Gianfranco Calligarich: Der letzte Sommer in der Stadt

„Der letzte Sommer in der Stadt“ von Gianfranco Calligarich ist im Original bereits 1973 erschienen und hat sich in Italien seither zu einer Art Kultroman entwickelt. Literaturzirkel diskutieren ihn, Studenten schreiben Seminararbeiten über ihn. Nun ist er endlich auch auf Deutsch erschienen.

Der Roman erinnert ein wenig an langsam erzählte und melancholische Filme von Visconti oder Fellini, in denen die Atmosphäre wichtiger ist als die Handlung – hier die in einem heißen Sommer im Süden Europas Anfang der 1970er-Jahre. Man raucht und trinkt zu viel, kann sich vor Hitze kaum bewegen und schaut den Frauen hinterher. La Dolce Vita. Auch Vergleiche mit Hemingway („Fiesta“ zum Beispiel) ließen sich ziehen.

​Zur Handlung: Leo Gazzarra, der aus Mailand stammt, lebt in Rom in den Tag hinein. Er hat kein Geld und kann sich nur schwer zu einer geregelten Arbeit aufraffen. Außerdem hat er ein Alkoholproblem. Dann lernt er bei Freunden die umwerfende Arianna kennen, und es ist um beide geschehen.

„Der letzte Sommer in der Stadt“ ist trotzdem kein klassischer Liebesroman, denn die Liebenden haben Schwierigkeiten zueinander zu finden. Er ist ständig betrunken, sie ist extrem launenhaft und kapriziös.

Trotz seines Kultstatus‘ gibt‘s auch Kritikpunkte an diesem Text: So werden in ihm mindestens 50 Mal „die Segel gesetzt“ – als Synonym für „aufbrechen“. Man fragt sich: Ist die ständige Wiederholung ein Stilmittel, eine Nachlässigkeit der Übersetzung oder eine Sünde, die bereits im Original vorkommt? Auch inhaltlich kann man an diesem merkwürdigen Paar, das partout nicht zusammenkommen kann, mitunter verzweifeln.

Insgesamt ist „Der letzte Sommer in der Stadt“ ein etwas dekadenter, nostalgischer Roman, der das Nichtstun vielleicht eine Spur zu sehr romantisiert. Möglicherweise ist er aus heutiger Sicht sogar ein bisschen frauenfeindlich.

Gianfranco Calligarich: Der letzte Sommer in der Stadt.
Aus dem Italienischen übersetzt von Karin Krieger.
Paul Zsolnay Verlag, Januar 2022.
208 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Andreas Schröter.

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