„Es ist, als gäbe es da eine unsichtbare Linie der Behinderung, und wenn du auf der falschen Seite bist, machen sich nicht einmal die Mobber über dich lustig. Du bist so weit außerhalb, dass es einfach nicht mehr lustig ist.“
Eigentlich wollte Walter studieren. Doch nach dem überraschenden Tod des Vaters muss seine Mutter in die Erwerbstätigkeit zurückkehren und kann nicht mehr die Unterstützung leisten, die Walter als non-verbaler Autist benötigt, um im universitären Umfeld zurechtzukommen. Bei Upward Bound, einer Tagesstätte für behinderte Teenager und Erwachsene, gibt es niemanden, der sein Potenzial erkennt oder sich die Zeit nehmen könnte, mit ihm per Buchstabentafel zu kommunizieren. Stattdessen werden die „Schützlinge“, wie der Einrichtungsleiter sie bezeichnet haben möchte, mit einem ewig gleichen Ablauf aus Spielen für Kleinkinder und sinnentleerten Ausflügen beschäftigt. Mehrere Angestellte bei Upward Bound versuchen, frischen Wind in die verstaubte Routine zu bringen, und setzen sich für einen menschenwürdigen Umgang ein. Als jedoch das ungewöhnliche, wenngleich harmlose Verhalten eines ausgebüxten Schützlings ins Visier einer Polizeistreife gerät, kommt es zu einer Katastrophe.
Ein ganz normales Wunder lässt viele unterschiedliche Figuren zu Wort kommen, indem die Kapitel aus verschiedenen Perspektiven erzählt werden. So lernen wir neben Walter auch Tom kennen, einen jungen Mann mit Zerebralparese, die seinen Körper verkrampfen lässt und ihn so gut wie bewegungsunfähig macht. Durch die Gesichtsspastik wird er von anderen Menschen entweder als geistig behindert wahrgenommen oder wegen der kaum möglichen Interaktion schlichtweg gar nicht beachtet. Dabei hat er ein reiches Innenleben und ganz konkrete Träume und Vorstellungen von einem erfüllten Leben, das ihm unerreichbar erscheint.
Auch die Unsicherheit und Zurückhaltung von Nicht-Behinderten im Kontakt mit Behinderten erfahren wir durch die Schilderungen von weiteren Charakteren. Und wir lesen von den Schwierigkeiten der Betreuungspersonen bei Upward Bound, die bei geringem Lohn und nicht idealen Arbeitsbedingungen auf ihre jeweils persönliche Art versuchen, etwas Gutes zu tun.
Der Autor Woody Brown, selbst non-verbaler Autist, dessen persönliche Erfahrungen sich teilweise in der Figur des Walters wiederfinden, hat ein beeindruckendes Plädoyer für die Mitmenschlichkeit und für einen Blick über den Tellerrand geschrieben. Mich persönlich hat das Buch sehr berührt.
„Mit dem Deuten und Tippen eröffnete ich mir den Zugang zu einem anderen Resultat. Oft fragte ich mich, warum der Schulbezirk mein Beispiel nicht zum Anlass nahm, mit den anderen wie beispielsweise Jorge genauso zu verfahren. Es war wohl zu verwirrend oder zu viel Arbeit. Oder es gab dort keine Kriegermütter, die sie zwangen, die Verlierer zu unterrichten, die sie für nicht unterrichtbar hielten.“
Im Zuge meiner Beschäftigung mit dem Buch stieß ich auf die Auswahl für die Aktion „Deutschland liest ein Buch“ und dort auf einen Kommentar zu Zweifeln an der Autorenschaft von Woody Brown. Weitere Recherche offenbarte, dass in den englischsprachigen digitalen Medien diskutiert wird, ob nicht in Wahrheit die Mutter des Autors, Mary Brown, die Verfasserin des Buches sei. Diese These wird mit einem Videoausschnitt begründet, in dem Woody und Mary Brown ein Interview mit Hilfe der Gestützten Kommunikation (facilitated communication, FC) geben. Bei dieser Methode deutet der nicht-sprechende Mensch auf eine Buchstabentafel, die von einer Unterstützungsperson (facilitator) gehalten wird. Teilweise wird auch bei der Handführung assistiert. Der facilitator leistet darüber hinaus emotionale Unterstützung und verbalisiert die empfangene Aussage. FC wird als pseudowissenschaftlich angesehen, da es bewusst oder unbewusst zu motorischer Einflussnahme und Uminterpretation durch den facilitator kommen kann. Das Ziel sollte sein, die Abhängigkeit vom facilitator schrittweise abzubauen, um mittels Bildkarten, Gebärden und digitaler Hilfsmittel eine aktive und selbstbestimmte Kommunikation ohne Lautsprache zu ermöglichen (Unterstützte Kommunikation). Dass dieser Weg gelingen kann, zeigt sich unter anderem am Beispiel des non-verbalen autistischen Autors Ido Kedar.
