Clarice Lispector: Ich und Jimmy

Jimmy weiß, wie Liebe, Sex und Beziehung funktionieren. In der titelgebenden Kurzgeschichte lässt sich eine junge Frau auf seine Argumentation ein und nimmt ihn schließlich auf eine Weise wörtlich, die ihm nicht behagt.

In den Geschichten der brasilianischen Autorin Clarice Lispector stehen Frauen im Mittelpunkt, junge Mädchen und ältere Damen, Hausfrauen, Ehefrauen, Angestellte, Prostituierte. Die Autorin beschreibt einen exemplarischen Moment im Leben ihrer Protagonistinnen. Die Erzählanlässe erscheinen teilweise banal – eine Zugfahrt, bei der sich zwei Frauen gegenüber sitzen, ein Strauß Rosen, der verschenkt werden soll oder vielleicht auch nicht, die Verabschiedung der Mutter nach dem Besuch. Hinter dem alltäglichen Rahmen versteckt sich jedoch besonderes Erleben. Konträr dazu wird die Rache von zwei Frauen an ihrem untreuen Liebhaber so unspektakulär erzählt, als handle es sich um ein paar gestohlene Kartoffeln.

In den meisten Geschichten geht es weniger um die Handlungen, vielmehr tauche ich in die Gedankenwelt der Frauen ein, begleite sie auf den verschlungenen Pfaden von Assoziationsketten und Erinnerungen, werde zur Mitwisserin versteckter Hoffnungen oder verschämten Egoismus. Es zeigen sich Wesenszüge, die tief unter der Oberfläche verborgen sind. Clarice Lispector seziert Gemütslagen und Seelenzustände, sie tut das mit leichter Feder, so dass ich ihr gerne folge. Sie gießt Gefühlswallungen in wunderbar gedrechselte Sätze und entblättert Schicht um Schicht, gibt den Blick frei auf Ermutigendes und Abgründiges. Gekonnt spielt sie mit Sprache, beherrscht die Leichtigkeit des scheinbar unbekümmerten Erzählens und doch sitzt jedes Wort. Sie erschafft wunderbare Bilder und überraschende Vergleiche. Manche Texte scheinen gleichsam zu schweben. An dieser Stelle soll auch die Arbeit des Übersetzers Luis Ruby gewürdigt werden, dem eine lesenswerte Neuübersetzung gelungen ist.

Clarice Lispector wurde 1920 in Tschetschelnyk (Ukraine) geboren, kurz bevor ihre Eltern, russische Juden, zunächst nach Deutschland und schließlich nach Brasilien auswanderten. Ihren ersten Roman veröffentlichte sie im Alter von 23 Jahren. Bis zu ihrem Tod 1977 erschienen weitere Romane und etliche Kurzgeschichten, zudem schrieb sie für Zeitschriften und arbeitete als Übersetzerin. Einen tieferen Einblick in ihr Leben und ihre Zeit gewähren das Nachwort von Teresa Präauer und verständnisfördernde Anmerkungen im Anhang.

Der vorliegende Band vereint 30 Kurzgeschichten, von denen keine der anderen gleicht. Alle vereint das spürbare Vergnügen der Autorin am Erzählen. Es ist mir eine Freude, dieses auch äußerlich schöne Buch einer hoffentlich breiten Leserschaft empfehlen zu können.

Clarice Lispector: Ich und Jimmy.
Aus dem Portugiesischen übersetzt von Luis Ruby.
Manesse, April 2022.
416 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Jana Jordan.

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