Anne-Kathrin Kilg-Meyer: Gertrude Trudy Ederle: Eine Schwimmerin verändert die Welt

„… Oh, es war ein schönes Leben! Ich war sehr glücklich, wenn ich geschwommen bin. Es hätte immer so weitergehen können.“ (S. 120) Im Oktober 1905 wird Trudy in New York geboren. Ihre Eltern, deutsche Auswanderer, erlebten mit ihrer Metzgerei den amerikanischen Traum. Vor diesem finanziell gesicherten Hintergrund erfuhr Trudy die Erziehung modern denkender Eltern, die ihren Töchtern unter anderem den Schwimmunterricht ermöglichten. Dies hatte durchaus praktische Erwägungen, weil sie auch ein Haus in Küstennähe besaßen und sichergehen wollten, dass keines ihrer Kinder ertrank. Schnell stellte sich heraus, dass nicht nur die beiden älteren Töchter im Schwimmen talentiert waren. Die kleine Trudy übertraf sie alle. Erst als junge Frau begreift sie, wie weit sie ihrer Zeit voraus war. Denn sie konnte im Vergleich zu vielen anderen Frauen nicht nur schwimmen, sie schwamm auch ohne die bis dato übliche Bekleidung. In einem enganliegenden gestrickten Einteiler mit kurzem Bein zeigte sie mehr von ihrem Körper als andere Frauen, von denen erwartet wurde, mit langen Kleidern und Haube ins Wasser zu gehen. Nachdem sie als Jugendliche dank eines ausgeklügelten Schwimmtrainings ihren einzigartigen, perfekten Kraulstil beherrschte, gewann sie ab 1920 viele Schwimmwettkämpfe, zu denen erstmalig Frauen zugelassen worden waren. Weltrekorde und Medaillen bei den Olympischen Spielen 1924 kamen hinzu. Als erste Frau, die den Ärmelkanal bezwang und dies schneller als jeder Mann vor ihr, wurde Trudy von den Medien zur »Königin der Wellen« gekürt und damit zu einem Weltstar gemacht.

Die Rechtsanwältin und Autorin Anne-Kathrin Kilg-Meyer hat über die Ausnahmeathletin Gertrude Trudy Ederle viel mehr als nur eine spannende Biographie geschrieben. Sie zeigt neben einem tiefen Verständnis für den Schwimmsport, insbesondere dem Langstreckenschwimmen im Freiwasser, wie eine junge Frau ein willenstarker Wildfang blieb und nicht den Weg einer dressierten, ihrer Grundrechte beraubten Ehefrau ging. Dank Trudys Vorbild fanden in den zwanziger Jahren viele Frauen einen weiteren Grund, selbstbewusst und eigenständig für ihre Rechte einzutreten. Trudy zeigten allen, dass das sogenannte schwache Geschlecht stärker sein konnte als jeder Mann. Für die Kanaldurchquerung entwickelte sie zusammen mit ihrer Schwester Meg die erste wasserdichte Schwimmbrille und einen zweiteiligen Badeanzug, der sie beim Schwimmen nicht einschränkte und unnötige Scheuerwunden reduzierte. Auch in dieser Hinsicht war sie ihrer Zeit voraus, denn der Bikini wurde erst zwei Jahrzehnte später „erfunden“.

Anne-Kathrin Kilg-Meyer gab ihrem wunderschön geschriebenen Buch den Titel Eine Schwimmerin verändert die Welt. Dies gelang Trudy als Beifang, denn sie wollte immer nur schwimmen, sich frei fühlen, die Schwerelosigkeit im Wasser spüren, die Ruhe und das Einssein mit dem Meer genießen.

Kurz vor Ende der Durchquerung des Ärmelkanals kam sie in einen Sturm mit starkem Wellengang und prasselndem Regen. Ein Begleiter im Boot schrie sie an, sie solle sofort aus dem Wasser kommen. Doch Trudy ruft zurück. „What for“. Dieses „Wozu“ wurde ihr Leitspruch. Dass Wegbegleiter an ihrem Erfolg und Kampfgeist reich wurden, während Trudy nur Brosamen blieben, ist ein Umstand, der sich bis heute nicht geändert hat. Noch immer werden neue Heldinnen gebraucht, die anderen Frauen Wege aus einem tradierten Raubrittertum zeigen.

Anne-Kathrin Kilg-Meyer: Gertrude Trudy Ederle: Eine Schwimmerin verändert die Welt.
Verlag Eriks Buchregal, September 2020.
128 Seiten, Gebundene Ausgabe, 16,90 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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