Eshkol Nevo: Die Wahrheit ist

Den Roman „Die Wahrheit ist“ von Eshkol Nevo haben gleich zwei unserer Rezensenten gelesen. Lesen Sie hier beide Beiträge von Sabine Sürder und Andreas Schröter.

Sabine Sürder meint: Der israelische Schriftsteller und ehemalige Werbetexter Eshkol Nevo (Jahrgang 1971) landete 2007 mit seinem zweiten Roman „Wir haben noch das ganze Leben“ in Deutschland einen Bestseller. 2018 veröffentlichte dtv seinen Roman „Über uns“. Nun erschien ebenda am 24. April 2020 Nevos neuestes Werk unter dem Titel „Die Wahrheit ist“ in einer Übersetzung von Markus Lemke.

Darin beantwortet ein Autor mit dem Namen Eshkol Nevo Leserfragen, die ihm ein Online-Redakteur übermittelt. Und es beginnt ein Spiel mit Wahrheit und Lüge. Der Autor lässt seine Lesenden im Unklaren darüber, wie viel in seinen Antworten wahr ist und wie viel er erfunden hat. Das hat anfänglich viel Reiz, da ich mich als Lesende immer wieder neu frage: stimmt es oder stimmt es nicht? Aber mit zunehmender Seitenzahl und Lesedauer ermüdet mich dieses Frage- und Antwortspiel. Und zwar vor allem deswegen, weil der Autor penetrant darauf besteht, ein notorischer Lügner und Geschichtenerfinder zu sein. Der alles und jede/n zu einer Geschichte macht. Wie unnötig, mich fortwährend mit der Nase darauf zu stoßen. Genauso unnötig wie das fortlaufende Gejammer über Dysthemie („einer auf kleiner Flamme schmorenden Missstimmung“), unbefriedigende Lesereisen und mangelndes Talent. 

Die drei Erzählfäden um die Liebesgeschichte mit der Ehefrau Dikla, die Krebserkrankung des besten Freundes Ari und den Auszug der ältesten Tochter Shira sind dagegen das Durchhalten beim Lesen wert. So gelingt das formale Experiment am Ende doch noch. Wenngleich ich mich frage, ob es denn der Fragen tatsächlich bedarf, entfernt sich der Autor doch in seinen Antworten zuweilen meilenhaft davon, so dass ich häufig zurückblättern musste, um mir die der Antwort zugehörige Frage noch einmal in Erinnerung zu rufen. Vielleicht will Eshkol Nevo aber auch zeigen, dass man, egal wie eine Frage lautet, eine Antwort dazu erfinden kann. Oder eine Geschichte erzählen kann, die man gerne erzählen möchte. So wie die Fähigkeit von Politikern, eine Frage nur als Aufhänger für ihr vorab zurechtgelegtes Statement zu begreifen. 

Nevos Antworten sind berührend, herausfordernd, provozierend (und für mich als Frau das eine oder andere Mal unerträglich). Manchmal an den Haaren herbeigezogen, manchmal einleuchtend und stimmig, manchmal banal. So ist „Die Wahrheit ist“ eine interessante Variante des Schreibens und Erzählens, die Leserinnen und Leser eine Entscheidung darüber abverlangt, was sie für wahr nehmen möchten und was nicht. Wie zum Beispiel, diesen Satz: „Nach ein paar Tagen sind wir mit dem Zug in eine andere Stadt gefahren, um noch ein Freundespaar aus Israel zu besuchen, das von den Schuldgefühlen der Deutschen lebt“ (S.378).

Andreas Schröter meint:  Eshkol Nevo, geboren 1971, ist einer der angesagtesten Autoren Israels. Nun hat er einen formell ungewöhnlichen Roman vorgelegt, in dem er Fragen von Lesern beantwortet, mit denen wohl jeder Autor im Laufe seiner Karriere behelligt wird: „Haben Sie schon immer gewusst, dass Sie Schriftsteller werden wollen?“, „Was ist Ihr Antrieb zum Schreiben?“ oder „Träumen Sie von Ihren Figuren?“ 

​Natürlich tut er es nicht so, wie man es gemeinhin erwarten würde. Nevo antwortet ausführlich und manchmal, indem er die eigentliche Frage nur am Rande streift. 

Obwohl die Hauptfigur so heißt wie der Autor selbst und obwohl diese mehrfach beteuert, immer wahrheitsgemäß antworten zu wollen, kann der Leser letztlich nicht wissen, wie hoch die autobiographischen und die erfundenen Anteile in diesem Buch sind. Doch das macht rein gar nichts, In jedem Fall wirken die Antworten an die Leser glaubhaft, authentisch und nachvollziehbar, und es entsteht ganz nebenbei so etwas wie eine Handlung: So versucht der Ich-Erzähler seine Ehefrau Dikla zurückzugewinnen, die Trennungsabsichten hat – und letztlich ist das eine anrührende Liebesgeschichte. Weitere zentrale Elemente sind der todkranke Freund Ari, den Nevo oft im Krankenhaus besucht, und seine älteste Tochter, die sich von ihm distanziert.

​Mit fortschreitender Seitenzahl entsteht das intime Porträt eines Mannes, der an den diversen Realitäten in seinem Leben leidet – egal, ob erfunden oder nicht.

Eshkol Nevo: Die Wahrheit ist.
dtv, April 2020.
432 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder und Andreas Schröter.

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