D. W. Wilson: Den Boden nicht berühren

wilsonDavid William Wilson, kurz D. W. Wilson, ist ein junger, 1985 in Kanada geborener Autor, der Erzählungen schreibt, für die er schon mehrfach mit Preisen ausgezeichnet wurde. Mit „Den Boden nicht berühren“ (Originaltitel „Once you break a knuckle“) stand er auf der Shortlist des Dylan Thomas Prize 2013, der junge Autoren, die in englischer Sprache schreiben, ehrt und als Sprungbrett für eine literarische Karriere gilt. Und eine literarische Karriere ist D. W. Wilson durchaus zu wünschen, denn er schreibt gut. Bei dtv Premium ist nun nach dem Roman „Als alles begann“ (2014) der erste Erzählband des Autors mit dem Titel „Den Boden nicht berühren“ auf Deutsch erschienen.

Darin 12 „Jungs aus der Kleinstadt“ – Storys in der kanadischen Provinz: Da möchte Will seinem Vater, dem Polizisten John A. Crease, in „Bis einer umfällt“ lieber eine Verletzung beim Judo zufügen, als dass er ihn in den Krieg im fernen Kosovo ziehen lassen will. In „Sediment“ löst das Essen einer Grapefruit beim Ich-Erzähler die Erinnerung an letzte Highschool-Tage mit seinem Freund Bellows aus, der der „Einzige war, der jemals für mich eingetreten ist“ und wenig später im Afghanistan-Krieg stirbt. Oder der Mathematiklehrer, dessen Frau und Sohn ihn verlassen haben und der dennoch an einem Heliotrop (eine Erfindung von Friedrich Gauß zur Landvermessung) für seinen Sohn baut, in der vagen Hoffnung, dass beide zu ihm zurückkehren. Biff Crane setzt sich ins Auto, um seinen Sohn zu suchen, weil der ihn einst vor der großen „Wahnsinnkuh“ rettete und für den Vater die wichtigste Person auf der Welt ist. In der Titelgeschichte „Den Boden nicht berühren“ beobachtet Will, wie sein Freund Mitch Opfer einer Prügelattacke und später ein angesägter Ast zur Todesfalle für einen Jungen wird. Mit der letzten Story im Buch „Einmal den Knöchel gebrochen“, die der Originalausgabe den Titel gab, schließt sich der Erzählkreis, denn dort messen Will und John Crease einmal mehr ihre Kräfte, diesmal an einem Flaschenzug. Mit dem Ergebnis, dass der Vater dem Sohn, der sein Universitätsstudium aufgeben will, um ebenfalls Polizist zu werden, die Knöchel bricht. Und trotzdem lässt Wilson Mitch, Wills Freund, in dieser Szene sagen: „…und da wurde mir klar, dass Will und sein Dad glücklicher denn je waren, und ich hoffte, dass sich das nie änderte“.

D. W. Wilsons Storys spielen in Invermere, einem kleinen Nest im kanadischen British Columbia. Die ausschließlich männlichen Protagonisten sind Söhne oder Väter. Sie gehen zur Schule, befinden sich im Übergang zum Erwachsenwerden oder sind gestandene Polizisten, Minenarbeiter oder Handwerker. Das Leben ist rau und die Sprache kurz und knapp. Es geht um Freundschaft, Autos, Sport, Alkohol, Frauen (Mädchen), Enttäuschungen und Prügeleien.

Mädchen und Frauen tauchen nur in Nebenrollen auf, bestimmen aber als Ehefrauen, Ex-Ehefrauen, Freundinnen oder Geliebte mitunter das Handeln oder Verhalten der Männer.

Wilson beschreibt eine Männerwelt mit Männerthemen, doch er lässt Zärtlichkeit, Verletzlichkeit und Angst dieser harten Kerle durchblicken, z.B. wenn er über den Wettkampf zwischen Will und seinem Vater John schreibt:

„Wenn ich ihn hart genug warf, wenn ich ihm wehtat, nur ein bisschen – ein verstauchtes Handgelenk, eine geprellte Rippe, eine kleine Gehirnerschütterung -,  würde er seinen Flug verpassen. Dann würde er nicht in den Kosovo fliegen. Sondern in Invermere bleiben, fern von Heckenschützen und Landminen, und noch einmal gegen mich antreten.“

Wilson gelingt es, dem Lesenden die Gefühlswelten seiner Figuren zu erschließen, ohne dass er sie lange beschreibt. Er lässt sie handeln und sprechen:

„Das wird schon wieder, Dad, sagte der Junge, und Biff, Biff – also Biff glaubte es ihm.“ Da höre ich förmlich die Schluchzer in Biffs Kehle und sehe die Tränen in seinen Augen aufsteigen.

Ist jede Geschichte in sich abgeschlossen, tauchen doch Personen einer Geschichte auch in anderen auf, dies gilt vor allem für die Familien Crease und Cooper. So begleiten die Bewohner den Lesenden eine Zeit lang durch die Kleinstadt Invermere und das Bild, das man sich vom Leben dort macht, gewinnt an Tiefenschärfe. Das ist ein Erzählkniff, der schon anderen Autoren von Short Storys zu großem Erfolg verholfen hat. Ich denke da z.B. an Elizabeth Strouts „Mit Blick aufs Meer“ (mit der unvergleichlichen Olive Kitteridge), für das sie 2009 den Pulitzer-Preis erhielt.

D. W. Wilson beherrscht die kurze Form, und es ist ihm zu wünschen, dass ihm der Erzählstoff nicht ausgeht.

D. W. Wilson: Den Boden nicht berühren.
dtv, Juli 2016.
240 Seiten, Taschenbuch, 16,90 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.