Anca Sturm: Der Weltenexpress

Flinn ist 13 Jahre alt und trägt nicht nur einen geschlechtslosen Namen, auch sonst denkt niemand in ihrer Umgebung, dass sie ein Mädchen sein könnte. Sie ist so unscheinbar und traurig, denn vor zwei Jahren verschwand ihr älterer Bruder Jonte spurlos. Nur einige sonderbare Postkarten hat sie seitdem von ihm erhalten. Die Postkarten zeigen einen großen Passagierzug – zumindest für Flinn! Denn weder die Polizei noch ihre Mutter können den Zug sehen. Und dann eines Abends, als Flinn an dem uralten Bahnsteig abhängt, an dem auch Jonte verschwunden ist, hält genau dieser Zug vor ihren Augen an. Flinn nimmt allen Mut zusammen und geht an Bord. Vielleicht kann sie dort ja Jonte finden?

Schnell zeigt sich, dass der Zug etwas ganz Besonderes ist. Die Aneinanderreihung der Waggons stellt eine Schule für besonders begabte Kinder dar, die aus schwierigen Verhältnissen stammen und deren Potenzial deswegen nicht zur Geltung käme. Bekannte Persönlichkeiten wie Albert Einstein haben die Schule einst besucht! Doch Flinn muss auch feststellen, dass nicht jeder Schüler oder Schülerin im Weltenexpress sein kann. Die Pfauen, wie die sie genannt werden, haben alle ein Ticket, das sie zur Mitfahrt berechtigt. Flinn allerdings hat kein Ticket. Sie scheint ein Pfog zu sein, ein Pfau ohne Glauben an sich selbst! Für zwei Wochen, bis der Zug wieder in Deutschland Halt macht, darf sie dennoch mit den Pfauen an Bord sein. Die Chance, nach Jonte zu suchen. Denn an Bord scheint er nicht mehr zu sein, das wäre Flinn aufgefallen.

Anca Sturm (Jahrgang 1991) legt mit „Der Weltenexpress“ ihren Debütroman vor. Sie entwirft eine Zaubergeschichte der etwas anderen Art. Die Schule für besonders begabte Kinder aus schwierigen Verhältnissen besteht aus 24 Waggons, die über Trittplattformen miteinander verbunden sind. Hier lernen die Kinder täglich etwas über Benehmen in höheren Kreisen, geschichtliche Errungenschaften, Sport … klassische Schulfächer wie Mathe oder Sprachen sucht man vergebens. Auch wird den Schülern und Schülerinnen sehr viel selbst in die Hand gelegt. Sie haben Studierzeiten, in denen sie selbst für ihre Bildung verantwortlich sind. Und gerade die Kinder aus benachteiligten Familien sind hochmotiviert, aus ihrem Talent etwas zu machen. Über allem schwebt eine Atmosphäre, die man im weitesten Sinne als Steampunk bezeichnen könnte. Die so genannte Magietechnologie existiert und macht die Welt um die Kinder und Lehrer herum irgendwie magisch, ohne dass die Kinder im Stile Harry Potters herumlaufen und zaubern. All das sorgt für eine gelungene Atmosphäre und einen tollen Auftakt für eine Romanreihe.

Das Zielpublikum sollte bei Kindern und Jugendlichen ab etwa 12 Jahren zu finden sein, nicht zwangsläufig nur Mädchen. Die klassischen Themen wie Freundschaft, Gefühle und Familie haben einen sehr hohen Stellenwert. Die 13-jährige Flinn ist dabei eine überzeugende Protagonistin, die von der Sehnsucht nach ihrem Bruder geleitet wird, das eigene Potenzial aber völlig verkennt. Als zweites Kind von fünf und einziges Mädchen der Familie kennt sie wie ihre Geschwister den leiblichen Vater nicht. Mit der Mutter leben die Kinder in einem kleinen Dörfchen. Manchmal reicht das Geld kaum für Essen und seitdem Jonte verschwunden ist, hält Flinn selbst es zu Hause kaum mehr aus. Im Weltenexpress lernt sie eine andere Welt kennen, findet spontan interessante Freunde und legt sich öfter mit einer Frau an, die sie für die Schaffnerin des Zugs hält.

Eine ganz tolle, prima umgesetzte Geschichte. Hoffentlich lassen die Folgebände nicht allzu lange auf sich warten!

Anca Sturm: Der Weltenexpress.
Carlsen, August 2018.
384 Seiten, Gebundene Ausgabe, 14,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Janine Gimbel.

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