewalt, so wie sich Geschichte wiederholt? Soll man sich in seiner behüteten Wohlstandsblase langweilen oder ist das Wilde das einzig Lebendige? Es sind Fragen wie diese, mit denen uns der Autor konfrontiert und die mitunter Unbehagen hervorrufen. Denn auch Marina entdeckt nach und nach, dass sie gefangen ist in Vorurteilen und Konventionen, wie fast alle Menschen, die in gesicherten Verhältnissen aufwachsen.

Bemerkenswert ist Arriagas Fähigkeit mühelos zwischen verschiedenen Schreibstilen und Perspektiven zu pendeln. Die Ereignisse werden leicht zeitversetzt aus Sicht von Marina und José geschildert, was tiefe Einblicke in ihr Seelenleben gewährt. Berührend sind die Zwiegespräche mit dem toten Vater, aufgeschrieben von Josés Bruder Francisco. Von größter emotionaler Wucht sind allerdings die Gedichte und Texte, welche die Gefängnisinsassen in der Schreibwerkstatt verfasst haben. Hier speist sich das Grauen aus Kontrasten, aus dem doppelbödigen Zusammenprall von Poesie und Realität. Denn jede Geschichte ist mit dem Namen des Verfassers, seiner zu verbüßenden Haftstrafe und seinem begangenen Verbrechen unterzeichnet. So bekommt ein Liebesgedicht durch den Zusatz „Haftstrafe wegen Verführung und Vergewaltigung einer Minderjährigen“ einen schockierenden Beigeschmack.

Es sind literarische Finessen wie diese, die Arriagas Buch so besonders machen und die von der ersten bis zur letzten Seite fesseln. Der Erfolgsautor, dessen Drehbücher zu „21 Gramm“ und „Babel“, unter anderem mit dem Oscar ausgezeichnet wurden, trifft beim Lesen manchmal mitten in den Magen. Man muss seine Protagonisten nicht mögen, man kann sie lieben oder hassen, man kann sie verurteilen oder bemitleiden, doch eines kann man nicht: sich ihrer Faszination entziehen. So hat diese literarische Tour de Force ihren eigenen Reiz.

Guillermo Arriaga: Das Feuer retten.
Aus dem Spanischen übersetzt von Matthias Strobel.
Klett-Cotta, April 2022.
800 Seiten, Gebundene Ausgabe, 28,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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