Im besagten Video von Woody und Mary Brown stimmen die ausgesprochenen Sätze der Mutter nicht mit den getippten Buchstaben des Sohnes überein. Letztere ergeben nicht einmal richtige Wörter. Die Internet-Community schwankt zwischen Mitgefühl für eine verzweifelte Mutter, die sich so sehr einen Zugang zu ihrem Kind wünscht, dass sie sich seine kommunikativen Fähigkeiten komplett einbildet, und Entsetzen über eine manipulative Mutter, die ihr hilfloses Kind für den eigenen Traum eines erfolgreichen Buchdeals instrumentalisiert.
Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich die Frage der Autorenschaft in meiner Rezension überhaupt zum Thema machen möchte. Ich will Ableismus und verschwörungsideologisch anmutenden Videoanalysen keine Bühne bieten. Gleichzeitig wird, wer sich näher mit dem Buch befasst, ohnehin die Online-Diskussionen entdecken. Deshalb möchte ich noch einige eigene Überlegungen teilen: Ungeachtet dessen, dass auch Videomaterial verfälscht sein kann, sollte nicht außer Acht gelassen werden, welchen Einfluss die Interview-Situation auf Woody Brown gehabt haben könnte. Ich stelle mir vor, dass das Setting in einem Fernsehstudio mit grellem Licht, vielen fremden Menschen und ungewohnten Abläufen eine Ausnahmesituation für ihn dargestellt haben mag, wodurch Fähigkeiten nicht wie üblich abgerufen werden konnten. Der Empörung darüber, dass die Moderatorin sich so hätte blenden lassen, ließe sich leicht der Wind aus den Segeln nehmen, wenn die Interview-Fragen im Vorfeld abgesprochen gewesen und die Antworten so wiedergegeben worden wären, wie Woody Brown sie zuvor in einem entspannten Setting übermittelt hatte. Auch kann ich mir kaum vorstellen, dass zwei renommierte Universitäten akademische Abschlüsse an Woody Brown vergeben hätten, ohne vom eigenen Können ihres Absolventen überzeugt zu sein. Und warum sollte Mary Brown das Buch nicht einfach unter ihrem eigenen Namen veröffentlichen? Ihre Erfahrungen als Mutter und Pflegeperson wären Marketing-technisch ebenfalls ein guter Aufhänger.
Für das Werk an sich macht es keinen Unterschied, ob und in welchem Ausmaß und mit welcher Intention Mary Brown an seiner Entstehung beteiligt war. In Ein ganz normales Wunder wird auch Eltern wie ihr Tribut gezollt: der alltäglichen Erschöpfung in einem überfüllten Alltag ohne Unterstützung, der Fassungslosigkeit über die sich immer wiederholende Ungleichbehandlung aufgrund der Behinderung, dem zermürbenden Kampf gegen die Mühlen der Bürokratie – und der Einsamkeit, wenn die Welt um sie herum das eigene Kind längst aufgegeben hat.
Wenn eine solche Mutter sich nicht ihrem Schicksal ergibt, das gefälligst leidvoll zu sein hat, sondern entgegen der Einschätzung aller Fachpersonen ihr Kind fördert, ruft das in den sozialen Medien Misstrauen hervor: da muss doch etwas faul sein, oder? Es wird nachgebohrt, überprüft und analysiert, bis sich etwas findet, aus dem der kollektive Aufschrei neue Energie schöpfen kann, und das viele Klicks generiert, ein willkommener Nebeneffekt.
Als Außenstehende werden wir nicht abschließend klären können, aus wessen Feder das hier besprochene Buch stammt. Mir scheint allerdings, in der öffentlichen Rezeption stehe statt des Inhalts des Buches im Vordergrund, dass es von einem nicht-sprechenden Autisten verfasst wurde. Als wäre es tatsächlich ein Wunder, dass jemand ohne Sprache dennoch Worte hat und trotzdem kommunizieren kann und will. Was das Buch so besonders macht, sind für mich hingegen das Einfühlungsvermögen für die behinderten und die nicht-behinderten Figuren gleichermaßen und der unverstellte Blick darauf, wie eine Gesellschaft, die Erfolg und Wertigkeit ihrer Mitglieder anhand von Produktivität und Einheitlichkeit definiert, auf Abweichungen von ihrer selbst postulierten Norm reagiert. In diesem Sinne braucht Ein ganz normales Wunder gar keine dramatische Biographie im Hintergrund; es kann literarisch von selbst überzeugen.
Insgesamt lautet meine Empfehlung zu diesem Buch: Lesen Sie es, um einen Eindruck davon zu bekommen, wie es ist, „anders“ zu sein. Freuen Sie sich auf emotionale Tiefe und auf ganz unterschiedliche Blickwinkel. Vielleicht entdecken Sie dabei Vorurteile und Fehleinschätzungen gegenüber behinderten Menschen, derer Sie sich nicht bewusst waren. In jedem Fall wartet eine sehr bewegende Leseerfahrung.
Woody Brown: Ein ganz normales Wunder
Aus dem Englischen übersetzt von Stefan Kleiner
Verlag Kiepenheuer und Witsch, September 2026
E-Book, 18,99 €
Diese Rezension wurde verfasst von Sabrina Rüdebusch.
