Mokhtar Amoudi: Ein ziemlich anderes Leben

Skanders Kindheit und Jugend sind eingekeilt zwischen den Wünschen seiner Mutter, die sich nicht um ihn kümmern kann oder will, und den Anforderungen des Jugendamtes. Zwischen den Interessen seiner Pflegemutter Madame Khadija und seinem sozialen Umfeld.

Im Alter von 10 Jahren wird er aus dem behüteten Leben in einer französischen Pflegefamilie herausgerissen und zu einer Pflegemutter nach Courseine gebracht. 

Courseine – man findet diesen Ort nicht auf der Karte, diese fiktive Banlieue von Paris vereint alle üblen Merkmale, die man von den Pariser Satellitenstädten kennt. Die Kriminalitätsrate ist hoch, es gilt die Macht des Stärkeren, Drogenhandel ist allgegenwärtig.

Skander muss bald erkennen, dass gute Leistungen in der Schule ihm hier keine Anerkennung einbringen. Der begabte und wissensdurstige Junge versucht sich anzupassen. Er will nicht enttäuschen, er will keinen Ärger. Er sucht Freunde und Anerkennung und gerät dadurch immer tiefer in den Strudel der Perspektivlosigkeit.

Die Geschichte wird aus Skanders Sicht erzählt. Der Autor Mokhtar Amoudi lässt seinen Helden tiefe Einblicke in dessen Gefühls- und Gedankenwelt gewähren. Indem Skander sich und seine Handlungen bewertet bzw. erklärt, geht er in Distanz zu sich. Vielleicht ist dieses Leben für einen Jugendlichen anders nicht zu ertragen. Diese Distanz schimmert durch alle Zeilen und macht die Lektüre gleichzeitig spannend und anstrengend. Es fällt mir schwer, den Menschen Skander zu fassen, denn er wirkt auf mich auch in den übelsten Situationen analytisch und irgendwie abgeklärt. 

Vielleicht liegt das aber auch daran, dass ich in ein Leben eintauche, welches so ganz anders verläuft als meines. Dass es für Skander viel schwerer ist, sich immer wieder aufzurappeln und sich nicht der Hoffnungslosigkeit zu ergeben.

Mokhtar Amoudi öffnet mir und sicher auch manchem Leser ein Fenster in eine Welt, die uns fern erscheint. Die uns näher ist, als wir wahrhaben wollen. Danke dafür.

Mokhtar Amoudi: Ein ziemlich anderes Leben
Aus dem Französischen übersetzt von Alexandra Baisch
Luchterhand, April 2026
303 Seiten, gebundene Ausgabe, 23,00 Euro

Diese Rezension wurde verfasst von Jana Jordan.

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